30.07.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 20 min

Narzissmus im Beruf: Leistung als Selbstwert-Motor

Wie hängen ständiger Leistungsdruck, Narzissmus und Burnout zusammen? Erfahren Sie aus psychotherapeutischer Sicht, warum viele Menschen ihren Selbstwert über den Beruf definieren, welche drei Narzissmus-Typen es im Arbeitsleben gibt und wie der Ausweg aus der Erschöpfung gelingt.

30.07.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 20 min

Mann schaut angestrengt auf den Bildschirm seines Laptops
Mann schaut angestrengt auf den Bildschirm seines Laptops

Das Wichtigste in Kürze

  • Keine reine Erfolgsgarantie: Narzissmus treibt zwar manche zu Höchstleistungen an, führt aber keineswegs automatisch in die Chefetage – er ist im Beruf immer zugleich Erfolgs- und enormer Risikofaktor.

  • Die 3 Typen nach Rainer Sachse: Unterschieden wird zwischen Erfolgreichen (Hochleistende mit hohem Burnout-Risiko), Gescheiterten (ohne eigene Motivation, brechen bei Misserfolgen zusammen) und Erfolglosen Narzisst*innen (bringen kaum Leistung, flüchten in Tagträume).

  • Der Kern ist ein fragiler Selbstwert: Allen Typen liegt die tief sitzende Angst „Ich bin nicht gut genug“ zugrunde. Ziel ist der Ausstieg aus der Leistungsfalle – hin zu einem Selbstwertgefühl, das unabhängiger von ständiger äußerer Anerkennung wird.

Schon wieder hat sich Deine Chefin im Meeting mit falschen Federn geschmückt – Deinen nämlich. Wie ärgerlich! Die weiß schon, wie sie sich darstellt und davon profitiert, diese Narzisstin!

Aber Moment: Hängen Erfolg und Narzissmus wirklich so klar zusammen? Sind alle Erfolgreichen narzisstisch – und macht Narzissmus automatisch erfolgreich?

Doch, doch, da gibt es Zusammenhänge. Aber die sind viel komplexer, als Du wahrscheinlich denkst.

Die Sache mit dem Narzissmus ist nämlich deutlich nuancierter als das, was uns das Internet darüber erzählt.

In diesem Blogartikel beschreibe ich die Zusammenhänge zwischen Narzissmus und beruflichem Erfolg anhand von 3 Typen: den erfolgreichen, den gescheiterten und den erfolglosen Narzisst*innen.“

Inhaltsverzeichnis

Das narzisstische Spektrum: Vom Persönlichkeitsstil zur Störung

Der Begriff „Narzissmus“ hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt. Dabei wurde ein sehr vielschichtiges Konzept leider meist stark vereinfacht und damit ad absurdum geführt.

Was versteht man also eigentlich unter „Narzissmus“? Hier müssen wir differenzieren:

  • Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS):

    Damit ist eine klinische Diagnose gemeint. Menschen mit einer NPS sind geprägt durch ein tiefes Bedürfnis nach Bewunderung, fehlende Empathie und eine grandios wirkende Fassade. Diese zur Schau getragene Unverletzlichkeit ist jedoch nur eine Maske: Darunter liegt ein extrem brüchiger Selbstwert, den Betroffene ständig durch die Aufwertung des Eigenen und die Abwertung Anderer schützen müssen. Das Vollbild dieser Störung ist vergleichsweise selten – die Prävalenz von Narzissmus liegt bei etwa 1 bis 2 Prozent (Quelle).

Gut zu wissen: In der ICD-11 wird die NPS nicht mehr als eigenständige Kategorie geführt, sondern über ein dimensionales Modell (Schweregrad) mit spezifischen Persönlichkeitsprägetypen erfasst. Im US-amerikanischen DSM-5 bleibt die Narcissistic Personality Disorder (NPD) hingegen als Diagnose bestehen.

