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Leidenschaft – fragwürdige Leitemotion?

Kaum ein Interview mit beruflich Erfolgreichen, in dem diese den Begriff „Leidenschaft“ nicht als entscheidende Antriebsfeder ins Treffen führen. Die Passion, die absolute Hingabe an das eigene Tun verschafft uns tatsächlich Flow-Gefühle, Empfindungen von großer Lebendigkeit und Glück. Und sie erlaubt uns, durch anhaltende Begeisterung richtig gut zu werden in unserem Metier.

Schließlich scheint sie ein verlässlicher Erfolgsmotor zu sein, Garant für berufliches Fortkommen und schier unerschöpfliche Motivationsquelle – oder?

Was ist Leidenschaft? Und wie sieht ein guter Umgang damit aus?

Die Propagierung der Leidenschaft bleibt oft unhinterfragt. Das könnte damit zu tun haben, dass das Thema von der Psychologie noch wenig aufgegriffen wurde. Doch die Forschung holt auf.

Für Robert Vallerand, Psychologieprofessor an der Université du Québec, ist Leidenschaft eine zentrale psychische Kraft, die alle Aspekte des Lebens durchdringt. Um als Leidenschaft durchzugehen, muss eine Aktivität dem Forscher zufolge folgende Kriterien erfüllen: Sie wird geliebt und als höchst interessant empfunden, ihr wird viel Zeit über lange Perioden gewidmet und Ausübende fühlen sich dabei lebendig. Letztendlich wird sie als Bestandteil der eigenen Identität empfunden.

Harmonische und obsessive Form

Doch Vallerand stellt einer „harmonischen“ Leidenschaft, bei der sich die Aktivität ausbalanciert in das Leben mit all seinen unterschiedlichen Anforderungen einfügt, eine „obsessive“ Form entgegen. Diese ist insofern kritisch zu sehen, als sie alles andere dominiert. Sie lässt keine anderen Interessen aufkommen, auch nicht solche, die den oft so notwendigen Ausgleich schaffen könnten. Die Leidenschaft geht quasi mit dem Menschen durch. Er wird ihr Knecht.

Zu beobachten ist diese Form der Obsession etwa bei Menschen, die sich in einer ziemlich unvorhersehbar gewordenen Berufswelt ohne jeglichen Ausgleich in professionelle Leidenschaften hineinsteigern. Diese „Strategie“ (wiewohl selten bewusst gewählt) mag durchaus kurzfristig zu markanten Erfolgen führen. Das Geschäft entwickelt sich, der ersehnte Durchbruch wird erreicht, der Turnover vollzogen usw.

Mittel- bis langfristig zeigt sich allerdings oft ein anderes Bild: Irgendwann geht die Kraft aus, eine Erfolgsserie wird durchkreuzt (was nur schwer verschmerzt wird, da der gesamte Selbstwert aus beruflichen Erfolgen gezogen wird), die Folgen jahrelanger Vernachlässigung von Familie, Freunden und Hobbys beginnen sich zu zeigen. Und, ganz abgesehen vom Einzelfall: Wünschen wir uns eine Arbeitswelt, eine Gesellschaft aus Individuen, die ihrer inneren Unbändigkeit dauerhaft erliegen?

Pflege und Integration der Leidenschaft

Das Berufsleben ist kein Sprint, sondern gleicht einem Marathon. Mir ist noch keine Laufbahn ohne Einschnitt oder Dürreperiode untergekommen. Mental hilfreich für das Aufbauen von Langstrecken-Fitness ist die ehrliche Reflexion von Licht- und Schattenseiten der absoluten Hingabe an eine Sache. Und die bewusste Pflege unserer Leidenschaften – durch Ausgleich und wohlüberlegte Integration in unser Leben.

Literatur: Robert J. Vallerand: The psychology of passion. A dualistic model. Oxford University Press, New York 2015