26.07.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 12 min
Kulturanthropologie und Psychoanalyse: Wie sehr prägt die Kultur soziale Normen?
Die Vorkämpfer*innen der Kulturanthropologie bezogen mutig Stellung gegen den wissenschaftlichen Rassismus ihrer Zeit und erforschten die menschliche Natur in den entlegensten Gebieten. Die zeitgleich entstehende Psychoanalyse wurde dabei zum Spannungsfeld – eine Buchrezension zu Charles Kings „Schule der Rebellion“.
26.07.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 12 min


Inhaltsverzeichnis
Expertise des Autors Charles King
Charles King hält laut seiner Autoren-Website eine Professur für International Affairs und Government an der Georgetown University in Washington, D.C. Für das englische Original Gods of the Upper Air. How a Circle of Renegade Anthropologists Reinvented Race, Sex and Gender (2019) erhielt er gleich zwei relevante Sachbuchpreise und stand auf der Shortlist des renommierten National Book Critics Circle Award.
King ist kein Elfenbeinturmwissenschaftler, der sich in Fußnoten verliert (obwohl es an diesen nicht mangelt). Er verbindet saubere Recherche mit einem zugänglichen Erzählfluss, der sich nur hin und wieder etwas zieht. Er versteht es, historische Zusammenhänge nicht nur faktisch darzulegen, sondern erzählt mit feiner Beobachtungsgabe, menschlich nah und anschaulich.

Natur oder Kultur? Wie mutige Wissenschaftler*innen den Blick auf soziale Normen und Geschlecht verändern
King verwebt die Entstehungsgeschichte der modernen Kulturanthropologie meisterhaft mit den Lebenswegen wegweisender Forschender. Die Lebensgeschichten von Franz Boas, Margaret Mead, Ruth Benedict und Zora Neale Hurston werden genau geschildert. Aber auch andere Pionier*innen wie Ella Deloria, Gregory Bateson oder Reo Fortune werden kurz porträtiert.
Die Anthropologie entwickelte sich in einem mutigen, oft kräftezehrenden Dialog mit der damals vorherrschenden Ideologie der Überlegenheit der „weißen Rasse“ und einer gesellschaftlich tief verankerten, erschreckend populären biologischen Eugenik. Auch jene Forschenden, die die Anfänge mitgestalteten und neue Standards im Bereich der Feldforschung und der noch jungen Disziplin setzten, brauchten jede Menge Mut.
Franz Boas
Obwohl er heute meist nur noch Fachexpert*innen ein Begriff ist, gilt der deutsch-jüdische Physiker und Geograf Franz Boas, der in die USA auswanderte, als Urvater der modernen Anthropologie. Sein Werdegang veranschaulicht, wie fließend die Fächergrenzen Ende des 19. Jahrhunderts noch waren – schließlich befand sich das heutige Forschungsgebiet der Kulturanthropologie erst in der Entstehung. Die Geografie bot hierfür ein ideales Fundament.
Boas wies rigoros empirisch nach, dass Schädelformen kein Indikator für Intelligenz oder Kulturstufe sind, sondern maßgeblich durch Umwelt und Ernährung geprägt werden. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms war er eine prominente, sogar auf dem Cover des Time-Magazins porträtierte Geistesgröße, die im regen Austausch mit den einflussreichsten Intellektuellen ihrer Zeit stand.
Margaret Mead
Das Leben und wissenschaftliche Schaffen dieser späteren Ikone der Ethnologie und Wegbereiterin des Feminismus stehen neben Boas im Mittelpunkt dieses Buches. Hineingeboren in eine Familie von Wissenschaftler*innen und aufbauend auf ihr Studium und die Grundüberzeugungen Boas` erschütterte sie mit ihrer Feldforschung in Samoa die westliche Vorstellung, dass Jugendkrisen, Geschlechterrollen und sexuelle Verhaltensmuster biologisch und schicksalhaft determiniert seien. Sie avancierte zur Erfolgsautorin – und zur Hassfigur all derer, die die Menschheit als hierarchisch strukturiert sehen wollten (und das waren nicht wenige).
Auch wenn viele von Meads frühen Forschungsergebnissen später relativiert wurden, ist ihr Beitrag vor allem aufgrund ihrer späteren Werke zur Sichtweise auf Kultur, die Geschlechterfrage und das Menschsein überhaupt unbestritten. Diese Dokumentation von ARTE TV gibt Einblicke über die Arbeit Meads in Papua Neuguinea, in deren Zuge sie unter anderem auch das Frauen- und Männerbild der westlichen Welt hinterfragte.