  • Der narzisstische Persönlichkeitsstil:

    Umgangssprachlich beschreibt „Narzissmus“ oft nur Ausprägungen von Persönlichkeitszügen und keine Erkrankung. Als Persönlichkeitsstil passt Narzissmus hervorragend in unsere heutige Leistungsgesellschaft und ist – in unterschiedlich starker Intensität – weit verbreitet.

    Oft wird der Begriff schlicht als Schimpfwort für egoistische oder rücksichtslose Menschen genutzt. Davon halte ich wenig: Ich plädiere für ein „Verstehen vor dem Urteilen“ und gegen eine voreilige Stigmatisierung. Das bedeutet aber keineswegs, dass man sich nicht gegen grenzüberschreitendes Verhalten wehren darf – das ist im Gegenteil sogar sehr wichtig.

Die Leistungsfalle: Wenn Arbeit den Selbstwert stabilisieren muss

In unserer heutigen Gesellschaft definieren sich viele Menschen vor allem über ihren Beruf. Auf die alltägliche Frage „Was machst du so?“ antworten die wenigsten mit dem, was ihr Leben in seiner Gesamtheit ausmacht – etwa ihren Interessen, Leidenschaften oder familiären Rollen. Stattdessen reduzieren wir unsere Antwort wahrscheinlich alle fast reflexartig auf den Job und unsere Position. Als wäre unsere berufliche Tätigkeit die einzige Währung, die zählt.

Und was die Berufswelt angeht, schildern mir meine Klient*innen fast unisono ein weiteres Problem: Es zählt nur noch die messbare Leistung. Das Ergebnis muss stimmen. Andere Werte geraten dadurch in den Hintergrund: die reine Freude an einer Aufgabe, Kreativität, persönliches Interesse oder ein gutes, unterstützendes Team.

Aus psychologischer Sicht ist Leistung an sich nichts Schlechtes. Die Gefahr entsteht dadurch, wie wir Leistung bewerten: Wer viel leistet, gilt viel. Wer seine Ziele nicht erreicht, fühlt sich rasch wertlos.

Für Menschen mit narzisstischen Zügen ist das eine gefährliche Falle. Sie versuchen ständig, ein tiefes inneres Unsicherheitsgefühl durch große Erfolge auszugleichen. Wenn so ein Wunsch auf hohe berufliche Anforderungen trifft, führt das nicht selten direkt in die Erschöpfung oder in ein Burnout.

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Mythos entlarvt: Narzissmus ist keine Erfolgsgarantie!

Im Alltag denken wir bei dem Wort „Narzissmus“ reflexartig an selbstverliebte Menschen, die sich für etwas Besseres halten, andere dominieren, manipulieren oder sogar abwerten – an Individuen, die enorm erfolgreich sind und das auch gerne zeigen. Die ständig im Mittelpunkt stehen und glänzen wollen.

Doch Achtung: Dieses Bild trifft nur auf eine bestimmte Gruppe von Narzisst*innen zu – und selbst auf diese nur teilweise: die Erfolgreichen.

An dieser Stelle möchte ich einen Mythos entlarven: Nur wenige wissen, dass Narzissmus im Berufsleben nicht automatisch zum großen Erfolg führt – und nicht nur in Vorstandsetagen zu Hause ist!

Narzissmus kann auf allen Stationen des Ausbildungs- und Berufsweges nützen oder schaden: Er kann Menschen zu herausragenden Leistungen antreiben und zu Überfliegern machen, sie aber ebenso in schweres Scheitern, Schul- und Studienabbrüche, Arbeitslosigkeit oder das jahrelange Verharren weit unter dem eigentlichen Potenzial führen.

Nicht nur „gefühlskalte“ Chef*innen, „gierige“ Finanziers und „korrupte“ Politiker*innen können narzisstisch geprägt sein, wie der Volksmund oft meint, sondern auch Schüler*innen, Studierende und Arbeitnehmer*innen in allen Bereichen des Erwerbslebens.

