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Jammern auf hohem Niveau? Bitte ja! Dem Burnout ist das Niveau Ihrer Unzufriedenheit nämlich ziemlich egal.

Hannah hat einen gut bezahlten Job, den sie seit 5 Jahren ausübt, nette Kollegen und einen Chef, der etwas von ihr hält. Im Team gilt sie als eine Hoffnungsträgerin für die mittelfristige Weiterentwicklung der Agentur. Ihre bisherigen Erfolge bewirken, dass ihr gerne knifflige Projekte anvertraut werden.

Mit abwesendem Blick sitzt sie vor mir und spielt mit ihrem Haar, während sie mir das alles erzählt. Das seien alles gute Faktoren, ihre Eltern sind stolz auf sie, Freunde meinen, sie hätte es wirklich geschafft. Nur sie selbst fühlt sich wie hinter einer Wand. Ob sie denn überhaupt eine Berechtigung zur Unzufriedenheit hat, scheint sie mich zu fragen, indem sie nachschießt: „Ich weiß, ich jammere auf hohem Niveau“. Aber dann: „Ich lerne nichts Neues mehr dazu. Vieles halte ich einfach nicht für sinnvoll. Meine Ideen sind wenig gefragt, und letztendlich trage ich mit meiner Arbeit nur dazu bei, dass Leute noch mehr unnötige Dinge konsumieren. Mir ist oft so langweilig in dem Ganzen. Ich kenne das gar nicht von mir, aber montags will ich am liebsten gar nicht ins Büro fahren“.

Diese Aussage mit dem „Jammern auf hohem Niveau“ höre ich oft. Meist stammt sie von guten Leuten, die gerade dabei sind, das zu machen, was die Mehrheit immer noch unter „Karriere“ versteht.

Was ist in all diese Leute mit ihren (von außen gesehen) „tollen“ Jobs gefahren? Sie haben doch alles, meinen sie oft selbst, der Job ist objektiv gesehen nicht uninteressant, das Geld okay, die Kollegen sowieso. Der Chef würde aus allen Wolken fallen, wenn sie kündigten. Aber dennoch, sie fühlen sich ausgelaugt, demotiviert, der Job macht überhaupt keinen Spaß mehr. Dabei müssten sie doch froh sein über diesen Job sein, denken all die intelligenten, einst hochmotivierten Jakobs, Elisabeths und Peters, die mir regelmäßig wie erloschen im Coaching gegenüber sitzen. Schließlich stecke der Arbeitsmarkt ja auch nicht mehr voller Möglichkeiten.

Dazu ist viel zu sagen, hier nur einige Argumente:

1.) Menschen wollen sich weiterentwickeln, intelligente mit viel Potential erst recht. Es ist normal, dass sie sich jahrelang in Positionen, die keine Entwicklungsanreize bieten, nicht wohl fühlen und innerlich verkümmern.

2.) Die Folgen der fortschreitenden Umweltzerstörung können an keinem wachen, denkenden Menschen spurlos vorübergehen. Es ist in meinen Augen ein gesundes Anzeichen, wenn sich Leute auch im Rahmen ihres Berufes Gedanken machen, wie man der planetären Ressourcenverschwendung entgegentreten kann. Dass viele jüngere Berufstätige gerne auch in diesem Hinblick etwas Sinnvolles beitragen möchten, kann daher kein Alarmsignal in Richtung einer grob vereinfachten Argumentation à la „verwöhnte generation Y“ sein, sondern eine logische und sinnvolle Entwicklung.

3.) Boreout und Sinnkrisen sind keine spaßigen Phantasie-Konstrukte, es gibt sie wirklich, und sie haben Folgen. Die Symptome können wie beim Burnout und generellen Lebenskrisen gravierend sein (bis hin zu Depressionen, Angstzuständen und Verlust der Lebensfreude). Auch Kombinationen aus Bore- und Burnout kommen mir unter. Bei Akademikern beobachte ich häufig eine verhängnisvolle Mischung aus operativer Überforderung („Mädchen/Bursch für alles“) neben einer weitgehenden geistigen Unterforderung.

4.) Wissensarbeiter sind keine Steineklopfer. Eine Coaching-Kollegin meinte unlängst in einem Interview, Menschen müssten angesichts der maroden Lage am Arbeitsmarkt wieder lernen, morgens in der Früh „wie Steineklopfer“ in die Firma zu gehen und ihr Tagwerk erledigen, ohne sich dabei allzu sehr zu verausgaben. Denn Jobalternativen gäbe es ja kaum. Ich glaube, dass man diese Haltung eine Zeit lang praktizieren können sollte, um schwierige Phasen im Beruf auszusitzen (manchmal geht es tatsächlich nicht anders).

Das ist aber keine Dauerlösung. Wache Menschen, die sich gerne mit Problemlösungen befassen und sinnvolle Ideen haben, sind keine Steineklopfer und lassen sich auch nicht zu solchen umformen. Sie sollten sich nach anderen Optionen umsehen, denn diese kann es durchaus geben – trotz hoher Arbeitslosenzahlen.