Ruth Benedict
Benedict forschte zunächst zu verschiedenen Stämmen der amerikanischen Ureinwohner im Südwesten der USA sowie später im pazifischen Raum und – gegen Ende des Zweiten Weltkrieges – zur japanischen Kultur. Sie war zunächst Meads Mentorin und Fachkollegin, später wurden die beiden auch ein Liebespaar. Ihr Werk Patterns of Culture war ein wesentlicher Beitrag zum sogenannten „Kulturrelativismus“: der Erkenntnis, dass jede Kultur ein in sich schlüssiges, einzigartiges System von Werten darstellt, das nicht anhand fremder Maßstäbe hierarchisiert werden darf.
Menschliches Verhalten sei hauptsächlich erlernt und nicht angeboren. Kulturelle Werte seien höchst variabel und die westliche Ethik der anderer Gesellschaften nicht überlegen.
Zora Neale Hurston
Ganz ehrlich – von dieser Schriftstellerin und Feldforscherin im Süden der USA hatte ich bisher weder gehört noch gelesen. Ihr Leben und ihre Literatur sind aber absolut entdeckenswert, weshalb ich an dieser Stelle etwas weiter aushole.
Hurstons Großeltern waren noch Sklaven in Georgia und Alabama. Sie selbst wuchs in Florida auf – ausgestattet mit einer Freiheit, die für Schwarze im Süden der USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch erschreckend beschränkt war. Selbst im Norden des Landes, in den es Hurston als junge Erwachsene im Zuge der „Great Migration“ bald zog, war von Gleichberechtigung keine Rede. In Washington, damals zu einem Viertel von Schwarzen bewohnt, trafen diese nur in den gemischten Straßenbahnen auf Weiße, so der Autor Charles King. Überall sonst im öffentlichen Raum herrschte strikte Segregation.
Für Hurston war da zuerst das literarische Schreiben; erst dann kam die Anthropologie dazu. Frühe Bekanntheit und Erfolg als schwarze Schriftstellerin erlangte sie im Zuge der Harlem Renaissance, einer literarischen und künstlerischen Bewegung afroamerikanischer Kulturschaffender im New York der 1920er-Jahre. Genau dort, im von progressiven, weißen Philanthrop*innen durchsetzten Milieu, war sie auch als Partylöwin und schwarze „Vorzeigefrau“ ein gern gesehener Gast.
Bald darauf stieß sie während ihres Studiums auf die Anthropologie. Franz Boas ermutigte sie zur eigenen Feldforschung. So kehrte sie in den amerikanischen Süden und ihre Heimat Florida zurück, um systematisch Volkserzählungen, Sprichwörter und ethnografisches Material der Afroamerikaner*innen vor dem Vergessen zu bewahren – mit dem Blick einer Insiderin. Später erkundete sie auch die Bahamas und Haiti.
Hurston wurde als Anthropologin zwar niemals so bekannt wie als Literatin, doch ihr Roman Vor ihren Augen sahen sie Gott (Originaltitel: Their Eyes Were Watching God) gilt heute als ihr bedeutendstes Werk. Schon lange vor ihren letzten Lebensjahren und ihrem Tod in Armut war sie in Vergessenheit geraten – und wurde erst im Zuge der Welle des „Schwarzen Feminismus“ wiederentdeckt.
Heute werden Hurstons Werke in Schulen quer durch die USA gelesen. Ihr wohl popuärstes Werk, der Roman Their Eyes Were Watching wurde mit der Schauspielerin Halle Berry verfilmt (Die Liebe stirbt nie, 2005) und ihre Bühnenstücke werden aufgeführt. Hurstons Literatur gilt als Meilenstein für das gegenseitige Verständnis zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung in den USA.

