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Sinnfindung und Perspektivenwechsel in einer sinnenleerten (Job-) Welt

Neben der Angst vor Arbeitslosigkeit sind Überlastung und gefühlte Sinnlosigkeit die größten Übel in der heutigen Arbeitswelt, wobei die letzten beiden Fakotren auch noch zusammenhängen: Burnout ist nicht nur Folge von Überlastung, sondern birgt auch eine klare Komponente von Sinnverlust und Perpektivenmangel in sich.

Der Mensch kann viel aushalten, wenn er darin einen Sinn sieht

– das meinte schon Viktor Frankl, der einmalige Psychiater, Sinn-Forscher und Begründer der Logotherapie. Vor wenigen Tagen jährte sich sein Todestag zum 20. Mal. Seine Überlegungen sind aktueller denn je.

Wie oft sitze ich in der Beratung jüngeren Menschen gegenüber, die für Ideale brennen – meistens geht es um Umweltthemen und Soziales. Im Job bleibt meist wenig Raum für solche Ambitionen, außer bei Unternehmen, die klar im Umwelt- oder Sozialbereich tätig sind. Dazu kommt ein gewisses Zurechtrücken der Realitätsvorstellungen: Organisationen und Vereine in alternativen Bereichen zahlen in aller Regel nicht Gehälter wie etablierte Konsumgüterartikler oder die sexy IT-Industrie. Moral oder Gehalt – für manche läuft es auf diese Polarität hinaus.

Für beruflich Etablierte sind oft andere Erfahrungen der innere „Knackpunkt“:

  • Zuzusehen, wie Mitarbeiter und Kolleginnen „reduziert“, also abgebaut werden, während das Unternehmen Gewinne schreibt, ist für viele enorm motivationssenkend (vielleicht ist man ja demnächst selbst dran). Wo liegt der Sinn einer Arbeit, die offensichtlich so wenig wert ist, dass man jederzeit wegrationalisiert werden kann?
  • Worin liegt der Sinn, wenn man sinnvolle Verbesserungsvorschläge für wenig sinnvolle Abläufe macht, diese aber nicht gehört werden?
  • Wie viel Sinn kann man aus einem Arbeitsumfeld schlagen, bei dem systematisch diejenigen vorankommen, die sich eben am besten vermarkten? Wie geht man mit dem Faktum um, dass Eigen-PR mittlerweile mehr zählt als gute Leistung?
  • Wie geht es dem 50-jährigen Manager, der nach einem Jobverlust plötzlich merkt, wie rasch man ab einem gewissen Alter „aussortiert“ wird, egal, wie wertvoll und einzigartig Berufserfahrung und Fachwissen sind?
  • Wie geht es der Geisteswissenschaftlerin Anfang 30, die als Erste in ihrer Familie promoviert hat und nun merkt, dass sie sich in der Wissenschaft von einem prekär-befristeten Dienstvertrag zum nächsten hangeln muss?
  • Wie steht es mit der Sinnfrage in Jobs, die der Welt nicht das bieten, was sie bräuchte, sondern das Gegenteil? Jobs, die für Produkte sorgen, die die Ökologie belasten, Menschen und Tiere krank machen können? Jobs, die für unnötige Bedürfnisse sorgen? (Meine Erfahrung: Viel mehr Werber als man denkt belastet genau diese Tatsache)

So oder ähnlich lauten die Fragen, mit denen Klienten tagtäglich zu mir kommen. Manchmal werden sie direkt angesprochen, manchmal verbergen sie sich hinter anderen, vordergründigen Themen.

Ich kann in meiner Rolle und auch als Mensch die Arbeitswelt nicht ändern. Meine Unterstützung läuft im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten. Diese sind allerdings in manchem Fällen nicht ganz so eng, wie zunächst empfunden. Einen kleinen Spielraum gibt es fast immer – diesen gilt es zu nutzen. Es gilt, das zu tun, was möglich ist – in einer oft absurden (Arbeits-)Welt, und wenn es „nur“ ein Perspektivwechsel ist.

Perspektivenwechsel als immer mögliche Option

Es ist nicht immer leicht, die eigene Perspektive auf schwierige Gegebenheiten zu ändern. Aber wenn sich im Außen gar nichts ändern lässt, ist das noch immer ein möglicher Schritt. Es gibt keine Situation, die nicht irgendwo auch etwas Gutes und damit Sinnstiftendes birgt – allerdings muss man es sehen wollen.

