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Ist es wirklich notwendig, dass es uns besser geht als unseren Eltern?

Sonja Rieder im Interview mit Lukas Sustala von NZZ.at über Karrierewege, die nötige Selbstdarstellung und das richtige Erwartungsmanagement – zu lesen im aktuellen NZZ.at-Magazin „Die goldene Mitte – Ein Lebensmodell in der Krise“.

Wie lässt sich Karriere machen? Die Karriereberaterin und Psychotherapeutin Sonja Rieder im Gespräch über Karrierewege, die nötige Selbstdarstellung und das richtige Erwartungsmanagement

Lukas Sustala Berufe und Karrieren scheinen sich in atemberaubendem Tempo zu ändern, Digitalisierung und Globalisierung machen`s möglich. Wie haben sich die Anforderungen und Berufsbilder tatsächlich verändert?

Sonja Rieder Es wird ja alles digitalisiert, was sich digitalisieren lässt. Und am Arbeitsmarkt hinterlässt das freilich eine digitale Kluft, weil auch hochqualifizierte Ältere wegen mangelnder digitaler Fitness Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben. Die Digitalisierung hat sich auf viele Berufs direkt ausgewirkt, etwa auf Marketing Manager oder Personalleiter.

Welche Fähigkeiten muss man denn mitbringen, um in der heutigen Arbeitswelt zu bestehen?

Die Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit sind stark gestiegen. Es braucht die Fähigkeit, mit Problemen umgehen zu können. Was manche Leute im Projektmanagement oder in der Führung leisten, etwa eingeschlafene Prozesse anzustoßen oder zu motivieren, ist ganz oben angesiedelt.

Nehmen wir an, ich bin Volkswirtin. Dann ist meine Karriere am stabilsten, wenn einerseits eine gute allgemeine Basis vorhanden ist, aber gleichzeitig in einem Bereich wirkliches Fachwissen besteht. Das kann eine ganz kleine Nische sein, aber da bin ich Spezialistin. Das gilt in ganz vielen Berufen. Es kann sein, dass ich dann einen Job bekomme, der genau auf dieser kleinen Nische aufbaut. Aber nur die Nische wäre zu wenig, dann wäre ich zu wenig flexibel. Beides haben ist super.

Welche Rolle spielt das Netzwerken in der digitalen Arbeitswelt?

Networking ist ganz wesentlich, und das „Sehen und Gesehenwerden“ ist ohne digitale Medien schwer zu betreiben. Manche Headhunter beklagen verständlicherweise, dass ihnen Social Media die Arbeit wegnehmen, weil sich die Menschen ja selbst produzieren. Wenn man da gut im Rennen ist, schön sichtbar und in einer bestimmten, gefragten Altersklasse. dann braucht man nicht mehr geheadhunted werden. Dann findet man seine Jobs selbst.

Gehört die Zukunft also den Selbstdarstellern?

Die Selbstvermarktung ist auf jeden Fall wichtiger geworden, das Amerikanische hält auch da Einzug, keine Frage. Nicht in allen konservativen Berufen, aber in vielen schon. Und das gilt auch für die Lebensläufe, das sage ich den Leuten oft. Ich kann verstehen, dass es gegen die Selbstdarstellung Widerstand gibt, aber wenn man nicht schon im Lebenslauf richtig auf Erfolge aufmerksam macht und wenn man selbst nicht weiß, wie man einen Erfolg werten kann, hat man es einfach schwer.

Inwiefern hat sich der Jobeinstieg verändert, gerade in einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit deutlich höher ist als früher?

Die Standards sind heute anders. Man könnte sagen, der Bachelor ist die neue Matura. Die Elite von den Wirtschaftsuniversitäten kommt oft mit sehr hohen Erwartungen in einen neuen Job: „Da wird meine Kreativität gefragt sein“. Und das entspricht nur in einem sehr kleinen Teil der Wirtschaft tatsächlich der Realität. Der Rest erfordert einfach auch ein gewisses Aushalten und Sicheinleben und Schauen, dass man da irgendwie selbst hochkommt, ohne besonders viel Hilfe. Der Jobeinstieg wird mittlerweile oft traumatisch erlebt, nicht überall und von allen, aber gerade dort, wo es in Teams das Gefühl der Bedrohung durch jüngere Kollegen gibt.

Aber man hat oft den Eindruck, dass Personalrekrutierung und Berufseinstieg professionalisiert worden sind.

Ich würde sagen, es passiert eine hohe „Aufemotionalisierung“ des Einstiegs, allein durch die Tatsache, dass Unternehmen heute Personalmarketing betreiben. Ich muss vielen Leuten erklären: „Was da in dem Inserat steht, das ist Marketing. Das ist nicht die Wahrheit.“ Und deshalb muss man auch Lebensläufe marketingtechnisch aufbereiten. That`s the game.

Was wünscht sich denn die „klassische“ Mitte von ihrem Arbeitsplatz? Gibt es da Generationenunterschiede? Oder kann man gar nicht ausmachen, was die Mitte karrieretechnisch möchte?

Ich finde es schwierig, das an einer Generation festzumachen. Was mir bei der Mitte aber auffällt, ist, dass die Familiengründungsphase ein wichtigeres Thema wird. Männer und Frauen wollen einfach auch mit ihren Kindern Zeit verbringen und das irgendwie besser mit ihrem Beruf vereinbaren. Also das hat sich total verändert.