Couragierte Wissenschaft gegen den Strom der Rassenideologie
Charles Kings Werk führt eindrücklich an die Geburtsstunde und durch die mitreißende Konsolidierungsphase jener Disziplin, die das Dogma brach, Kultur liege im Blut – und stattdessen den Kulturrelativismus begründete: Kultur ist erlernt. Diese Erkenntnis macht unsere heutige Auffassung von der Gleichheit innerhalb einer gemeinsamen Menschenfamilie überhaupt erst möglich.
In einer Gegenwart, in der rassistische Argumente und eugenische Relikte von rechten Apologet*innen wieder salonfähig gemacht werden sollen, ist das Wissen um diese wissenschaftliche Emanzipation wichtiger denn je
Gleichzeitig sind die Lebensgeschichten der vier Pionier*innen fesselnd aufbereitet. Als Leser*in darf man sich darauf gefasst machen, tief in eine Welt aus wissenschaftlicher Leidenschaft, Mut, produktivem Trotz und persönlicher Aufrichtigkeit einzutauchen. King spart dabei Schattenseiten und chaotische Beziehungsgeflechte nicht aus. Aber genau dadurch ergeben sich faszinierende Einblicke in radikale Lebensentwürfe, polyamoröse Netzwerke und Irrwege des Liebens, die vor allem in den drei Frauenbiografien untrennbar mit ihrem Drang nach Freiheit verknüpft waren – im Leben wie in der Wissenschaft.
Anthropologie und Psychoanalyse: frühe Auseinandersetzung
Als Psychotherapeutin interessiert mich besonders das Spannungsfeld zwischen zwei fast zeitgleich entstehenden Disziplinen, zwischen Freuds Psychoanalyse und Boas` kultureller Anthropologie.
Die beiden Gründungsfiguren lebten schließlich zur selben Zeit: der in Westfalen geborene und bald in die USA ausgewanderte Franz Boas von 1858 bis 1942, und Sigmund Freud, noch in der Habsburgermonarchie in Mähren im heutigen Tschechien geboren, von 1856 bis zu seinem Tod im Londoner Exil 1939.
King schreibt, dass Boas mit den meisten prominenten Intellektuellen seiner Zeit in Verbindung stand. Da wäre ein engerer Austausch mit dem in Europa rasch zu Ruhm gelangten Freud – oder auch Carl Gustav Jung in der Schweiz – nur logisch gewesen. Zumal sich beide Disziplinen, die Psychologie und die Anthropologie, mit grundlegenden Mustern der menschlichen Entwicklung auseinandersetzen: Erstere tut dies für das Individuum, Letztere für ganze Gesellschaften.
„Doch Boas neigte dazu, sich von Theoretikern fernzuhalten, deren Arbeit ohne belastbare Daten auskam“ (King, S. 218). Er legte großen Wert darauf, Aussagen über das Wesen des Menschen auf eine vergleichende und empirisch fundamentierte Basis zu stellen. Die psychoanalytischen Beobachtungen Freuds, die primär auf Einzelfallstudien aus dem Wiener Großbürgertum basierten, waren dem Anthropologen offenbar zu spekulativ und zu wenig universell anwendbar.
Freuds Buch Totem und Tabu wurde 1918 ins Englische übersetzt und war damit auch jenseits des Atlantiks gut verfügbar.
In Totem und Tabu „regt Freud an, primitive Gesellschaften durch die Brille von Neurosen und Obsessionen zu betrachten. Primitive würden, so Freud, einige der gleichen Verhaltenszüge wie heutige Neurotiker an den Tag legen… Kinder, Neurotiker und Wilde könne man, so Freud, als Varianten eines einzigen Typus erkennen… Kinder würden eines Tages erwachsen, Neurotiker und Wilde bedürften dagegen anderer Interventionen, etwa der Couch des Analytikers oder der Fürsorge zivilisierter Erzieher…“ (King, S. 219).
Solche Überzeugungen stießen bei den Pionier*innen der Anthropologie auf wenig Zustimmung: Freud wurde als Vertreter von Hypothesen gesehen, die er nie wirklich empirisch überprüft hatte. Margaret Mead etwa stellte sich entschieden gegen die – keineswegs nur von Freud geteilte – damalige Vorstellung, sogenannte „Primitive“ seien eine Art kindliche Vorstufe der abendländischen Kultur, Zusammenschlüsse von unterentwickelten, infantil gebliebenen Menschen, die dringend westliche Erziehung benötigten. .

Neue Blickwinkel für psychologisch Interessierte
Die Kulturanthropologie, die sich in den USA – wie King anschaulich darlegt – erst zeitversetzt nach der Psychologie als eigenständige Disziplin formierte, sollte eigentlich ein Pflichtfach für alle sein, die professionell mit Menschen arbeiten. Sie schärft den Blick dafür, wie tief verinnerlichte Normen, Bindungsmuster und emotionale Skripte von der jeweiligen Kultur und dem Zeitgeist geprägt sind, in denen ein Mensch aufwächst.
Bei mir hat Kings Buch die Neugier auf weitere Lektüre geweckt: Allen voran macht es Lust, die viel zu lange vergessene Zora Neale Hurston als literarische Stimme zu entdecken. Seit sie von der afroamerikanischen Erfolgsschriftstellerin Alice Walker vor Jahrzehnten wiederentdeckt wurde, wartet ihr Werk im deutschen Sprachraum immer noch auf die angemessene Aufmerksamkeit.
Und Margaret Meads Memoiren Brombeerblüten im Winter: Ein befreites Leben (Werbung) sind – weit über Fachkreise hinaus – eine Bereicherung für alle, die sich für Feminismus und unkonventionelle Lebens- und Liebesentwürfe interessieren.
Fazit
Charles Kings Werk ist mehr als spannende Wissenschaftsgeschichte: Hinter den Porträts der Pionier:innen und Neudenkenden verbirgt sich ein Plädoyer für Menschlichkeit, Toleranz für Widersprüche und geistige Freiheit.
Spannend für alle, die sich mit Psychologie und dem beschäftigen, was es heißt, Mensch zu sein.
Charles King (2020). Schule der Rebellion: Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Kultur, Rasse und Geschlecht neu erfand (T. Baba, Übers.). Carl Hanser Verlag.
Fotocredits: Artikelbild: Clay Banks for Unsplash
Beitragsbilder: Stefano Giradelli, Boston Public Library, Library of Congress, Galen Crout for Unsplash
Wen könnte dieser Artikel ebenfalls interessieren? Teile ihn gern weiter!