Man bedenke: Menschliche Größen wie Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela verzweifelten auch im Gefängnis nicht, sondern wuchsen innerlich daran. Viktor Frankl konnte sogar einer so unfassbar grausamen Situation wie dem KZ Sinn abgewinnen. Er schreibt übrigens auch davon, wie sehr ein innerlich empfundener Sinn die Überlebenschancen der Insassen erhöhte.

Sinn mitten im Unsinn

Hier das Ergebnis eines kleines Brainstormings, was (subjektiv) Sinn mitten im Unsinn des Arbeitslebens bedeuten könnte – wobei mir klar ist, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg der Sinn-Findung gehen muss:

  • An Mobbing und Intrigen nicht teilnehmen
  • Neuen Kollegen fachliche Hilfe zukommen lassen, obwohl andere ihnen diese verweigern
  • Haltung bewahren, wenn man unsachlich angegriffen wird, und kontern lernen
  • Lernen, zu kämpfen (in vielen Jobs muss mittlerweile fortlaufend gekämpft werden, sei es nur, damit einem niemand anderer den Aufgabenbereich wegnimmt)
  • Den emotionalen Schwerpunkt weg von der Arbeit legen. Lernen, das Leben außerhalb der Arbeit mehr zu betonen, Familie, Hobbys und Freundschaften mehr wertzuschätzen
  • Sich abgrenzen lernen
  • Sich innerlich für einen Moment voll und ganz in die Lage des/der kritisierten Vorgesetzten/Kollegen/Mitarbeiters zu begeben (es wird viel kritisiert, ohne ein Bild von den Nöten der anderen zu haben)
  • Politisches, soziales, ökologisches Engagement außerhalb der Arbeit
  • to be continued…

Folgende Gedanken des Autors und Psychotherapeuten Uwe Böschemeyer möchte ich zum Schluss noch weitergeben. In ihnen steckt viel Hilfreiches, wenn man offen ist für die Botschaft:

„Die Welt, in der wir leben, ist unsere Welt.

Die Zeit, in der wir leben, ist unsere Zeit.

Das Leben, das wir in dieser Welt und dieser Zeit leben, ist unser Leben.

Diese unsere Welt in dieser unserer Zeit ist beides:

unsere Gefährdung und unsere Möglichkeit, zugleich unsere Aufgabe.

Diese Aufgabe können wir annehmen, wir können sie ablehnen.

Doch wenn wir sie ablehnen, verlieren wir alles, was wir haben.“

 

 


Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche, sagte Dietrich Bonhoeffer.

Der Theologe und Widerständler gegen das Nazi-Regime bezahlte für sein mutiges Engagement mit dem Leben. Man muss nicht religiös sein, um seinem geistig-ideellen Nachlass etwas abzugewinnen.

Unlängst bin ich, wieder einmal querbeet lesend, über Bonhoeffers Zitat über ein erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche gestolpert. Und halte es für einen wichtigen Aspekt zum Thema Wunsch und Wunscherfüllung, der kaum beleuchtet wird. In unserer Kultur gibt es in den letzten Jahren einen starken Drang hin zu „Erfülle dir deine Wünsche“, „nimm dir deinen Teil vom Leben“ usw. Weiterlesen



Ist es wirklich notwendig, dass es uns besser geht als unseren Eltern?

Sonja Rieder im Interview mit Lukas Sustala von NZZ.at über Karrierewege, die nötige Selbstdarstellung und das richtige Erwartungsmanagement – zu lesen im aktuellen NZZ.at-Magazin „Die goldene Mitte – Ein Lebensmodell in der Krise“.

Wie lässt sich Karriere machen? Die Karriereberaterin und Psychotherapeutin Sonja Rieder im Gespräch über Karrierewege, die nötige Selbstdarstellung und das richtige Erwartungsmanagement

Lukas Sustala Berufe und Karrieren scheinen sich in atemberaubendem Tempo zu ändern, Digitalisierung und Globalisierung machen`s möglich. Wie haben sich die Anforderungen und Berufsbilder tatsächlich verändert?

Sonja Rieder Es wird ja alles digitalisiert, was sich digitalisieren lässt. Und am Arbeitsmarkt hinterlässt das freilich eine digitale Kluft, weil auch hochqualifizierte Ältere wegen mangelnder digitaler Fitness Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben. Die Digitalisierung hat sich auf viele Berufs direkt ausgewirkt, etwa auf Marketing Manager oder Personalleiter. Weiterlesen



Selbstwert, Selbstachtung, Selbstbewusstsein

Das Thema Selbstbewusstsein sehe ich mittlerweile als grundlegende Problematik des Menschen in unserer Gesellschaft: Meist mangelt es daran, manchmal wird kompensiert und wir beobachten einen „Ego-Trip“, ganz selten aber scheint das Selbstbewusstsein im Lot.