Eine starke narzisstische Prägung ist jedenfalls – gerade für Führungskräfte und Menschen mit hoher beruflicher Verantwortung – stets ein Erfolgsund Risikofaktor zugleich.

So ist das mit dem Narzissmus: Kaum glauben wir, passende Kategorien gefunden zu haben, zeigen sich neue, schillernde Varianten. Komplexe psychische Phänomene lassen sich eben nicht auf ein paar reißerische Begriffe zusammenschrumpfen.

3 Typen von Narzissmus im Berufsleben: Erfolgreiche, Gescheiterte und Erfolglose

Der Psychotherapeut und emeritierte Professor für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum Rainer Sachse hat mit der Klärungsorientierte Psychotherapie einen psychologisch fundierten Ansatz entwickelt, der vor allem bei Persönlichkeitsstörungen hochwirksam ist. Auch zum Thema Narzissmus hat er umfangreich publiziert und eine eigene Typologie erarbeitet: Er unterscheidet drei Typen narzisstischer Persönlichkeiten (Quelle).

Alle drei tragen hartnäckige negative Selbstschemata (tief verankerte Überzeugungen über die eigene Person) in sich: Tief im Inneren sind sie davon überzeugt, dass sie nicht kompetent, wertvoll oder liebenswert sind – kurzum: dass sie als Person nicht okay sind. Dazu teilen sie dieselbe Grundangst – „Ich bin nicht gut genug“ – sowie die Überzeugung, in Beziehungen abgewertet, ausgenutzt und kritisiert zu werden.

Diese inneren Glaubenssätze sind keineswegs zufällig, denn genauso wurden narzisstische Menschen in ihrer Kindheit meist behandelt: Viele mussten von Eltern und wichtigen Bezugspersonen regelmäßige Abwertung, Kritik oder Vernachlässigung einstecken, oft über viele Jahre. Oder sie wurden idealisiert – was bedeutet, dass ihnen ein elterliches Wunschbild übergestülpt wurde und sich niemand dafür interessierte, wer sie wirklich sind.

Um diesen schmerzhaften inneren Zustand nicht fühlen zu müssen, entwickeln Narzisst*innen ein kompensatorisches „positives Selbstschema“ – eine Art Schutzschild und Maske, die sie nach außen (und vor sich selbst) großartig und unfehlbar erscheinen lässt. Dieses aufrechterhaltene Bild fordert jedoch einen hohen Tribut: Es verlangt ständig nach neuer Bestätigung und Anerkennung. Bleiben diese aus oder drohen Misserfolge, bricht das fragile Selbstwertgefühl schnell ein – und es droht eine schwere narzisstische Krise.

„Erfolgreiche“ Narzisst*innen arbeiten extrem viel und bringen Top-Leistungen – der Preis dafür ist allerdings ein sehr hohes Burnout-Risiko.

„Gescheiterte“ Narzisst*innen haben ebenfalls sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Da sie ihren Beruf jedoch meist nach den Erwartungen anderer gewählt haben, fehlt ihnen die echte innere Motivation.

„Erfolglose“ Narzisst*innen erbringen im Alltag wenig reale Leistung, schwärmen dafür aber umso mehr vom großen Erfolg. Dass sie beruflich nicht vorankommen, schieben sie grundsätzlich auf die anderen.

Ich bin seit über zwanzig Jahren neben der Psychotherapie auch im beruflichen Coaching tätig und finde die Typologie von Rainer Sachse sehr zutreffend – und extrem hilfreich für meine Arbeit. Je nachdem, in welche der drei Kategorien jemand fällt und wie stark diese ausgeprägt ist, lässt sich als Profi gezielt ansetzen: Bei einer leichten narzisstischen Tendenz lassen sich auch schon im Coaching-Format Fortschritte erzielen; bei stark ausgeprägten narzisstischen Zügen braucht es hingegen die Intensität und Tiefe einer Psychotherapie.

