18.10.23
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 14 min
Hilfe, ich habe eine Affäre!
Affären sind anfangs schön und bringen Gefühle intensiver Lebendigkeit mit sich. Später werden sie oft belastend: weil Schuldgefühle drücken oder eine Richtungsentscheidung notwendig wird.
18.10.23
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 14 min


Inhaltsverzeichnis
- L´affaire – die delikate Angelegenheit der Franzosen
- Das Untreue-Tabu – und die Lust am Urteilen über andere
- Affären – so alt wie die Erfindung der Ehe
- Viele Affären werden niemals aufgedeckt – mit dem Detektiv sollte man dennoch rechnen
- Untreue und das Erschrecken über sich selbst
- Wann entstehen Schuldgefühle? Und was haben sie mit unserem inneren Gesetzbuch zu tun?
- Verliebtheit – ein Zustand, der mit der Wirkung von Kokain vergleichbar ist
- Affären als Grenzerfahrung
- Sich besser verstehen lernen – und kluge Entscheidungen treffen
- Weitere Blog-Beiträge
L´affaire – die delikate Angelegenheit der Franzosen
Woher kommt überhaupt das Wort „Affäre“? Und was meinen wir damit?
Der deutsche Begriff stammt vom französischen Wort „affaire“ ab. Das wiederum ist eine Kurzform für „(avoir) à faire“ („zu tun haben“).
Die „affaire“ aus Frankreich lässt sich am besten mit einer „delikaten Angelegenheit“ übersetzen. Passt gut, finde ich. Darunter versteht sich mehr als ein One-Night-Stand oder bloßer Gelegenheitssex.
Denn Affären laufen meist über längere Zeit, was eine gewisse Verbindlichkeit mit sich bringt. Und sie bringen Gefühle mit sich, oft sogar heftigste.
Die Palette des Fühlens in Affären ist breit: von heftiger Verliebtheit über Freude und Entzücken bis hin zur Seligkeit, von Angst, Trauer, Schuld und Scham bin hinein in tiefste Verzweiflung. Nicht immer wird das alles ausgereizt, aber es ist möglich.
Ich finde: genau das macht die Affäre so „delikat“. Was sich wunderbar anfühlt, will man beschützen und verteidigen. Gleichzeitig wollen Fremdgehende sorgsam mit allen Betroffenen umgehen – und niemanden verletzen.
Aber dieser Wunsch ist unrealistisch: wer einer heimlichen Liebe frönt, wird jemanden verletzen, früher oder später. Soviel steht fest.
Klar ist in Vorhinein nur noch nicht, wer wieviel Schmerz abbekommen wird.
Das Untreue-Tabu – und die Lust am Urteilen über andere
Heimliche Liebe ist ein großes Tabu. Dadurch ziehen Affären von Personen des öffentlichen Lebens gerne besonderes Interesse auf sich. Affären von Promis können immer noch Skandale auslösen. Und werden in den sozialen und Boulevard-Medien gerne breitgetreten werden. Mal trifft es den Fußballer, mal einen Firmenchef, ein anderes Mal die unvorsichtig gewordene Politikerin.
Schnell breitet sich da eine Welle des Urteilens aus – ohne dass auch nur irgendjemand die genauen Hintergründe der Geschichte kennt.
Als Psychotherapeutin habe ich laufend mit diesem Thema zu tun, denn Fremdgehen ist nun einmal sehr verbreitet. Da kann man sich über all die Empörung schon wundern.
Aber das Urteilen über andere ist eben ein kluger psychologischer Abwehrmechanismus: Wer andere verurteilt, muss sich nicht mit eigenen Sehnsüchten, Wünschen und Ambivalenzen auseinandersetzen.
Hier schreibt: Sonja Rieder – erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach mit eigener Praxis zentral in Wien 7

