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Psychische Gewalt am Arbeitsplatz im Zunehmen

Ein Ort der Seligkeit war die Arbeitswelt wohl nie – wo Menschen, da Baustellen im Miteinander. Man könnte sagen, es „menschelt“ gewaltig, wenn das auf heutige Verhältnisse übertragen nicht einer zynischen Verniedlichung der Tatsachen gleichkäme.

Was ich in täglicher Coaching-Praxis zu hören bekomme, sind keine Einzelfälle,  sondern die Auswüchse einer allgemeinen, sehr bedenklichen Entwicklung: Es wird gekämpft, gedemütigt und kleingemacht. Mitarbeiter und Kollegen werden ausgeschlossen, an die Wand gespielt, bloßgestellt, manchmal regelrecht fertiggemacht. Ansagen unter der Gürtellinie sind keine Seltenheit. Kritik wird nicht nur unsachlich eingesetzt, sondern als Waffe verwendet.

Methoden der psychischen Gewalt

Das Ziel: Das Opfer kleinkriegen. Einen Triumph einfahren. Sich sicherer fühlen mit weniger Konkurrenz. Jemanden aus dem Dienstverhältnis ekeln – die in Teilzeit wiedereingestiegene Mutter etwa, die man lieber ganz draußen hätte. Den älteren Mitarbeiter, der nicht täglich 120% gibt und jeden Samstag parat steht. Die neue Kollegin, die als Bedrohung empfunden wird. Die von außen geholte Führungskraft, die die Regeln des Unternehmens nicht rasch genug verinnerlicht und an einen heiligen Gral gerührt hat. Die Reihe an möglichen Szenarien ist unendlich.

Die Täter? Vorgesetzte, aber auch Kollegen.

Mobbing, von dem wir mittlerweile auch immer wieder in der Zeitung lesen, meist in Verbindung mit anhängigen Gerichtsverfahren, ist leider nur die Spitze des Eisberges. Rechtliche Schritte werden selten erwogen, denn bis das Opfer den Hergang der Entwicklung einigermaßen verstanden und wieder genug Kraft zum Kontern hat (meist erst eine gute Weile nach Beendigung des Dienstverhältnisses) ist in aller Regel viel wertvolle Zeit vergangen. Und an Beweissicherung hat in der Hitze des Gefechts auch kaum jemand gedacht.

Neben dem gut erforschten Phänomen Mobbing gibt es eine Vielzahl von Zudringlichkeiten und Schikanen, die von Betroffenen selten rasch genug als Formen der Gewalt erkannt werden. Kampfansagen und der Beginn von Quälereien werden oft aus Schock und Ratlosigkeit heraus nicht adäquat beantwortet. Friedfertigkeit und „Nettsein“ reichen jedoch in solchen Fällen als Reaktion keinesfalls aus. Es muss gekontert werden, und zwar früh.

Junge und Ältere trifft es am empfindlichsten

Aus meiner Sicht trifft psychische Gewalt am Arbeitsplatz vor allem zwei Gruppen am stärksten:

  • Ältere, weil sie in aller Regel weniger Ausweichmöglichkeiten außerhalb des momentanen Arbeitsplatzes haben
  • Berufsanfänger, weil sie noch sehr mit der Anpassung an das Arbeitsleben an sich beschäftigt sind und durch schwierige Erfahrung empfindlich daran gehindert werden, eine gute Basis-Ausrichtung für ihren weiteren Berufsweg zu finden.

Die Gründe

Warum in aller Welt tun sich Menschen all dies an? Die Antworten darauf sind komplex und ich kann das Thema hier nur anreißen. Natürlich hat die angespannte Arbeitsmarktsituation damit zu tun. Natürlich können extreme Konkurrenz und chronische Überlastung Konflikte aufschaukeln. Klarerweise hat man in von Hochgeschwindigkeit getakteten Abläufen wenig Zeit zum Innehalten und überlegen, wie man eigentlich miteinander umgeht.

Zwei weitere Faktoren fallen mir ein, die unabhängig vom aktuellen Klima sind:

  • Es gibt schwache Charaktere, die ihren geringen Selbstwert durch das „Fertigmachen“ von anderen aufpolieren. Es gibt antisoziale Persönlichkeiten und Menschen mit erheblichem Empathiemangel. Und es gibt Sadismus.
  • Die Gruppendynamik tut ihr übriges (Konformitätsdruck, Sicherung der Rangordnung, veränderte Verhaltensweisen, die sich aus Rollen ergeben).

Die Gretchenfrage: Was tun?

Im Coaching können Kraftverhältnisse analysiert, Allianzen und Möglichkeiten sondiert, Wege durchdacht werden. Dennoch ist bei fortgeschrittener Eskalation oft der geordnete Rückzug die einzige praktikable Möglichkeit, um Gesundheit und Employability einigermaßen zu schützen.

Dennoch gibt es ein paar generelle Tipps:

  • Rechnen Sie von vorne herein mit einem nicht nur freundlichen  Umfeld – das hält Sie wachsam und mindert die Chance, überrascht zu werden. Wenn es dann doch harmonischer kommt, umso besser.
  • Gestalten Sie Kontakte zu Kollegen nicht zu familiär, denn die Preisgabe privater Informationen eröffnet Angriffsflächen.
  • Kontern Sie bei Angriffen sofort, und zwar möglichst ruhig (zum brüllenden Chef: „Ich möchte Dinge gerne in normaler Lautstärke mit Ihnen besprechen“). Damit markieren Sie Ihr Territorium.

Und: Überprüfen Sie, ob Sie sich nicht selbst an Gewalt und Mobbing beteiligen. Das kann nämlich unreflektiert aus Fahrlässigkeit heraus geschehen, fügt aber anderen dadurch nicht weniger Verletzungen zu.