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Eine Umorientierung erfordert mehr Vorbereitung als ein bloßer Jobwechsel!

Herr Meier hat mich wegen Unterstützung beim Jobwechsel kontaktiert. Müde und geschafft sitzt er mir gegenüber. Seinen Job im IT-Bereich mag er seit Jahren nicht mehr, aber er hat lange durchgehalten, wegen der „Sicherheit“. Nun kommt aber eine Änderung in der Teamstruktur dazu, und bei Herrn Meier läuft das Fass der Unzufriedenheit langsam aber sicher über. Er will raus aus seinem Job, und zwar schnell.

Da könne ich ihn gut unterstützen, sage ich. Ein Jobwechsel in der IT-Branche ist gut machbar, wenn Qualifikation und Vorerfahrung wie in diesem Fall stimmen. Aber nun kommt der Satz, der alles dreht: „Und ich will weg vom Computer“. Bumm. Herr Meier will also nicht nur seinen Job wechseln, er will sich beruflich umorientieren. Und das in kürzester Zeit, denn er braucht ja möglichst rasch wieder einen neuen Job.

Umorientierungen sind nicht gleich Jobwechsel

Herrn Meier ist nicht bewusst, dass eine Umorientierung ungleich mehr Selbstkenntnis, Orientierung, Vorbereitung und taktisches Geschick braucht als ein boßer Jobwechsel. Vor allem, wenn nicht einmal klar ist, wohin die Reise überhaupt gehen soll.

Meine geschätzte Hamburger Kollegin  Svenja Hofert hat einmal klug beobachtet: Je eher ein Klient „weg von“ einer beruflichen Ausrichtung will, desto länger wird die Beratung wohl dauern. Wenn jemand hingegen schon in der Lage ist, ein „hin zu“ zu formulieren, ist mit einem rascheren Vorankommen zu rechnen.

Hmm. Mein Gegenüber ist stark am „weg von“ und ich muss ihm erklären, dass alles nicht so schnell gehen wird, wie er es sich vorstellt.

Einfach etwas anderes machen. Aber was?

Herr Meier ist mit seiner Einschätzung nicht allein: In den Köpfen vieler Menschen spuken Relikte aus längst vergangenen besseren Zeiten herum, denen zufolge man einfach „etwas ganz anderes“ machen kann, wenn man mit der gewählten beruflichen Ausrichtung nicht mehr zufrieden ist. „Etwas ganz anderes“ – die Rettungsinsel.

Es ist mir als Coach ganz wichtig, Optionen zu finden und mögliche Enwicklungen nicht voreilig ausschließen. Aber ich bin für ein kalkuliertes Risiko nach einer klaren Fakten- und Persönlichkeitsanalyse. Für die Konsequenten, Ehrgeizigen, Geschickten oder auch Zähen sind in einem Leben weiterhin mehrere Berufe nacheinander oder manchmal sogar parallel möglich. Allerdings unterschätzen die meisten Veränderungswilligen, wie viel an Willensstärke, Einsatz und langem Atem zu investieren sind, um eine berufliche Umorientierung wirklich gut über die Bühne zu bringen, wenn man beruflich schon einmal solide auf Schiene war.

Schwerpunktverlagerung: Die attraktive Alternative zur Umorientierung

Warum eigentlich gleich etwas ganz anderes? Muss man das Kind mit dem Bade ausschütten? Meiner Erfahrung nach werden naheliegende Optionen zur kompletten Umorientierung oft gar nicht gesehen. Job enrichment nennt man es auf Englisch, wenn zum Kernarbeitsgebiet noch ein neuer Bereich dazukommt, der den Job wieder befriedigender macht.

Die Controllerin, die sich ins Personalwesen berufen fühlt und in diesen heiß umworbenen Bereich wechseln möchte, tut gut daran, sich zu überlegen, ob sie sich ihrem Wunschgebiet nicht über den Weg des Personalcontrollings nähern kann. Dann ist sie zwar die Zahlen nicht ganz los (die wird sie aber auch als Personalistin nie ganz los werden, wenn sie Karriere machen will), sie erarbeitet sich jedoch eine interessante Mischqualifikation, die ihr später den Einstieg ins Personalwesen erleichtern könnte.

Wem Marketing in Firma X nicht gefällt, hat nicht zwangshalber die falsche Spezialisierung gewählt. Vielleicht ist man nur in einem Unternehmen gelandet, in dem Marketing auf eine Art definiert wird, die den persönlichen Neigungen nicht entspricht. Bevor man die Nerven völlig über Bord wirft, ist networking anzuraten, um herauszufinden: Wie wird Marketing in anderen Firmen gelebt? Was fällt darunter? Welche Bereiche dieser Disziplin sprechen mich mehr an als andere, und wie könnte es mir gelingen, meinen Schwerpunkt graduell zu verlagern?

Die Reset-Taste kann teuer kommen!

Ein komplettes Drücken der Reset-Taste mitten im Berufsleben hat ihren Preis. Ein Neubeginn von der Pike auf ist für manche richtig, wenn sie sich die Entscheidung sehr gut überlegt haben. Aber selbst in diesen Fällen ist es gut, Ressourcen aus der Vergangenheit mitzunehmen in den neuen Job: Erfahrungen zum Beispiel, oder auch Kunden.

Für die meisten anderen ist es klug, erst einmal im Nahebereich des derzeitigen Aufgabenfeldes nach neuen Inhalten zu suchen. Neue Schwerpunkte erzeugen oft genug frischen Wind, um wieder mehr Kurs auf Zufriedenheit im Job zu nehmen.

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