Selbstinterview

Wie sind Sie auf das relativ neue Berufsbild Karriereberatung gekommen?

Ich habe 7 Jahre im Personalbereich verschiedener Unternehmen gearbeitet. Dabei habe ich festgestellt, dass Personalentwicklung trotz intensiver Bemühungen von Personalisten vielen Mitarbeitern nicht das bietet, was sie oft bräuchten: Orientierung, Karriereplanung, hoch individualisierte Förderung etc. Vielen dieser Fragen kann man nur als externer Berater in aller Fundiertheit nachgehen.

Meine Methodik der Karriereberatung bringt zwei Elemente zusammen: die Bedingungen der heutigen Berufswelt, also die hard facts, sowie einen persönlichkeitsorientierten, ganzheitlichen Ansatz.

Diese Arbeit ist für mich höchst anregend, weil sie es mir ermöglicht, zwischen Denkwelten hin- und herzuspringen. Vielschichtige, sich rasch ändernde Bedingungen (Arbeitswelt) und das hochkomplexe System Mensch brauchen Lösungsansätze auf verschiedenen Ebenen.

Mir geht es darum, zum oft verborgenen Kern von Problemen vorzudringen, zum Eigentlichen also, und rasch praktikable Lösungsansätze zu erarbeiten.

Warum ist die Wurzel beruflicher Problematiken oft so verborgen?

Weil sie meist tief in die Persönlichkeit hineinreicht. Da kann jemand noch so qualifiziert sein, wenn er zB nie gelernt hat, Konflikte auszutragen oder ein Zuviel an Aufgaben abzulehnen, wird er es beruflich auf Dauer sehr, sehr schwer haben. Auch wer sein ganzes Leben nur auf dem Beruf aufbaut, sämtliche anderen Bereiche verkümmern lässt und nur von der Anerkennung im Job lebt, spielt ein gefährliches Spiel. Oft geht es ja viele Jahre gut, aber das ist trügerisch. Wenn dann die Krise kommt, ist sie gewaltig.

Auch wer Macht per se ablehnt, wird es nicht in Positionen schaffen, in denen er viel Gestaltungsspielraum bekommt.

Ein Zuviel an Aufgaben ablehnen, das geht heutzutage doch gar nicht!

Jein. Oft ist der Spielraum tatsächlich sehr begrenzt. Irgendeinen gibt es aber meistens doch. Hier kommt es darauf an, wie man auf einen workoverload reagiert. Vielen fehlen die Worte für entsprechende Gespräche mit Vorgesetzten. Dies lässt sich im Coaching wunderbar üben, etwa durch Rollenspiele.

Der springende Punkt liegt ohnehin meist im mangelnden Selbstwertgefühl. Es ist von außen schwer festzustellen, wie es um das Selbstwertgefühl eines Menschen wirklich bestellt ist. Im Coaching wird dann manchmal klar: Optionen gäbe es genug, allein: der Coachee traut sie sich nicht zu.

Wie arbeiten Sie in solchen Situationen?

Zum einen finde ich es wichtig, Ziele in realistische Teiletappen zu gliedern. Und: Timing is key! Wer sich zu rasch überfordert, riskiert ein Scheitern, das sich langfristig negativ auf die Selbstachtung auswirkt. Ich bin eine Verfechterin von wohlkalkulierten, klug ausgerichteten Schritten, deren Basis in guter Selbstkenntnis und Beobachtung der Umstände liegt.

Zum anderen arbeite ich direkt am Selbstwertgefühl. Die meisten Menschen machen sich für viel zu viel verantwortlich. Tatsächlich ist die Vorstellung von „richtigen“ und „falschen“ Entscheidungen, generell und im Beruf, eine völlige Überforderung. Die Komplexität der Gegebenheiten ist einfach zu groß. Viele verkennen auch, was sie bisher schon geleistet haben, beruflich oder auch privat. Es ist wichtig, Erfolge und Leistungen einmal selbst anzuerkennen oder überhaupt erst zu sehen. Ich empfinde oft Hochachtung für die Lebenswege meiner Klienten.

Erkenne dich selbst, und dann läuft beruflich alles glatt?

Die Vorstellung, dass es beruflich von einer Hochphase zur nächsten gehen soll, ohne Hindernisse, Rückschläge und Krisen, ist illusorisch. Ich habe noch keine Karriere ohne Rückschläge gesehen. Es gibt immer eine bestimmte Dynamik. Auch die Idee vom „Traumjob“, der das Glück ins Haus bringt wie der vermeintliche „Traumprinz“ ist ein seltsames Konstrukt, das den Menschen falsche Ideale suggeriert.

Selbstkenntnis ist aber tatsächlich die Basis für jegliche Art von Berufsstrategie. In einer breit diversifizierten Arbeitswelt wie der unsrigen ist es ganz wichtig zu erkennen, was einem liegt und worin man mühelos beste Ergebnisse erzielt.

Ich gehe diesen Fragen mit meinen Klienten möglichst genau auf den Grund, indem ich ihre Motivations- und Interessenstruktur erhebe. Meist bietet die bisherige Berufsbiografie schon viele Anhaltspunkte. Dadurch wird alles klarer, und zwar ziemlich schnell.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Thema Beruf & Persönlichkeit. Was ist Ihnen dabei über sich selbst klar geworden?

Ich wünschte, mir wäre vieles, was ich jetzt über mich weiß, schon früher klar geworden. Andererseits ist mein bisheriger Berufsweg ja auch Antriebsfeder und Erfahrungsschatz für meine jetzige Arbeit. Ohne eigene Irrwege säße ich vermutlich heute nicht in diesem Job.

Zur Frage: Ich bin jemand, der ein maximales Maß an Autonomie im Beruf braucht – die Freiheit, immer wieder neue inhaltliche Schwerpunkte zu setzen, meine Arbeit durch Lektüre und verschiedenste Anregungen weiterzuentwickeln, ganz so wie ich es für richtig halte. Ich brauche die Möglichkeit zu ständiger Veränderung und habe eine starke Wissensorientierung, dh. ich gehe den Dingen gerne voll und ganz auf den Grund. Auch wenn sich die Erkenntnisse daraus nicht sofort verwerten lassen. Eine solches Persönlichkeitsprofil erfordert Arbeit in Selbstständigkeit.

Worin liegt die Hauptschwierigkeit in Coachingprozessen für Sie?

Meistens kommen Leute sehr spät in die Beratung. Wenn schon „Feuer am Dach“ ist, dh. jeder Tag im Job zur absoluten Qual geworden ist, muss ich oft darin unterstützen, möglichst rasch zu kündigen, um die Gefahr von Burnout einigermaßen einzudämmen. Den meisten ist nicht bewusst, dass sie schon mit einem oder beiden Beinen in der Erschöpfungsdepression stecken. Strategische Karriereplanung ist in solchen Phasen meist nicht möglich.

Solide Karriereplanung erfordert eine relativ ruhige Ausgangssituation und Zeit, um reflektiert vorzugehen. Auch wird oft unterschätzt, wie lange zB berufliche Umorientierungen dauern können. Sie müssen gut durchdacht und von langer Hand geplant werden. Branchen- und Spezialisierungswechsel sind sehr oft nur durch Fortbildung und systematischen Aufbau von Netzwerken zu bewerkstelligen. Die Lösung liegt deshalb oft gar nicht so sehr im weit Entfernten, sondern in näherliegenden Optionen, die man oft zuerst nicht gesehen hat.

Grundsätzlich lässt sich sagen: Das kurzfristig Mögliche wird oft überschätzt, gleichzeitig das langfristig Erreichbare unterschätzt.