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Wer mehr Wertschätzung wünscht, übt sich am besten selbst im Geben

An Wertschätzung scheint es in der Arbeitswelt (aber nicht nur dort) gewaltig zu mangeln. Viele Klienten, vom Management-Bereich bis zur Assistenzebene und in unterschiedlichsten Berufsgruppen angesiedelt, berichten mir, dass sie sich am Arbeitsplatz nicht wertgeschätzt fühlen, obwohl sie sehr viel leisten.

Anerkennung: Ein natürliches Bedürfnis

Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer („Prinzip Menschlichkeit“, „Arbeit: Warum sie uns glücklich macht oder krank“) schreibt von einem „hirnphysiologisch angelegten Bedürfnis“. Der Mensch ist ihm zufolge neurobiologisch förmlich auf Zuwendung und Anerkennung programmiert. Schon ein wohlwollender Blick führt zu einer messbaren Dopaminausschüttung. Das Streben nach Gesehenwerden und Anerkennung ist ein zutiefst menschlicher Zug.

Schwierig wird es nur, wenn ein gesundes Mittelmaß überschritten wird: Ein sehr hohes Anerkennungsbedürfnis führt zu einem Leben am Gängelband der Menschheit, zu Abhängigkeit und fallweiser Arbeitssucht. Ein gering ausgeprägtes Anerkennungsbedürfnis kann immun machen gegenüber Kritik und wichtigen Rückmeldungen.

Ein Zuwenig an Anerkennung gilt jedenfalls als begünstigender Faktor für die Entstehung von Burnout (das Phänomen ist wesentlich komplexer, als dass es sich nur auf ein „Zuviel an Arbeit“ zurückführen ließe).

Mangelware Wertschätzung

Wertschätzung ist also Mangelware. Das verwundert kaum, denn sie setzt voraus, wovon wir alle so wenig haben: Zeit, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Umsicht.

Anerkennung geben heißt, sich Zeit nehmen, zumindest für einen Augenblick. Den anderen sehen, seine Anstrengung würdigen. Aufmerksam sein. Das Thema Achtsamkeit, seit Urgedenken in Religion und Philosophie, später auch in psychotherapeutischen Strömungen beheimatet, ist nicht von ungefähr gerade jetzt zum Dauerbrenner geworden.

Wo es wenig Anerkennung gibt, muss erst mal gesät werden

  • Wer Anerkennung vermisst, kann zunächst einmal versuchen, sie sich selbst zu geben. Dem inneren Kritiker einen inneren Fürsprecher, eine wohlgesonnene Anwältin gegenüber stellen. Negative Selbstgespräche regulieren und in positive Bahnen lenken – das sind Schritte, die nur mit Übung zu merkbaren Ergebnissen führen. Deshalb ist es so wichtig, bald damit zu beginnen und dranzubleiben.
  • Jeder kann für sich entscheiden, ob eine Teilnahme am beliebten Berufsgruppen-Bashing wirklich förderlich ist: Eine Weile waren es vor allem die Banker, jetzt trifft es schon seit geraumer Zeit die Lehrer, und zwar mit voller Wucht. (Hier sei gleich mein Dank an eine Berufsgruppe ausgesprochen, die Enormes leistet und dafür permanente öffentliche Abwertung erfährt. Wer einen differenzierten Blick wagt, kann sehen, welche Anforderungen der Lehrerberuf in der heutigen Zeit mit sich bringt, weit über das traditionelle Berufsprofil hinaus.) Aber nicht nur Lehrer, sondern viele Berufsgruppen werken unter höchst angespannten bis schwierigen Bedingungen und es ist ein wahres Glück, dass sie ihre Arbeit weiterhin versehen (hier denke ich zB an Ärzte).
  • Wertschätzung leben: Hinschauen, aufmerksam sein, Leuten Anerkennung schenken, weil man sie sieht, in ihrer Anstrengung, ihrem Bemühen. Das muss nicht nur am Arbeitsplatz sein, hilft aber natürlich auch dort. Ein Blick kann schon etwas bewegen, eine verständnisvolle Mimik, ein nettes Wort den Tag einer völlig überlasteten Verkäuferin verbessern (wie oft habe ich krankes Verkaufspersonal beobachtet – Menschen, die sich mangels kurzfristiger Personalreserve mit Hilfe von Fiebersenker und Schmerzmittel in die Arbeit schleppen. Natürlich betrifft das viele andere Berufsgruppen auch).

Wer Anerkennung sät, wird sie auch ernten, früher oder später. Vielleicht nicht genau dort, wo er sie gerne hätte. Aber so ist es doch mit allem – das Gute will dort erhascht werden, wo es sich zeigt. Und nicht dort, genau dort, wo wir es hinbefehligen wollen.