Affären – so alt wie die Erfindung der Ehe
Affären kommen in so gut wie allen Gesellschaften am Erdball vor, besagt die Anthropologie (1). Auch in solchen, wo dafür die Todesstrafe droht – und eine Steinigung ist kein schönes Ende!
In den USA, dem Land der hochgepriesenen moralischen Standards wird nicht weniger betrogen als im angeblich so leichtlebigen Frankreich.
Es hilft eben nicht, Untreue zur Todsünde zu stilisieren.
Und wenn wir sie noch so verteufeln – sie wird geschehen, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind: Einsamkeit in der Partnerschaft etwa, quälende Sehnsucht nach Lebendigkeit, schmerzvolle Verluste, Sinnkrisen, frühe traumatische Bindungserfahrungen. Aber auch einfach die gute Gelegenheit. Die Liste an Motiven ist endlos.
Affären geschehen in traditionellen Ländern wie in den hoch entwickelten Gesellschaften Skandinaviens. Sie kommen im Krieg wie im Frieden vor, laufen über Kontinente hinweg oder ganz nebenan in der Nachbarschaft.
Die Weltliteratur ist voll von Geschichten über heimliche Liebe. Schriftstellerinnen und Dichter beschreiben von jeher unser emotionales Wirrwarr rund um das Fremdgehen besser als jedes psychologische Traktat es könnte.
Es ist auch interessant, dass die Affäre weiterhin überlebt – obwohl Trennung und Scheidung in unserem Kulturkreis sozial akzeptiert sind. Man könnte sich ja einfach trennen und eine neue Beziehung beginnen. Dann müsste man auch keine Schuldgefühle haben.
Aber so einfach ist es eben meistens nicht. Fremdgehen gewinnt seinen vielschichtigen Reiz auch aus der Heimlichkeit.
Viele Affären werden niemals aufgedeckt – mit dem Detektiv sollte man dennoch rechnen

Untreue und das Erschrecken über sich selbst
Ich schreibe hier nicht über chronische Fremdgänger*innen. Diese bilden eine Sondergruppe und sind in der Praxis nicht sonderlich häufig. Auch Menschen, die sich für polyamouröse Lebensformen entschieden haben, bilden eine eigene Kategorie.
In allen Fällen in meiner Praxis sind die Fremdgehenden durchwegs verantwortungsbewusste Menschen, die viele Jahre, manchmal Jahrzehnte stabil in einer Grundbeziehung gelebt haben und ihrer Partnerperson sehr verbunden waren.
Oft wurde deutlich, dass sie den Menschen an ihrer Seite nach wie vor aufrecht liebten.
Grundsätzlich gilt: Je verurteilender jemand früher dem Thema Affäre gegenüberstand, desto größer ist die Krise im Selbstbild, wenn es einen selbst betrifft.
Eine meiner Klientinnen in ihren Vierzigern, eine bis zu ihrer Affäre durchgehend treue und viel gebende Ehefrau und Mutter, war zutiefst erschrocken über sich selbst und verurteilte sich heftig.
Ihr Handeln widersprach ihren bisher hochgehaltenen Werten in eklatanter Weise. Sie verstand sich selbst nicht mehr.
Gleichzeitig gelang es ihr über eineinhalb Jahre nicht, ihre Affäre zu beenden. Dieser Widerspruch war schwer auszuhalten für sie. Immer wieder drohten sie Schuldgefühle zu erdrücken – und dann dennoch diese Unfähigkeit, sich aus der Affäre zu lösen.

Wann entstehen Schuldgefühle? Und was haben sie mit unserem inneren Gesetzbuch zu tun?
Menschen sind sehr verschieden. Und auch was die Neigung zu Schuldgefühlen anbelangt, lassen sich große Unterschiede erkennen.
Meine Erfahrung als Psychotherapeutin zeigt, dass Menschen, die in einer wenig liebevollen Familie mit strengen, strafenden Eltern aufgewachsen sind, deutlich stärker zu Schuldgefühlen neigen als andere.
Das ist psycho-logisch: wenn es zuhause schwierig ist, nehmen Kinder ganz automatisch die Schuld dafür auf sich. Damit erlangen sie ein gewisses Gefühl der Kontrolle – mitten im Chaos, das sie umgibt.
Das heißt, Schuldgefühle werden früh eingeübt. Wer dieses Muster von klein auf gut kennt, wird damit auch später durchs Leben gehen: Schuldgefühle stellen sich dann rasch ein, in allen möglichen Situationen.