Narzissmus im Berufsleben

#1 Erfolgreiche Narzisst*innen: Insecure Overachiever & Co

Sie sind der Inbegriff des klassischen Karrieremenschen: Viele erfolgreiche Narzisst*innen haben ein überzeugendes Auftreten, sind charismatisch und lieben das Machtspiel in großen Organisationen. Manche manipulieren gekonnt; andere brauchen es für ihr inneres Gleichgewicht, Kolleginnen und Mitarbeitende abzuwerten. Die meisten erfolgreichen Narzisst*innen sind jedoch schlicht eines: echte Hochleistende.

Viele von ihnen arbeiten extrem hart. Der Treibstoff dahinter sind meist innere Unruhe und Unsicherheit: Durch immer neue Erfolge wollen sie sich selbst beweisen, dass ihre tiefen Selbstzweifel unbegründet sind. Dieser Prozess läuft allerdings unbewusst ab – kaum einem dieser Insecure Overachiever ist klar, dass seine eigentliche Motivation in Angst und einem fragilen Selbstwertgefühl liegt.

Im Gegenteil: Wenn ich als Psychotherapeutin solche Klient*innen frage, warum sie sich beruflich konsequent überfordern, kommen Antworten wie: „Es macht mir eben so viel Spaß!“ Oder: „Ich wurde eben so erzogen – das ist doch vollkommen normal!“ Oder auch: „Ich weiß gar nicht, wie es anders gehen soll.“

Paradebeispiele sind charismatische CEOs, Führungskräfte, Menschen in der Politik, Anwaltei, Spitzenmedizin oder Unternehmensberatung. Es gibt Berufsfelder, die Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur besonders anziehen. Namen muss man an dieser Stelle gar nicht nennen: Wir alle haben sofort prominente Gesichter vor Augen.

Auch in meiner Praxis finden sich immer wieder erfolgreiche Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und den freien Berufen ein – meist dann, wenn die Kräfte schwinden, weil die Selbstzweifel trotz allen Erfolgs massiv an der Energie zehren oder ein Burnout nicht mehr abzuwenden ist.

Eine Geschichte aus meiner Coaching-Praxis: Die Selbstzweifel einer Erfolgsfrau*

Frau C., Mitte zwanzig, schloss ihr Wirtschaftsstudium in Rekordzeit ab. Ihre Leistungen waren hervorragend, ihre Bewerbungen erzeugten großes Interesse auf dem Arbeitsmarkt. Dennoch kam sie mit massiven Selbstzweifeln in meine Praxis. Der Auslöser: Ein einziges Unternehmen hatte ihr nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren eine Absage erteilt – obwohl sie parallel dazu die Zusage von drei anderen Organisationen vorliegen hatte.

Bald darauf nahm sie eines dieser Angebote an. In ihrem neuen Job fehlte ihr jedoch der aus dem Studium gewohnte Nervenkitzel (wie die ständige Spannung vor der Notenbekanntgabe). Sobald die großen Höhepunkte und das kontinuierliche Schulterklopfen ausblieben, meldeten sich sofort die alten Zweifel zurück: „Bin ich überhaupt gut genug?“

Narzissmus und Erfolg im Berufsleben

#2 Gescheiterte Narzisst*innen: Wenn Misserfolg alles zum Einstürzen bringt

Menschen dieser Gruppe sind zu Beginn ihres Berufslebens oft sehr erfolgreich. Doch irgendwann geraten sie in eine Situation, der sie nicht mehr gewachsen sind: eine Beförderung, die sie überfordert oder die sie rein wegen des Geldes und des Prestiges annehmen; ein gröberer Fehler oder eine Serie kleinerer Missgeschicke; ein ambitioniertes Projekt, das scheitert – die Gründe hierfür sind vielfältig.