These 1: Jammern auf hohem Niveau ist notwendig

Jammern auf hohem Niveau ist gut. Der Depression oder dem Burn-Out ist es nämlich ganz egal, auf welchem Niveau Sie jammern! Nur sollte man dann auch aktiv werden. Wer sich aus einer absolut unbefriedigenden Jobsituation nicht lösen kann oder es nicht schafft, sich aus der gefühlten Enge durch Mentaltechniken (Meditation, MBSR etc.) zu befreien, sackt meistens energetisch ab, in vielen Fällen auch psychisch. Ich habe viele Menschen gesehen, die kaum mehr schlafen konnten, eine Klientin aß nichts mehr, eine Dritte entwickelte eine so starke Panikstörung, dass sie den Weg in die Arbeit nicht mehr schaffte. Viele schleppen sich trotz himmelschreiender psychosomatischer Beschwerden auf ihren Arbeitsplatz. Viele unterschätzen, wohin eine über lange Zeit unterdrückte große Unzufriedenheit führen kann („Burnout trifft nur die anderen“).

These 2: Nicht alle Jobs sind „gleich gut“ oder „schlecht“

Von Klienten höre ich oft, dass es woanders vielleicht auch nicht besser sei. Deshalb solle man aufhören zu jammern und sich mit dem zufrieden geben, was man hat. Diese Auffassung vertreten zB auch die beiden Autoren Volker Kitz und Manuel Tusch mit ihrem „Frustjobkillerbuch“ aus dem Jahre 2008. Das Buch war als Antithese zu allzu optimistischen Coaching-Ansätzen, nach denen sich jeder die Rosinen des Arbeitslebens herauspicken kann, wohl logisch und notwendig. Im Einzelcoaching differenziere ich in jedem Fall, jeder Mensch, jede Situation ist anders und gute Lösungen sind oft sehr individuell. Oft spielt neben der Sachentscheidung auch geschicktes Timing eine wesentliche Rolle.

Meine Erfahrung:
Es gibt Menschen, die in jedem Job unglücklich sein werden, einfach weil sie generell mit sich und ihrem Leben nicht glücklich sind. Oft haben sie eine schwere Lebensgeschichte und ziehen Probleme im Beruf förmlich an. In solchen Fällen rate ich immer zur Psychotherapie, weil Coaching hier nicht auf der richtigen Ebene ansetzt.
Es gibt auch Umstände, die die allermeisten Jobs immer mehr prägen: Zeitknappheit, hoher Leistungsdruck Sparstift und Ressourcenknappheit. Das sind Parameter, denen wir nicht entkommen. Sie wirken sich im Einzelfall jedoch unterschiedlich aus. Dass alle Jobs gleich „gut“ oder „schlecht“ sind, ist eine grobe Vereinfachung. Und dann gibt es für manche ja auch noch die Option der Selbständigkeit. Dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt gar keine besseren Joboptionen gibt, ist tatsächlich manchmal der Fall, aber bei weitem nicht immer (auch nicht bei der derzeitigen Arbeitsmarktlage)!

These 3: Es wird nicht zu wenig gejammert, sondern zu spät!

Der Zustand von „Jammerern auf hohem Niveau“ ist im Erstgespräch oft erschreckend. In den allermeisten Fällen haben sie den point of no return im gegenwärtigen Job überschritten. Das heißt: Es ist gelaufen. Durch die lange Frust-Zeit haben sich wesentliche Arbeitsbeziehungen verschlechtert, die Leistung ist abgefallen, manchmal sind Fehler passiert. Der Weg in die Arbeit kostet große Überwindung, am Wochenende kann man nicht mehr abschalten, der Schlaf ist schlecht.
Klienten, die nach meiner Einschätzung gute Chancen am Arbeitsmarkt haben (bei guter Qualifikation, belegbaren Erfolgen, kluger Bewerbungsstrategie und Vorliegen eines Netzwerkes), rate ich in so einem Fall zu einem möglichst raschen Rückzug aus der aktuellen Position. Er ist meist leistbar und verhindert Schlimmeres.
Bei Leuten mit schlechteren Jobchancen ist es schwieriger: Hier muss (soweit das gesundheitlich vertretbar ist) der alte Job während der neuen Jobsuche beibehalten werden, um nicht aus der Arbeitslosigkeit heraus noch schlechter vermittelbar zu sein.

Fazit:

  • Unzufriedenheit sollte man ernst nehmen. Sprechen Sie mit Freunden und Bekannten, eventuell auch mit einem Coach, um Ihr Problem unter anderen Blickwinkeln sehen zu können.
  • Sprechen Sie rechtzeitig mit Ihrem/Ihrer Vorgesetzten über Möglichkeiten der Änderung. Machen Sie selbst Vorschläge („Das Projekt XY würde mich sehr interessieren. Wäre es möglich, dass ich zumindest mit 15% meiner Arbeitszeit dazu beitrage“?). Das ist wesentlich konstruktiver, als der Führungskraft einfach nur den persönlichen Frust umzuhängen.
  • Spinnen Sie rechtzeitig, idealerweise von Anfang an, Kontakte zu anderen Abteilungen (in größeren Unternehmen). Die Möglichkeit des internen Wechsels wird oft überhaupt nicht in Erwägung gezogen, obwohl sie weniger riskant ist als ein Firmenwechsel.
  • Suchen Sie Beratung auf, bevor die Situation eskaliert oder Sie gesundheitliche Probleme bekommen!