Verliebtheit – ein Zustand, der mit der Wirkung von Kokain vergleichbar ist
Ich habe als Psychotherapeutin schon einige Klient*innen durch ihre Liebesaffären hindurch begleitet. Keine Geschichte gleicht der anderen. Worin sich Beziehungsbrüchige jedoch ähneln, ist ein ganz bestimmter, höchst intensiver Gefühlscocktail.
Da ist zum einen die Verliebtheit, ein Zustand der Verzückung, Besessenheit und Entrückung, der von der US-Anthropologin Helen Fisher mit modernen Mitteln der Hirnforschung untersucht wurde (1). Sie legte verliebte Menschen „in die Röhre“, dh. sie führte fMRTs an ihnen durch, funktionelle Magnetresonanztomografien.
Auch meine fremdgehenden Klient*innen waren unablässig in Gedanken mit dem Menschen ihrer Träume beschäftigt, konnten an wenig anderes denken, hatten Sehnsucht.
Ihr ganzes Leben schien plötzlich wie in einem neuen Licht – heller, unendlich lebendiger, hoffnungsvoll, aber auch unruhig.
Affären als Grenzerfahrung
Gleichzeitig war da aber auch eine Fülle von anderen, belastenden Gefühlen, die das Geschehen oft zu einem emotionalen Grenzgang machten. Scham und Schuld allen voran.
Affären, die auffliegen, destabilisieren die Betrogenen psychisch in aller Regel massiv. Einen so tiefen Vertrauensbruch stecken die Wenigsten einfach weg. Aber auch diejenigen, die eine Affäre aktiv betreiben, erleben gewöhnlich emotionale Hochschaubahnen.
Ein Mann, dessen Grundbeziehung schon über ein Jahr ohne jede sexuelle Begegnung war, hatte sogar ernste Bedenken, mir von seiner Affäre zu erzählen. Ich als Frau könnten ihn als Mann geringschätzen und verurteilen für das, was er tat. Meine Entgegnung, dass Frauen Männern beim Fremdgehen mittlerweile kaum nachstehen, beruhigte ihn etwas. Und auch meine Versicherung, dass es nicht darum geht, zu urteilen oder gar zu verurteilen, sondern zu verstehen.
Und da ist oft viel Angst – Angst, zu verletzen. Angst, erwischt zu werden. Angst, die Grundbeziehung, einen vielleicht geliebten Menschen zu verlieren, ein Leben, das man sich über viele Jahre aufgebaut hat. Das Nervensystem kann sich kaum beruhigen, läuft im dauerhaften Kampf-Flucht-Modus.
Viele Betrügende erleben die enorme Lebendigkeit der Verliebtheit – und gleichzeitig große Verwirrung, innere Zerrissenheit und Selbstvorwürfe bis hin zur Verzweiflung.
Auch wenn man darüber diskutieren könnte, welches Recht auf Hilfe Menschen zugestanden werden sollte, die sich so unehrlich verhalten: Ich bin der Meinung, dass auch Fremdgehende Unterstützung gut gebrauchen können und diese auch verdienen.
Im besten Fall kann eine Begleitung in Therapie oder Coaching verhindern, dass eine Familie auseinander bricht, jemand sich blindlings in sein Unglück stürzt oder andere Personen schwerer verletzt werden als es notwendig.
Affären können auch in glücklichen Partnerschaften vorkommen
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Affären nur Menschen in „unglücklichen“ Partnerschaften passieren.
Die US-Paartherapeutin Shirley Glass nannte es das „Präventions-Paradoxon“: die Vorstellung, durch Vorkehrungen in der Partnerschaft Affären grundsätzlich verhindern zu können(3). Sie betont, wie wichtig es für jeden Einzelnen in einer Partnerschaft ist, in der Arbeitswelt, privat und online auf die eigenen Grenzen zu achten.
Emotional aufgeladene Situationen bringen uns anderen Menschen innerlich unweigerlich näher – und schon ist eine gute Chance gegeben, sich zu verlieben.

Sich besser verstehen lernen – und kluge Entscheidungen treffen
In der Begleitung von Einzelpersonen, die fremdgehen, geht es mir va darum, ein besseres Verständnis für die tieferliegenden Dynamiken zu finden. Die Affäre als Entwicklungs-Turbo oder zumindest als Weckruf zu nutzen. Denn oft geht es auch um Aspekte des eigenen ungelebten Lebens, das durch einen neuen Liebespartner plötzlich wie magisch spürbar wird.
Oder die Affäre ist „einfach so“ passiert – das kommt vor. Die Arbeitswelt und das Internet mit seinen unendlichen Kontakt-Möglichkeiten bieten einen laufenden Pool an Verführungen. Wer seine Grenzen nicht gut schützt, kann in eine Affäre „hineinrutschen“, auch wenn es keine großen Gewitterwolken in der Grundbeziehung gibt. Der Reiz des Heimlichen und Neuen verstärken den Sog zusätzlich.
Quellen:
(3) Glass, Shirley P. (2015). Die Psychologie der Untreue. Stuttgart: Klett-Cotta.
Fotocredits:
Beitragsbild + 1. Artikelbild: Martin Jordan
2. und 3. Artikelbild: getty images for unsplash
4. Arikelbild: Brannon Naito for unsplash
* Name geändert. Sämtliche porträtierten Individuen und Fallgeschichten wurden aus Gründen der Verschwiegenheit sorgfältig verfremdet und Umstände soweit verändert, dass ein Rückschluss auf reale Personen unmöglich ist.
Sollte jemandem eine Fallgeschichte dennoch bekannt vorkommen, liegt dies vermutlich darin begründet, dass die von mir beschriebenen Inhalte sehr häufig vorkommen.
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