Im Hintergrund solcher Lebensläufe steht oft eine Berufswahl, die nicht aus eigener Motivation heraus zustande kam. Viele Betroffene entscheiden sich für einen Ausbildungsweg oder Beruf, weil andere es von ihnen erwarteten. In den allermeisten Fällen ging es darum, die hohen Erwartungen der Eltern – oder eines Elternteils – zu erfüllen.

Wer dauerhaft etwas tut, das nicht den eigenen Neigungen entspricht, verliert irgendwann die Motivation – oder wird von Menschen überholt, die mit echter Freude bei der Sache und dadurch schlichtweg erfolgreicher sind.

Wenn dann noch ein Misserfolg hinzukommt, bricht das mühsam aufgebaute Selbstbild zusammen. Es kommt zu einer ausgeprägten „narzisstischen Krise“ (Quelle: Heinz Henseler) oder gar zum narzisstischen Kollaps – dem völligen Zusammenbruch der bisherigen Fassade.

Auch das Ende der Berufslaufbahn kann bei stark narzisstisch strukturierten Menschen schwere Krisen hervorrufen. Schließlich bedeutet dies ja den Verzicht auf mögliche tägliche Anerkennung. Ein klassisches Beispiel ist der Patriarch, der nach dem Ausscheiden aus dem eigenen Unternehmen den Wegfall der täglichen Bestätigung nicht verkraftet und in einer tiefen existenziellen Krise bis hin zur Suizidalität landet.

Gottseidank verlaufen solche Krisen nicht immer so dramatisch, wie die folgende Geschichte aus meiner Praxis zeigt:

Eine Geschichte aus meiner therapeutischen Praxis: Der schmale Grat zwischen Erfolg und Scheitern*

Frau B., Ende dreißig und Mutter eines kleinen Kindes, gab ihren ersten Beruf auf, der ihr einst von ihrer Familie nahegelegt worden war. Freude hatte sie daran nie gehabt. Nun wagte sie es, doch noch ihr Wunschstudium zu absolvieren – ein durchaus mutiger Schritt! Sie lernte fleißig und schrieb hervorragende Noten.

Bei einer wichtigen Prüfung fiel sie jedoch überraschend durch – vor allem aufgrund ungünstiger Umstände: Ihr Sohn war kurz vor dem Termin krank geworden, wodurch sie in den letzten Tagen nicht wie geplant lernen konnte. Es lag also nicht an ihren Fähigkeiten, was sie rational auch wusste.

Dennoch warf dieser Misserfolg sie völlig aus der Bahn. Da auch ihre alltägliche Arbeit als Mutter von der Familie kaum Wertschätzung erfuhr, brach ihr Selbstvertrauen fast vollständig ein. Kurz darauf stand sie innerlich knapp vor dem Studienabbruch. Das hätte jedoch bedeutet, beruflich weit unter den eigenen Möglichkeiten zu bleiben – denn Frau B. war sehr intelligent, strebsam und vielseitig interessiert.

Den Studienabbruch konnten wir in der Therapie abwenden. Frau B. studierte weiter – anfangs noch von starken Selbstzweifeln begleitet, die mit der Zeit jedoch nachließen. Schließlich schloss sie ihr Studium erfolgreich ab. Etwa zwei Jahre nach dem Ende unserer Zusammenarbeit erreichte mich eine Karte mit der Einladung zu ihrer Sponsion. Ich habe mich riesig über diese Nachricht gefreut!

Narzissmus und schlechter bringen Stress im Beruf

#3 Erfolglose Narzisst*innen: Eigentlich bin ich großartig – nur sieht es keiner!

Dass dieser Typus unter die Kategorie „Narzissmus“ fällt, wird Dich vermutlich überraschen. Denn erfolglose Narzisst*innen unterscheiden sich stark von den leistungsorientierten Personen der beiden anderen Gruppen: Sie leisten im beruflichen Alltag tatsächlich sehr wenig. Sie strengen sich kaum an, erwarten von anderen aber dennoch Sonderrechte und ständige Bevorzugung.