Im Karriere-Coaching stoße ich mit meinen Klienten unweigerlich darauf, weil die Anforderungen an Selbstvermarktung, Eigen-PR und der grundlegende Verweis auf Stärken, Erfolge und Können mittlerweile einen überragenden Stellenwert im Berufsleben einnehmen.

Geringes Selbstbewusstsein – allein die Folge unserer Kindheitserfahrungen?

Lange ging ich davon aus, dass mangelndes, aber auch übersteigertes (also unechtes) Selbstbewusstsein (Narzissmus) allein die Folge schwieriger Lebensgeschichten ist, das karge Erbe von Eltern/Angehörigen/Lehrern, die nicht genug erkannt, ermutigt, „mitgegeben“ haben. Dieser Faktor lässt sich sicherlich nicht abstreiten.

Gleichzeitig sehe ich als Karriere-Coach, dass die wenigsten Menschen auf die Frage nach Erfolgen, nach dem, was ihnen bisher gut gelungen ist, eine klare Antworten geben können. Das ist umso erstaunlicher, als Gelungenes ein direkter Hinweis auf Stärken darstellt. Und Stärken sollte man doch nenne können, im Bewerbungsgespräch, beim Hearing, in der Arbeitswelt generell, zack-zack, oder?

Neoliberalismus und das kollektive „Wir-sind-nicht-genug“

Die gesellschaftlichen Entwicklungen und die Arbeit mit mehreren Hundert Klienten bringen mich immer mehr zur Ansicht, dass mangelndes Selbstbewusstsein auch einen gesellschaftlichen Hintergrund hat.

So wie in der Wirtschaft der weitgehend unhinterfragte Imperativ des ständigen Wachstums herrscht, sind auch wir als Individuen nie „genug“: Wir können nicht genug, wissen nicht genug, netzwerken nicht genug, sind nicht klug genug, schön genug, verhalten uns nicht strategisch genug, was immer.

Bewusstsein des Erreichten anstatt ständiges Mangel-Gefühl

Diese Sichtweise verstellt die Sicht auf das, was schon da ist, und das ist bei den allermeisten Menschen viel. Statt immer nur zu versuchen, mehr zur lernen und noch mehr anzuhäufen, ist oft ein Schritt zur Seite das Mittel der Wahl, um mehr Klarheit über eigene Stärken zu erlangen und Selbstbewusstsein zu tanken:

  • Was kann ich bereits? Was ist mir gut gelungen?
  • Was habe ich abgeschlossen, obwohl die Rahmenbedingungen sehr schwierig waren?
  • Welche Hindernisse musste dabei überwinden?
  • Wie habe ich eine verfahrene Situation gemeistert? Welche positiven Fähigkeiten stecken dahinter?

Eine kleine tägliche Übung – mit großer Hebelwirkung

Als Einstieg in das aktive Stärken des eigenen Selbstbewusstseins empfehlen sich oft auch kleine Übungen, die leicht in den Tag eingebaut werden. Allerdings sollten sie täglich gemacht werden.

Hier ein Beispiel: Identifizieren Sie jeden Tag am Abend 3 Dinge/Situationen/Tätigkeiten, bei denen Sie mit sich zufrieden sind. Loben Sie sich innerlich dafür: Das hast du gut gemacht!

Und bedenken Sie: Nicht nur Spektakuläres verdient Anerkennung. Auch die Pause, die sich ein Stress-Typ gönnt, das ausgeschaltene Handy während der Mittagspause oder das gute Gespräch mit der beneideten Kollegin zählen dazu.

 


Leidenschaft – fragwürdige Leitemotion?

Kaum ein Interview mit beruflich Erfolgreichen, in dem diese den Begriff „Leidenschaft“ nicht als entscheidende Antriebsfeder ins Treffen führen. Die Passion, die absolute Hingabe an das eigene Tun verschafft uns tatsächlich Flow-Gefühle, Empfindungen von großer Lebendigkeit und Glück. Und sie erlaubt uns, durch anhaltende Begeisterung richtig gut zu werden in unserem Metier.

