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Ich möchte mein eigenes Ding machen – was könnte das sein?

Trotz schlechterer Bedingungen am Arbeitsmarkt, in vielen Fällen aber auch gerade deswegen, gibt es immer mehr Menschen, die sich auf die Spur ihres ureigensten beruflichen Interesses begeben. Oft fühlen sie sich in ihrer beruflichen Umgebung förmlich erstickt und erleben wenig Sinn in ihrem Tun. Das mitunter höchst attraktive Gehalt nutzt da wenig – Geld verschafft keinen Sinn.

„Sinn“ ist etwas Höchstpersönliches und Individuelles, und ebenso speziell laufen die begleitenden Coachingprozesse ab.

Eine junge Mutter, hochqualifiziert (Studium, Postgraduale, vielsprachig, berufserfahren in mehreren Ländern) brachte es unlängst auf den Punkt: „In diesem Prozess geht es einmal nur um mich und nicht darum, was andere gerne hätten“.

„Keine Orientierung“: selten bei Berufserfahrenen

Oft kommen Leute ins Coaching mit den einleitenden Worten, sie hätten überhaupt keine Idee wo es sie hinzieht. Häufig stellt sich binnen kürzester Zeit heraus, dass dem gar nicht so ist. Es gibt sehr wohl klare Interessen, zumindest Sehnsüchte, oft auch Wünsche, die gar nicht so tief begraben sind.

In der Praxis kommt „keine Orientierung“ am häufigsten bei Schulabgängern, meiner Erfahrung nach am stärksten bei AHS-Maturanten vor. Auch gar nicht so selten bei Leuten, die schon ein ganzes Studium hinter sich haben. Die Gründe für dieses bedenkliche Phänomen behalte ich einem eigenen Blogartikel vor, denn hier handelt es sich um komplexes Geschehen.

Was aber verleitet erwachsene, berufserfahrene Menschen zu der Annahme, sie hätten „gar keine“ Orientierung bezüglich ihrer Talente und Berufswünsche?

Fatal: Zu frühe Vermischung von Ideenfindung und Realitätsprüfung

In den meisten Fällen ist es zu einer verfrühten Vermengung von Wünschen und angeblicher Realität gekommen: Der wechselwillige Betriebswirt/Kommunikationswissenschaftler/etc, die vom Job frustrierte Juristin/Medizinerin/Pflegewissenschaftlerin etc spürt sein/ihr Interesse gar nicht mehr, weil er/sie es ohnehin innerlich ad acta gelegt hat (arg: „Es gibt schon so viele Restaurants, da ist sowieso kein Platz mehr für mich.“) Eine irrige Annahme: Viel Konkurrenz sagt nichts über die Möglichkeit des eigenen Erfolges aus. Art und Beschaffenheit des Mitbewerbs sind Rahmenbedingungen, die bei der Planung zu berücksichtigen sind, and that`s it.

Die Liste lässt sich ewig fortsetzen: „Weil eh schon so viele schreiben/ein Geschäft aufgemacht haben/bloggen/ins Marketing wechseln wollen etc. gibt es für mich keinen Platz mehr.“ Und die Psyche macht daraus: „Und ich spüre den Wunsch dahin gar nicht mehr.“ (Eigentlich ein toller Schutzmechanismus, der vor akutem Schmerz bewahrt, leider aber auch verhindert, dass Wünsche und Sehnsüchte eine reale Chance kriegen).

Eine Realitätsprüfung ist ganz, ganz wichtig. Ich trage als Coach hohe Verantwortung und würde niemals jemanden leichtfertig auf dem Weg in eine Selbständigkeit oder in „etwas ganz Neues“ hinein bestärken. Aber Markt, Konkurrenz, eigene Ressourcen und Chancen sollten erst später in aller Gründlichkeit durchgedacht werden.

Interessenfindung – psychologisches Coaching auf tiefer Ebene

Neben dem oben beschrieben Mechanismus des frühen Vermengen gibt es aber auch Fälle, in denen der bisherige Berufs- und Ausbildungsweg so viel Zeit und Kraft gekostet hat, dass für andere Interessen oder Selbstexploration keine Zeit blieb. Auch ein starres berufliches oder familiäres Umfeld tragen dazu bei, dass es oft bis in die Lebensmitte hinein dauert, bis sich Menschen trauen, ihren tieferen Interessen wirklich eine Chance zu geben.

Im Unterschied zu jenen Klienten, die schon mit klaren Vorstellungen über die berufliche Wunschrichtung ins Coaching kommen oder zumindest ein Bündel an Möglichkeiten im Kopf haben, ist die Arbeit im Bereich Berufsfindung eine außerordentlich tief schürfende.

Strukturierte Fragebögen sind nur Grundgerüst. Schon von Beginn meiner Tätigkeit an habe ich einen breiten methodischen Ansatz verfolgt, einfach weil man als gelernte Psychotherapeutin genau für dieses schwammige Terrain gut vorbereitet ist: Stimme, Mimik, Körperhaltung, Träume, die Energie, die sich im Raum je nach Thema verändert – es gibt so viele Zugänge zu den tiefer liegenden Schichten der Persönlichkeit. Sigmund Freud lässt grüßen. Für manche vielleicht ein ungewöhnlicher Gedanke, aber therapeutisches Rüstzeug nützt nicht nur bei der Heilung psychischer Krankheiten, sondern ermöglicht auch eine besonders tief gehende Coaching-Arbeit.

Prozess der Interessenfindung: auf der Suche nach Gold unter brüchigem Eis

Natürlich stelle ich am Anfang jedes Orientierungsprozesses viele Fragen. Das Besondere daran ist aber die Gewichtung der Antworten. So achte ich nicht nur auf den Inhalt des Gesagten, sondern auch darauf, was die Augen des Sprechenden ausdrücken, sein Oberkörper oder vielleicht auch der wippende linke Fuß. Durch bestimmte Rückmeldungen kann ich Bereiche „tiefen“, dh Coachees gründlicher in eine Idee, einen Gedanken oder Impuls gehen lassen. Das tue ich immer dann, wenn ich vermute, dass die Spur langsam „heiß“ wird.

Es gibt nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, Spur aufzunehmen – Verfahren mit Bildern, die unmittelbaren Zugang zum Unbewussten schaffen etwa. Fragen nach Vorbildern, frühen Wünschen (Kindheit und Jugend), Fragen nach dem, wo der Neid hingeht (ja, man kann dieses unerwünschte Gefühl sehr gut nutzen – es transportiert einen hohen Informationsgehalt bezüglich eigener Sehnsüchte!), usw.

Kristallisation: Formfindung im Meer der Möglichkeiten

Das, wo es „Klick“ macht, ist anfangs meist ein recht roher, ungeordneter Interessensbereich, ein nur locker abgetrenntes Terrain im Meer der Möglichkeiten. „Ästhetik“, „Kunst“, „Bewegung“, „Menschen“ – solche Foki ergeben noch keine konkrete Tätigkeit und schon gar keinen Beruf. Wenn man sie aber bestärkt, also der Spur nachgeht, recherchiert, Leute im Business interviewt, Infos sammelt, ausprobiert, dann entwickeln sie sich. Sie werden stärker und klarer.

An diesem Punkt sind wir in einer neuen Phase des Coachings angelangt – kein Suchen und Schöpfen mehr auf hoher See, sondern ein Bearbeiten des kleinen abgegrenzten Begeisterungs-Beckens. Auch das kann richtig Spaß machen!