Um ihre innere Unsicherheit nicht spüren zu müssen, flüchten sie in Tagträume und Wunschfantasien. Sie schreiben sich selbst einen Sonderstatus zu, ohne dafür je etwas geleistet zu haben. Wenn sie im Leben nicht vorankommen, sind im Grunde immer die anderen schuld: die Schule, die Arbeitgeber, die Eltern oder „das System“.

Menschen dieses Typs finden eher selten den Weg in die therapeutische Praxis, da sie ihren eigenen Anteil an der beruflichen Misere nicht sehen wollen. Und „die anderen“, die nach der Logik erfolgloser Narzisst*innen die Verantwortung tragen, lassen sich aus der Ferne schlichtweg nicht therapieren.

Bei der vorherigen Geschichte aus meiner Praxis handelte es sich daher um eine milde narzisstische Ausprägung – die der Klientin jedoch bereits erhebliche Probleme einbrachte.

Eine Geschichte aus meiner Praxis: Die vom Erfolg Träumende*

Frau K., Ende zwanzig, arbeitete in einem einfachen Teilzeitjob, der sie deutlich unterforderte. Eigentlich träumte sie davon, sich als Pilates-Trainerin selbstständig zu machen. Doch statt einfach anzufangen und erste Erfahrungen im Unterrichten zu sammeln, absolvierte sie eine Ausbildung nach der anderen – bis hin zur völligen Überqualifikation. Gleichzeitig spann sie Fantasien über einen großartigen Online-Auftritt.

Ihre Ansprüche an sich selbst waren so unerreichbar hoch, dass sie wie gelähmt war von der Angst vor einem möglichen Scheitern. Das überbehütende Verhalten ihrer Eltern hielt sie zusätzlich in der Unselbstständigkeit gefangen und verhinderte, dass sie Vertrauen in ihre eigene Handlungskompetenz entwickelte.

In der Therapie konnte sie sich schließlich ihrer Angst sowie ihrem Perfektionismus stellen und erste konkrete Maßnahmen ergreifen, um ihren Traum Schritt für Schritt auf den Boden der Realität zu holen.

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach – seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei privaten und beruflichen Themen – empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig – auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Die Motivation für diesen Blog? Mein Wissen über Beziehungen, Liebesfähigkeit und Verletzung möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen.

Weil Liebe das ist, wofür wir hier sind.

Nobelpreis-Komplex und „Don Juan der Leistung“

Besonders leistungsorientierte Menschen sind kein neues Phänomen. Schon in der Frühphase der Psychoanalyse beschrieben Therapeut*innen Personen, denen kein Erfolg genügte: Sie rannten von einem Ziel zum nächsten, konnten sich jedoch nie lange über das Erreichte freuen. Das innere Loch lässt sich durch äußere Erfolge eben nicht dauerhaft füllen.

1966 prägte die US-amerikanische Psychoanalytikerin Helen Tartakoff den Begriff des „Nobelpreis-Komplexes“ (zitiert nach Salman Akhtar). Er beschreibt hochbegabte und außergewöhnlich ehrgeizige Menschen, die extrem hohe Ansprüche an sich selbst stellen – etwa das unbedingte Ziel, einen Oscar zu gewinnen, den Nobelpreis zu erhalten oder das Staatsoberhaupt zu werden

1975 beschrieb ihr Kollege Otto Fenichel eine ähnliche Dynamik mit dem Begriff „Don Juan der Leistung“. Er beschrieb damit Menschen, die mit dem Erreichten niemals zufrieden sein können. Statt echte Befriedigung zu spüren, eilen sie – getrieben von innerer Unruhe – rastlos von einem Erfolg zum nächsten (Fenichel, 2005).

Narzissmus und Stress im Beruf

Unsere verrückte Gesellschaft: Nährboden für Narzissmus

Narzissmus ist nicht nur eine Eigenschaft einzelner Personen, sondern schon lange ein Trend unserer ganzen Zeit. Fachleute sprechen sogar von einer „Narzissmus-Epidemie“.