Schließlich scheint sie ein verlässlicher Erfolgsmotor zu sein, Garant für berufliches Fortkommen und schier unerschöpfliche Motivationsquelle – oder?

Was ist Leidenschaft? Und wie sieht ein guter Umgang damit aus?

Die Propagierung der Leidenschaft bleibt oft unhinterfragt. Das könnte damit zu tun haben, dass das Thema von der Psychologie noch wenig aufgegriffen wurde. Doch die Forschung holt auf.

Für Robert Vallerand, Psychologieprofessor an der Université du Québec, ist Leidenschaft eine zentrale psychische Kraft, die alle Aspekte des Lebens durchdringt. Um als Leidenschaft durchzugehen, muss eine Aktivität dem Forscher zufolge folgende Kriterien erfüllen: Sie wird geliebt und als höchst interessant empfunden, ihr wird viel Zeit über lange Perioden gewidmet und Ausübende fühlen sich dabei lebendig. Letztendlich wird sie als Bestandteil der eigenen Identität empfunden.

Harmonische und obsessive Form

Doch Vallerand stellt einer „harmonischen“ Leidenschaft, bei der sich die Aktivität ausbalanciert in das Leben mit all seinen unterschiedlichen Anforderungen einfügt, eine „obsessive“ Form entgegen. Diese ist insofern kritisch zu sehen, als sie alles andere dominiert. Sie lässt keine anderen Interessen aufkommen, auch nicht solche, die den oft so notwendigen Ausgleich schaffen könnten. Die Leidenschaft geht quasi mit dem Menschen durch. Er wird ihr Knecht.

Zu beobachten ist diese Form der Obsession etwa bei Menschen, die sich in einer ziemlich unvorhersehbar gewordenen Berufswelt ohne jeglichen Ausgleich in professionelle Leidenschaften hineinsteigern. Diese „Strategie“ (wiewohl selten bewusst gewählt) mag durchaus kurzfristig zu markanten Erfolgen führen. Das Geschäft entwickelt sich, der ersehnte Durchbruch wird erreicht, der Turnover vollzogen usw.

Mittel- bis langfristig zeigt sich allerdings oft ein anderes Bild: Irgendwann geht die Kraft aus, eine Erfolgsserie wird durchkreuzt (was nur schwer verschmerzt wird, da der gesamte Selbstwert aus beruflichen Erfolgen gezogen wird), die Folgen jahrelanger Vernachlässigung von Familie, Freunden und Hobbys beginnen sich zu zeigen. Und, ganz abgesehen vom Einzelfall: Wünschen wir uns eine Arbeitswelt, eine Gesellschaft aus Individuen, die ihrer inneren Unbändigkeit dauerhaft erliegen?

Pflege und Integration der Leidenschaft

Das Berufsleben ist kein Sprint, sondern gleicht einem Marathon. Mir ist noch keine Laufbahn ohne Einschnitt oder Dürreperiode untergekommen. Mental hilfreich für das Aufbauen von Langstrecken-Fitness ist die ehrliche Reflexion von Licht- und Schattenseiten der absoluten Hingabe an eine Sache. Und die bewusste Pflege unserer Leidenschaften – durch Ausgleich und wohlüberlegte Integration in unser Leben.

Literatur: Robert J. Vallerand: The psychology of passion. A dualistic model. Oxford University Press, New York 2015


Karriereberatung – Rückblick zum Jahresende

Ein weiteres Jahr als Karriereberaterin neigt sich dem Ende zu. Die Erzählungen meiner Klientinnen und Klienten spülen individuelle berufliche Themen nah an mich heran. Jede Geschichte ist anders. Manche sind sehr heftig.

Und dennoch hat das Besprochene einen gemeinsamen Nenner: Es geht um allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen, die sich nicht nur an Arbeitsmarktdaten, sondern auch am Verhalten von Menschen im Berufsleben festmachen lassen.

Rechtes Handeln unter unrechten Bedingungen

Noch mehr als in den Vorjahren beschäftigt mich die Frage nach dem „rechten Handeln“ unter „unrechten“ Bedingungen. Auf die Arbeitswelt umgemünzt: wie sieht der individuelle Weg der auf Gehalt und Job Angewiesenen aus, wenn sie Entscheidungen hinnehmen müssen, die in der Praxis keinen Sinn machen, wenn es gilt, sich mit irgendwo in Übersee beschlossenen Sparmaßnahmen zu arrangieren, die die Aufschrift „Kurzsichtigkeit“ und „Shareholder Value“ in großen, unsichtbaren Lettern tragen? Wie gehen sie mit mit Kommunikationsmangel, Unsicherheit und gefühlter Ungerechtigkeit um?

