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Warum Aufgeben manchmal die beste Lösung ist

 Aufgeben tut man nur einen Brief. Wirklich?

Das ist ein kraftvoller Satz, ein starkes Motto. Ein verbaler Mutmacher. Menschen überall auf der Welt haben mithilfe dieses Mantras Schicksalsschläge oder schwere Krankheiten überwunden, sich mit Zähigkeit durchgekämpft, schwierige Phasen ausgesessen, ihre Sehnsüchte und Ziele konsequent verfolgt und gegen Widerstände verteidigt. Gut so! Und wen kann es da wundern, dass Aufgeben keinen guten Ruf hat?

Dennoch wage ich eine andere Sichtweise. Mir kommen immer wieder berufliche Geschichten unter, wo sich die Frage stellt: bleiben oder gehen? Aussitzen oder aufgeben?

Unlängst sagt mir eine Klientin, die sich nach jahrelangem Bossing, gesundheitlichen Problemen und vernichtetem Selbstwertgefühl an mich wandte, sie wünschte, sie hätte sich viel früher aus der völlig aussichtslosen beruflichen Situation lösen können. Gleichzeitig räumt sie ein: Es hätte für sie bedeutet, aufzugeben, und so etwas tut man schließlich nicht. Erst als die gesundheitlichen und psychischen Kosten explodierten, kündigte sie.

Situationen, die man nicht gewinnen kann

Hier sei in aller Deutlichkeit gesagt: Es gibt Situationen, die man nicht gewinnen kann. Wenn die Perspektive auf eine Verbesserung der Situation nicht gegeben ist, reitet man ein totes Pferd. Und das bringt bekanntlich nichts außer den Verlust von Zeit und Selbstbewusstsein.

Natürlich sollte man vorher Verschiedenes versuchen. Auch ein neuer Job ist keine Garantie und leichtfertige Kündigungen nicht zu empfehlen. Ich habe Klienten schon durch verfahrene Situationen begleitet, die sich etwa durch eine Änderung der persönlichen Kommunikationsstrategie entspannen ließen.

Einer meiner Coachees feierte im  Frühsommer einen regelrechten Etappensieg, als eine alles blockierende Führungskraft vom Headquarter durch eine fördernde, innovative Nachfolge ersetzt wurde. Mein Coachee hatte durchgehalten und ich hatte ihm auch dazu geraten. Denn die Situation, wenn man sie ruhig von oben betrachtete, war keineswegs aussichtslos. Da kann sich ein Zuwarten schon lohnen, auch wenn es nicht leicht fällt.

Wann ist eine Situation aussichtslos?

Was aber, wann eine Situation aussichtslos erscheint? Wann ist sie es wirklich? Folgende Faktoren sprechen dafür (Auswahl):

  • Die Funktion passt inhaltlich nicht und es besteht keinerlei Perspektive auf Veränderung (zB durch Job Enlargement, Abteilungswechsel,…)
  • Schwierige Personen werden auf lange Sicht in ihren Positionen bleiben, es gibt wenig Schutzmöglichkeiten und auch taktisches Vorgehen hilft nicht
  • Die Kommunikationsbasis ist nachhaltig gestört
  • Fortgeschrittenes Mobbing, Bossing oder systematischer Einsatz von psychischer Gewalt

Aufgeben als „Ja“ zu sich selbst und zu neuen Möglichkeiten

Aufgeben kann ein riesiges „Ja“ zu einem selbst bedeuten. Ein „Nein“ zu einer unerträglichen Situation, zu falschen Versprechungen und Personen, die einem schaden. Ein Ablassen von sinnlosen Versuchen ist oft ein Zeichen für Klarsicht und kann genauso viel Mut und innere Größe verlangen wie das Durchhalten.

Man darf auch andere Dinge aufgeben, nicht nur Briefe. Diese werden nämlich ohnehin kaum noch zur Post getragen, sondern elektronisch verschickt.