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Selbstwert, Selbstachtung, Selbstbewusstsein

Das Thema Selbstbewusstsein sehe ich mittlerweile als grundlegende Problematik des Menschen in unserer Gesellschaft: Meist mangelt es daran, manchmal wird kompensiert und wir beobachten einen „Ego-Trip“, ganz selten aber scheint das Selbstbewusstsein im Lot.

Im Karriere-Coaching stoße ich mit meinen Klienten unweigerlich darauf, weil die Anforderungen an Selbstvermarktung, Eigen-PR und der grundlegende Verweis auf Stärken, Erfolge und Können mittlerweile einen überragenden Stellenwert im Berufsleben einnehmen.

Geringes Selbstbewusstsein – allein die Folge unserer Kindheitserfahrungen?

Lange ging ich davon aus, dass mangelndes, aber auch übersteigertes (also unechtes) Selbstbewusstsein (Narzissmus) allein die Folge schwieriger Lebensgeschichten ist, das karge Erbe von Eltern/Angehörigen/Lehrern, die nicht genug erkannt, ermutigt, „mitgegeben“ haben. Dieser Faktor lässt sich sicherlich nicht abstreiten.

Gleichzeitig sehe ich als Karriere-Coach, dass die wenigsten Menschen auf die Frage nach Erfolgen, nach dem, was ihnen bisher gut gelungen ist, eine klare Antworten geben können. Das ist umso erstaunlicher, als Gelungenes ein direkter Hinweis auf Stärken darstellt. Und Stärken sollte man doch nenne können, im Bewerbungsgespräch, beim Hearing, in der Arbeitswelt generell, zack-zack, oder?

Neoliberalismus und das kollektive „Wir-sind-nicht-genug“

Die gesellschaftlichen Entwicklungen und die Arbeit mit mehreren Hundert Klienten bringen mich immer mehr zur Ansicht, dass mangelndes Selbstbewusstsein auch einen gesellschaftlichen Hintergrund hat.

So wie in der Wirtschaft der weitgehend unhinterfragte Imperativ des ständigen Wachstums herrscht, sind auch wir als Individuen nie „genug“: Wir können nicht genug, wissen nicht genug, netzwerken nicht genug, sind nicht klug genug, schön genug, verhalten uns nicht strategisch genug, was immer.

Bewusstsein des Erreichten anstatt ständiges Mangel-Gefühl

Diese Sichtweise verstellt die Sicht auf das, was schon da ist, und das ist bei den allermeisten Menschen viel. Statt immer nur zu versuchen, mehr zur lernen und noch mehr anzuhäufen, ist oft ein Schritt zur Seite das Mittel der Wahl, um mehr Klarheit über eigene Stärken zu erlangen und Selbstbewusstsein zu tanken:

  • Was kann ich bereits? Was ist mir gut gelungen?
  • Was habe ich abgeschlossen, obwohl die Rahmenbedingungen sehr schwierig waren?
  • Welche Hindernisse musste dabei überwinden?
  • Wie habe ich eine verfahrene Situation gemeistert? Welche positiven Fähigkeiten stecken dahinter?

Eine kleine tägliche Übung – mit großer Hebelwirkung

Als Einstieg in das aktive Stärken des eigenen Selbstbewusstseins empfehlen sich oft auch kleine Übungen, die leicht in den Tag eingebaut werden. Allerdings sollten sie täglich gemacht werden.

Hier ein Beispiel: Identifizieren Sie jeden Tag am Abend 3 Dinge/Situationen/Tätigkeiten, bei denen Sie mit sich zufrieden sind. Loben Sie sich innerlich dafür: Das hast du gut gemacht!

Und bedenken Sie: Nicht nur Spektakuläres verdient Anerkennung. Auch die Pause, die sich ein Stress-Typ gönnt, das ausgeschaltene Handy während der Mittagspause oder das gute Gespräch mit der beneideten Kollegin zählen dazu.