Ab wann beginnt man, selbst auszuteilen? Wie geht diejenige, die um ihren Job fürchtet, mit der neuen, deutlich jüngeren Kollegin in der Abteilung um, die noch dazu qualifizierter ist als sie?

Wie stark soll man sich emotional in die Arbeit einbringen, wie weit darf man sich im Eifer vorwagen, um nicht von der Leiter zu purzeln, wenn sich der Wind dreht? Wo muss, wo darf man nein sagen? Und vor allem: wie?

Chancen und Fallstricke

Die heutige Berufswelt ist gepflastert mit unzähligen Bruchstellen und Fallstricken, aber auch Entwicklungsmöglichkeiten. In jeder Situation haben wir die Möglichkeit, so gut wie möglich, so stimmig wie möglich zu handeln. Grenzen sind hinzunehmen, Spielräume oft gering, aber doch vorhanden. Sie werden übrigens oft nicht als solche erkannt.

Welche Fähigkeiten erfordert unsere Zeit ganz besonders?

In meinen Augen ist heute neben guter Kommunikationsfähigkeit vor allem ein Gefühl für kluges Timing und den richtigen Moment, gepaart mit der Kraft, durchzuhalten und Chancen im richtigen Moment am Schopf zu packen gefragt. Nicht nur kurzfristiges Denken ist notwendig, sondern auch eine mittel- und langfristige Perspektive muss eingenommen werden können.

Vielleicht kann man es auch als Beherrschen des Wechselspiels zwischen aktivem und passivem Modus sehen – wer innerlich getrieben immer aktiv „auf die Tube drücken“ muss, überlebt ruhigere Phasen nicht. Wer immer nur das sichere Nest mit idealen Bedingungen sucht geht unter im Moment, in dem höchste Aktivität gefordert ist.

Wir brauchen beides im Leben. Der Beruf ist Teil dieses Lebens. Und kluges Handeln lässt sich im Wege des Selbstmanagements über weiter Strecken erlernen.

Keine Karriere ohne Durststrecke

Ich habe noch keine Karriere ohne Durststrecke gesehen. Manche kommen früh in den Genuss und brauchen lange, bis sie überhaupt erste gute Berufserfahrungen machen. Andere Laufbahnen entwickeln sich lange Zeit positiv und konstant, bis sie durch eine Erschütterung aus verschiedensten Gründen ins Wanken geraten.

Besonders viele sind derzeit davon betroffen, auf eine befriedigende Karriere zurückblicken zu können, diese aber durch Unternehmenspolitik und Arbeitsmarkt erzwungenermaßen früh, etwa schon mit Anfang 50, beenden zu müssen.

Alle beschriebenen Szenarien verlangen ein hohes Maß an persönlicher Stärke, um gemeistert zu werden.

Gedanken zum Jahresende

Ich beschließe dieses Jahr in warmen Gedanken an alle, die ihre Arbeit verrichten, ohne besondere Wertschätzung dafür zu bekommen. Das sind übrigens viele, und ich kann nur beispielhaft aufzählen.

Ich denke an meinen Hausbesorger Goran, der für mich zu den glücklichsten Menschen zählt, die ich kenne. Noch nie habe ich ihn mit Besen und Putzzeug in der Hand widerständig gegenüber seinem Tun erlebt – ganz im Gegenteil, er scheint damit vollkommen in Einklang.

Ich denke an ärztliches Personal und Pflegende, die trotz mühsamer Bedingungen einfach weitermachen. Die in meinen Augen oft unterschätzen Lehrkräfte. Die systematisch unterschätzten Frühpädagoginnen und Pädagogen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen, denn vermutlich gibt es in allen Berufen Menschen, die tagtäglich mit sich selbst um ethisches Handeln ringen, obwohl sie Daumenschrauben an ihren Fingern spüren, unter ihrem geringen Gehalt leiden oder auch, nur zu menschlich, mit ihrer Gier in Verhandlung treten müssen.

Und ich denke daran, dass der Anspruch, Arbeit solle laufend „Spaß“ machen, nicht nur zu hoch gegriffen ist, sondern viel unnötiges Leid verursacht.

Arbeit ist auch mit Mühe verbunden, und das war schon immer so. Was soll daran falsch sein?




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