Wer in dieser Arbeitswelt gut unterwegs sein will, muss etwas von Eigen-PR verstehen. Aber selbst wenn alles längere Zeit gut läuft, ist dieser Umstand doch riskant: Wenn das Lob von außen einmal ausbleibt oder ein Job verloren geht, bricht für narzisstische Menschen die Welt zusammen.

Weil sie keinen festen Halt in sich selbst spüren, können sie beruflich Rückschläge nur schwer verarbeiten.

Wege aus der Leistungsfalle

Psychotherapie oder ein tief gehendes psychologisches Coaching können helfen, den Weg aus der Leistungsfalle heraus zu schaffen. Dabei ist jedenfalls Geduld gefragt – das Selbstwertgefühl braucht Zeit, wohlwollende Unterstützung und viel Erlaubnis, um stärker zu werden. Mögliche Lernschritte drehen sich meist um folgende Erkenntnisse:

  • Leistung ist kein Ersatz für Liebe: Viele Betroffene haben früh gelernt: „Ich werde nur dann geliebt und beachtet, wenn ich etwas Besonderes leiste.“ Das war damals eine schlaue Anpassung an die Umgebung, um überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Im Erwachsenenleben wird dieses Muster jedoch zur Last: Wer sich nur dann mag, wenn die Kasse stimmt oder Lob verteilt wird, ist unglaublich verwundbar – viel zu verwundbar für diese Arbeitswelt. Sobald Anerkennung ausbleibt, bricht der eigene Selbstwert zusammen.

  • Den eigenen inneren Kern entdecken: Wer bin ich ohne Leistung? In der Therapie geht es darum, die starre Schutzhülle langsam abzulegen. Das gelingt nicht durch bloßes Nachdenken, sondern vor allem über das Zulassen von Gefühlen.

  • Vergangenes betrauern: Es tut weh einzusehen, dass man als Kind nicht so geliebt wurde, wie man war, sondern immer etwas dafür tun musste. Doch diese Trauer macht frei: Sie hilft dabei, sich nicht mehr ständig beweisen zu müssen.

  • Eigene Wünsche spüren: Betroffenen können schrittweise zu unterscheiden lernen: Tue ich etwas aus echter eigener Freude? Oder tue ich es nur, weil ich Angst vor Ablehnung habe?

Fazit: Wieder selbst bestimmen, statt nur funktionieren

Das Ziel einer Therapie ist es nicht, den Ehrgeiz oder die Freude an der Arbeit komplett abzustellen. Es geht um etwas viel Wertvolleres: Freiheit.

• Leistung darf wieder Freude machen – sie ist aber nicht mehr die einzige Stütze im Leben.

Fehler und Rückschläge sind normale Erfahrungen, die den eigenen Wert als Mensch nicht schmälern.

• Der Selbstwert ruht schließlich auf dem eigenen So-Sein – und nicht mehr nur auf Erfolgen.

Verwendete Literatur:

Akhtar, Salman. (2010a). Deskriptive Merkmale und Differenzialdiagnose der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung. In Otto F. Kernberg & Hans-Peter Hartmann (Hrsg.), Narzissmus. Grundlagen – Störungsbilder – Therapie (S. 231 – 262). (2. Nachdruck). Stuttgart: Schattauer.

Fenichel, Otto. (2005). Psychoanalytische Neurosenlehre. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Sachse, R., Sachse, M., & Fasbender, J. (2011). Klärungsorientierte Psychotherapie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Göttingen

Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.

* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. In Österreich gilt laut § 15 des Psychotherapiegesetzes (PthG) die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle zu einer „Hybrid-Persona“. Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und in der Praxis so erlebt.

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach – seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei privaten und beruflichen Themen – empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig – auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Die Motivation für diesen Blog? Mein Wissen über Beziehungen, Liebesfähigkeit und Verletzung möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen.

Weil Liebe das ist, wofür wir hier sind.

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