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Foto: jadon, aboutpixel.de

Brave Mädchen kündigen nicht. Und lassen sich weiter ausnutzen.

Es ist ein Phänomen, das mir seit Beginn meiner Tätigkeit als Karrierecoach regelmäßig unterkommt: Frauen, die mit ihrem Job unzufrieden sind, keine Aussicht auf Besserung sehen und dennoch nicht kündigen – obwohl ihre Chancen am Arbeitsmarkt gut sind. Denn sie sind kluge, fleißige und absolut verlässliche Arbeiterinnen, fachlich top, kommunikativ und freundlich. Echte Perlen.

Vielen Betroffene leiden bereits unter körperlichen und/oder psychischen Symptomen, beides hängt ja zusammen: Schlafstörungen, Kreisgedanken, Grübelzwang, schmerzhafte Verspannungen, Zähneknirschen bis zu Abnutzungserscheinungen, nervöse Ticks, Magen-Darm Probleme oder ein geschwächtes Immunsystem; die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Den Job kündigen, wenn die Gesundheit darunter leidet – dieser Empfehlung stimmen ja viele theoretisch zu. Weniger klar wird meist der Zusammenhang zwischen eigenen gesundheitlichen Problemen und einer hoffnungslosen Jobsituation gesehen (Argument: „Im Urlaub hab ich eh wieder ganz gut geschlafen, also kann es wohl nicht so schlimm sein“).

Was hindert Leute mit guten Chancen am Markt, die so sehr angestrebte Kündigung auszusprechen?

In den meisten Fällen spielt die Angst, keinen Job zu finden, eine relevante Rolle. Und wohlmeinende Ratgeber, die eigene Existenzängste gerne auf andere projizieren, sind schnell zur Stelle („Sei froh, dass du überhaupt einen Job hast“). Sorry, das nützt nichts, wenn dieser eine Job krank macht!

Wenn man genauer hinsieht, ist die Angst vor Arbeitslosigkeit nicht das entscheidende Kriterium. Denn Betroffene sind durch ihr chronisches Überengagement und generelle Überlastung im Noch-Job meist nicht in der Lage, neben der Arbeit auf Jobsuche zu gehen. Dh. der alte Job verhindert einen neuen, passenderen.

Nein, der eigentliche Grund liegt in der Angst, etwas dem Willen von Vorgesetzten diametral Entgegengesetztes zu tun – zu kündigen. Wer lässt eine Perle schon gerne ziehen?

Überbordende Loyalität – ein Frauenproblem

Das Thema erinnert mich an den Bestseller der US-amerikanischen Psychotherapeutin Robin Norwood aus dem Jahre 1987 („Wenn Frauen zu sehr lieben“), in dem sich unzählige Frauen auch im deutschen Sprachraum wiedererkannten. Norwood bezieht sich auf schädigende Beziehungen zu Männern, die beibehalten werden, obwohl keine Aussicht auf Besserung besteht.

Anscheinend können Frauen auch Jobs „zu sehr lieben“. Und mit „zu sehr“ meine ich folgende Aspekte:

  • Der Hang, sich nach Strich und Faden ausnutzen zu lassen, ohne relevante Belohnung, aber vielleicht für einen freundlichen Blick
  • Chronisches Überengagement, für das von Anfang an Bereitschaft signalisiert wurde und an das sich alle gewöhnt haben (ein plötzliches „nein“ wird dann schwierig)
  • Weitgehende Unfähigkeit zur Abgrenzung und fehlendes Repertoire an diesbezüglicher Ausdrucksfähigkeit („Wenn Sie mir heute diese Aufgabe zusätzlich übertragen, kann ich das Projekt XY nicht bis zum 3. fertigstellen“).
  • Hohe Emotionalisierung der Arbeitsbeziehungen. Starke persönliche Bindungen zu Kollegen und Vorgesetzten (auch wenn diese negativ erlebt werden). Der Arbeitsplatz wird wie Familie empfunden.

Die Erlaubnis zur Kündigung: Ja, Sie dürfen!

„Ja darf ich denn kündigen?“ fragte eine besonders emsige Arbeitsbiene, tief tief unten im Burnout. Mit dieser Frage brachte sie das innere Dilemma von vielen Betroffenen auf den Punkt: Sie gestatten sich nicht, so „schlimm“ zu sein und Vorgesetzte/Kollegen/die Firma zu verlassen („Ich will die jetzt nicht im Stich lassen“, höre ich oft).

Meine Aufgabe mit Menschen, die allein den Ausstieg aus krankmachenden Arbeitssituationen nicht schaffen, ist zunächst eine eingehende Reflexion aller relevanter Aspekte. Aber das reicht oft noch nicht. Die meisten brauchen eine Erlaubnis. Wenn ich diese ausspreche, dauert es oft eine Weile, bis sich die Betroffenen diese auch selbst geben können.

Schlichte Fakten können hilfreich sein:

  • Eine Kündigung ist ein einseitiger Willensakt. Der/die Vorgesetzte muss damit nicht einverstanden sein!
  • Eine Erklärung parat zu haben kann das Kündigungsgespräch erleichtern. Rein rechtlich sind Sie bei einer Kündigung jedoch nicht zu einer Begründung verpflichtet. Sie brauchen sich vor allem nicht zu rechtfertigen. Sie haben das RECHT zu kündigen, wenn Sie das möchten.
  • Sie haben keinen wie immer gearteten persönlichen Vertrag mit einer Person, sondern mit einer Firma. Sie sind dieser Firma nicht zur Loyalität verpflichtet. Auch Arbeitgeber verhalten sich in vielen Fällen keineswegs loyal.
  • Eine starke Firmenloyalität ist im Kapitalismus oft schlicht karriereschädlich. Wichtiger ist es, die eigene „employability“ aufrecht zu halten, dh. die eigene Qualifikation laufend so weiterzuentwickeln, dass man am Arbeitsmarkt attraktiv bleibt.

Und nach dem Absprung?

Alle von mir mit dieser Problematik Betreuten haben den Absprung geschafft. Meines Wissens bereut ihn keine Einzige. Alle haben wieder neue Arbeit gefunden.

Diese ist auch nicht immer perfekt, aber die Betroffenen sind durch ihre Vorgeschichte meistens vorsichtiger damit, Einsatzbereitschaft bis zum Umfallen zu signalisieren und entwickeln mehr Mut darin, Grenzen zu ziehen. Und zwar von Anfang an.