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Kategorie: Allgemein

Methoden

Psychotherapie ist mehr als seine Methodik

…und dennoch möchte ich Sie über meinen methodischen Hintergrund informieren.

Ich bin über viele Jahre in der humanistischen Methode Integrative Gestalttherapie ausgebildet. Humanistische Therapiemethoden sind eine der großen Strömungen neben Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und systemischen Ansätzen.

Für mich ist das Wesentliche an der Gestalttherapie das Augenmerk, das auf die therapeutsiche Beziehung gelegt wird. Diese ist schon ein wichtiger Wirkfaktor.



Systemtreue schlägt Klarsicht

Man kann gut nachvollziehen, dass sich Organisationen innovative Leute vom Markt holen und  von diesen oft nicht nur inhaltlich Revolutionäres erwarten, sondern auch ein gewisses Mitziehen der vorhandenen Belegschaft. Weniger auf der Hand liegt, warum solche Unternehmungen oft scheitern.

Nicht selten liegt es an der mangelnden Einsicht, dass sich Innovative eben gerne der Innovation zuwenden – und damit weniger dem mikropolitischen Drumherum. Dieses braucht es aber, um Ideen durchzubringen. Irgendwer muss sich also darum kümmern. Ohne signifikante Schützenhilfe von möglichst vielen Seiten, jedenfalls aber von oben, prallen solche Persönlichkeiten an derselben Organisation ab, die sie zuvor angeworben hat.

George Orwells „Doppeldenk“

Doppeldenk („doublethink“) ist eine Wortschöpfung George Orwells aus seinem Roman „1984“. Damit gemeint ist die Fähigkeit, Dinge zwar mit eigenen Augen zu sehen, durch autoritär auferzwungenen Druck aber die Vernebelung, die Falschdarstellung für wahr zu halten – kurzum: Lügen (irgendwann) selber zu glauben.

Masha Gessen hat mit „Doppeldenk“ die Mentalität der Russen beschrieben, die mit dem ständigen Widerspruch zwischen Realität und Ideologie zurecht kommen müssen.

Doppeldenk in Unternehmen

Das Anwendungsfeld für „Doppeldenk“ geht aber viel weiter: Jede autokratisch strukturierte Organisation produziert ihn und wird ihn reproduzieren, solange Arbeitsplätze und Aufstiegschancen knapp, Machtpolitik aber gang und gäbe ist. Diese Parameter schaffen ein komplexes Gefühlsgefüge: Angst, Neid und Unsicherheit vermischen sich mit Ehrgeiz, Leistungsorientierung und der Freude am Taktieren.

Wirklich innovatives Denken, das sich viele Organisationen offiziell wünschen, ist aber „Einfachdenk“, kein Doppeldenk – es dient dem Erfinden, dem Neuen; es dient sich selbst. Es nimmt keine Rücksicht auf Machtstrukturen und Ideologien. Genau das ist der Punkt, an dem es mit der Integration Innovativer oft hakt.


Alles beginnt mit der Sehnsucht…

…meinte einst die Schriftstellerin Nelly Sachs. Zu Neujahr denken wir meist an Vorsätze und Ziele. Was wollen wir erreichen, wie können wir es schaffen, uns disziplinieren? Viel ist auch vom inneren Schweinehund die Rede, und wie wir ihn bezwingen können.

Aber wie kommen wir zu unseren Zielen? Wie läuft dieser Prozess ab?

Was ist mit dem, was vor dem Wünschen, vor den Zielen liegt?

Nicht jeder Mensch lebt zielorientiert. Und was das Wünschen anbelangt, wagen es viele nicht einmal mehr.

Die Sehnsucht aber verbindet uns alle. Um sie zu spüren, muss man nichts „tun“ im Sinne von Aktivitäten – diese sind sogar ein Hindernis. Vielmehr geht es um den freien Bereich, das einfache Sein, das Lassen und Zulassen.

Für manche ist es die größte Herausforderung, ins Spüren zu kommen.

Aber das ist genau jene Sphäre, in der sich Wünsche entwickeln, die aus unserer Tiefe kommen. Vieles, vielleicht wirklich alles beginnt mit der Sehnsucht.

Allen meinen wunderbaren Klienten und Leserinnen wünsche ich viel Gutes für das Neue Jahr!

 


Machen, so gut es eben geht: Die beste Zeit, dem Perfektionismus zu entkommen, ist JETZT

Alles möglichst gut und fehlerfrei machen zu wollen, muss nicht immer dysfunktional sein. Besonders schätze ich diese Haltung bei ÄrztInnen und anderen Spezialisten. Nur: Man muss sich das leisten können, zeitlich und energetisch.

Wer kann sich Perfektionsmus heute noch leisten?

Die Wenigsten. Denn die meisten Jobs in der Privatwirtschaft bieten keinen Raum mehr für eine perfektionistische Haltung. Es geht sich schlicht nicht aus. Vielmehr gefragt ist der „Mut zur Lücke“, und das heißt im Prinzip schlichtweg der Mut zum Fehler (auch wenn`s so nicht gesagt wird).

Es sind äußerst schlechte Zeiten für Fitzler und Detailverliebte, außer sie suchen sich Expertenjobs, in denen genau das gefragt ist.