Aber es hat sich auch zwischen den Generationen etwas verändert. Den Begriff Work-Life-Balance gab es einfach vor 25 Jahren nicht. Da habe ich dann schon manchmal den Eindruck, dass die Elterngeneration das nicht versteht. Da heißt es dann: „Sei doch froh, dass du den Job hast!“ Und der Betroffene hält es einfach überhaupt nicht mehr aus, weil es irgendwelche Intrigen gibt oder er nicht mehr schlafen kann wegen der hohen Anforderungen. Es ist ein Sinnverlust, den viele erleben. Und wenn man keinen Sinn findet, fragt man sich, ob dieser Sinn überhaupt wieder auftauchen wird. Man will ja auch nicht 60 Stunden die Woche arbeiten. Das wäre für die Generation vorher nicht denkbar gewesen.

Der Mittelstand wird von Abstiegsangst geplagt. Inwiefern spielt das eine Rolle?

Sowohl Ältere als auch Jüngere spüren das. Manche, die jetzt noch studieren, trifft es indirekt, wenn beispielsweise einer der Eltern, die eigentlich dem Mittelstand angehören, den Job verliert. Sagen wir mal, der war Manager oder im mittleren Management, und das ist er jetzt einfach nicht mehr, und das wird auch nichts mehr. Oder man ist Mitte 40 und sitzt blöderweise in einer Bank, in der massiv abgebaut wird. Diese Fälle sind gar nicht so selten, da wird nur nicht so viel darüber geredet. Diese Mittelstandspaare müssen dann die studierenden Kinder bzw. die Kinder, die gerade in den Beruf einsteigen, irgendwie erhalten.

Aber die wünschen sich doch eine klassische Karriere? Die ersten 20 bis 25 Jahre des Lebens (Aus-)Bildung, dann 40 Jahre arbeiten?

In vielen Köpfen ist das noch Realität, und Österreich ist in dieser  Hinsicht sicher konservativ. Sicherheit ist einfach ein großes Thema. Ich höre auch nach wie vor noch von Klienten, dass im Freundeskreis nicht erzählt wird, wenn jemand arbeitslos wird. Da wird ein Versteckspiel gespielt.

Was kann man gegen diese Ängste und Unsicherheit auf persönlicher Ebene unternehmen?

Das Individuelle hängt natürlich mit dem Gesamtgesellschaftlichen zusammen. Wir leben in einer Kein-Preis-Gesellschaft. Wir glauben immer, nichts hat einen Preis; ich kann die große Karriere machen und ich hab ein gutes Privatleben, und die Beziehung wird funktionieren, die Kinder werden selbstverständlich toll, und es wird genug Zeit für alles sein. Das geht sich in Wirklichkeit alles nicht aus.

Man muss sich selbst darüber bewusst werden, dass das Leben nicht immer so ist wie die Werbebilder, und dass nicht immer alles zum gleichen Zeitpunkt möglich ist. Aber vielleicht brauchen wir auch nicht so viel.

Das klingt nach Erwartungsmanagement.

Ja, wir können uns alle ein bisschen mehr entspannen und schauen, wie viel wir tatsächlich haben. Ist es wirklich notwendig, dass wir mehr als unsere Elterngeneration haben? Seit dem Zweiten Weltkrieg ging es unseren Kindern immer besser, und jetzt sind wir da, wo es unseren Kindern wahrscheinlich nicht mehr besser gehen wird. Aber ja mei. Wir sollten diese Automatismen ein bisschen hinterfragen. Es ist doch so: Meine Oma etwa hätte so gerne studiert und hatte einfach keine Möglichkeit dazu. Gerade bei Frauen kommt zwar oft das Thema auf: „Wir sind so benachteiligt.“ Das ist eine legitime Sichtweise. Aber man kann auch darauf schauen, was alles erreicht worden ist und welche Möglichkeiten wir haben. Das gilt natürlich für beide Geschlechter.

Viele Menschen überkompensieren diese Abstiegsängste, indem sie sich überarbeiten.

Ja, auf jeden Fall. Burn-out mit Ende 20 kommt durchaus vor, einfach weil der Druck viel höher ist. Auch viele Studenten kommen an ihre Grenzen, weil zwei Drittel nebenbei arbeiten. Die Anforderungen in den Unternehmen sind oft auch so hoch, dass Leute, die das eigentlich gewohnt sind und auch gerne gute Qualität abliefern, recht schnell an Grenzen stoßen. Weil es oft so ist, dass man nur 80 Prozent der Arbeit wirklich gut machen kann. Da muss man dann auch den Mut zur Lücke haben. Und genau das ist für viele schwierig.

Mut zur Lücke?

Ja, das habe ich schon von vielen Bewerbungsgesprächen gehört. Da wird dann gesagt: „Ja, Sie wissen eh, man muss auch den Mut haben, gewisse Dinge einfach mal schleifen zu lassen.“

Und man wird dann besetzt auf eine Stelle, auf der vorher zwei Leute waren. Das muss man dann schauen, wie sich das ausgeht. Da ist Selbstmanagement wichtig, denn man kann nicht immer aus dem Vollen schöpfen. Irgendwann droht die Energie komplett auszugehen. Zur Not muss man auch mal ein Jahr ausrasten.