Perfektionismus als Komfortzone

Für viele ist Perfektionismus aber eine innere Komfortzone, zu der es kaum Alternativen gibt. Aus gutem Grund, denn dahinter steht meist die nackte Angst. Diese ist nicht zufällig da, sondern biografisch meist gut erklärbar – wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen. Es gibt etwa Menschen, die als Kinder möglichst fehlerfrei funktionieren mussten, weil das Familiensystem etwas anderes nicht getragen hätte. Später nehmen sie diesen Anspruch mit ins Erwachsenenleben und haben es damit schwer.

„Ich mache, so gut es eben geht“

Wegen der Corona-Krise steht derzeit ohnehin alles Kopf. Jetzt sind Eltern wahre Multitasker und gleichzeitig braucht es nicht mal eigene Kinder, um zu rotieren. Jetzt geht sich vieles maximal mittelgut nebeneinander aus. Darüber braucht man nicht viel nachzudenken.

Aber es ist eine gute Gelegenheit, eine neue Haltung auszuprobieren, getragen von Sätzen wie „Ich mache, so gut es eben geht“.

Mantraartig über den Tag verteilt immer wieder laut und leise gesprochen, auf Post-its notiert, als Nachricht für den Arbeitsbeginn am Morgen: lassen Sie diese Botschaft immer wieder Ihr Unbewusstes streifen. So kann sie sich gut verankern.

Wenn nicht mehr möglich ist, als eben möglich ist, braucht man nicht gegen die Realität ankämpfen. Denn dieser Kampf ist der sinnloseste und kräfteraubendste überhaupt.


Warum Aufgeben manchmal die beste Lösung ist

 Aufgeben tut man nur einen Brief. Wirklich?

Das ist ein kraftvoller Satz, ein starkes Motto. Ein verbaler Mutmacher. Menschen überall auf der Welt haben mithilfe dieses Mantras Schicksalsschläge oder schwere Krankheiten überwunden, sich mit Zähigkeit durchgekämpft, schwierige Phasen ausgesessen, ihre Sehnsüchte und Ziele konsequent verfolgt und gegen Widerstände verteidigt. Gut so! Und wen kann es da wundern, dass Aufgeben keinen guten Ruf hat?

Dennoch wage ich eine andere Sichtweise. Mir kommen immer wieder berufliche Geschichten unter, wo sich die Frage stellt: bleiben oder gehen? Aussitzen oder aufgeben?

Unlängst sagt mir eine Klientin, die sich nach jahrelangem Bossing, gesundheitlichen Problemen und vernichtetem Selbstwertgefühl an mich wandte, sie wünschte, sie hätte sich viel früher aus der völlig aussichtslosen beruflichen Situation lösen können. Gleichzeitig räumt sie ein: Es hätte für sie bedeutet, aufzugeben, und so etwas tut man schließlich nicht. Erst als die gesundheitlichen und psychischen Kosten explodierten, kündigte sie.

Situationen, die man nicht gewinnen kann

Hier sei in aller Deutlichkeit gesagt: Es gibt Situationen, die man nicht gewinnen kann. Wenn die Perspektive auf eine Verbesserung der Situation nicht gegeben ist, reitet man ein totes Pferd. Und das bringt bekanntlich nichts außer den Verlust von Zeit und Selbstbewusstsein.

Natürlich sollte man vorher Verschiedenes versuchen. Auch ein neuer Job ist keine Garantie und leichtfertige Kündigungen nicht zu empfehlen. Ich habe Klienten schon durch verfahrene Situationen begleitet, die sich etwa durch eine Änderung der persönlichen Kommunikationsstrategie entspannen ließen.

Einer meiner Coachees feierte im  Frühsommer einen regelrechten Etappensieg, als eine alles blockierende Führungskraft vom Headquarter durch eine fördernde, innovative Nachfolge ersetzt wurde. Mein Coachee hatte durchgehalten und ich hatte ihm auch dazu geraten. Denn die Situation, wenn man sie ruhig von oben betrachtete, war keineswegs aussichtslos. Da kann sich ein Zuwarten schon lohnen, auch wenn es nicht leicht fällt.

Wann ist eine Situation aussichtslos?

Was aber, wann eine Situation aussichtslos erscheint? Wann ist sie es wirklich? Folgende Faktoren sprechen dafür (Auswahl):

  • Die Funktion passt inhaltlich nicht und es besteht keinerlei Perspektive auf Veränderung (zB durch Job Enlargement, Abteilungswechsel,…)
  • Schwierige Personen werden auf lange Sicht in ihren Positionen bleiben, es gibt wenig Schutzmöglichkeiten und auch taktisches Vorgehen hilft nicht
  • Die Kommunikationsbasis ist nachhaltig gestört
  • Fortgeschrittenes Mobbing, Bossing oder systematischer Einsatz von psychischer Gewalt

Aufgeben als „Ja“ zu sich selbst und zu neuen Möglichkeiten

Aufgeben kann ein riesiges „Ja“ zu einem selbst bedeuten. Ein „Nein“ zu einer unerträglichen Situation, zu falschen Versprechungen und Personen, die einem schaden. Ein Ablassen von sinnlosen Versuchen ist oft ein Zeichen für Klarsicht und kann genauso viel Mut und innere Größe verlangen wie das Durchhalten.

Man darf auch andere Dinge aufgeben, nicht nur Briefe. Diese werden nämlich ohnehin kaum noch zur Post getragen, sondern elektronisch verschickt.






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