13.09.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 16 min
Gefangen in einer toxischen Beziehung: Ein einziger Satz als Wendepunkt in Richtung Freiheit
„Vielleicht liegt es ja doch nicht nur an mir.“ Warum dieser eine leise Satz das Fundament jahrelanger Manipulation bricht – und wie er für Betroffene in missbräuchlichen Beziehungen zum entscheidenden Wendepunkt in Richtung Freiheit wird.
13.09.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 16 min


Inhaltsverzeichnis
- Toxisch-missbräuchliche Beziehungen sind wie fleischfressende Pflanzen
- Der Körper versteht zuerst
- Ein Gefängnis mit Tür nach draußen
- Der Moment, in dem die Klarheit beginnt
- Wie sich das Schädliche schleichend Raum verschafft
- Der Beginn Deiner eigenen Stärke
- Warum das Erkennen Dein erster echter Schritt ist
- Kerstin beginnt, ihren Freund zu durchschauen: Eine Geschichte aus meiner Praxis
- Du musst diesen Weg nicht allein gehen
- Weitere Blog-Beiträge
Toxisch-missbräuchliche Beziehungen sind wie fleischfressende Pflanzen
Als Psychotherapeutin arbeite ich regelmäßig mit Menschen, die in toxisch-missbräuchlichen Beziehungen gefangen sind.
Bei solchen Verbindungen muss ich immer an fleischfressende Pflanzen denken. Eine Fliege kommt nichtsahnend angeflogen, setzt sich auf das Fangblatt und – zack – schnappt dieses zu. Danach lässt sich ein grausames Schauspiel beobachten, das sich wie in ultimativer Zeitlupe abspielt: Das Insekt kann sich nicht mehr befreien und wird ganz langsam verdaut.
Wer glaubt, an allen Problemen schuld zu sein, wer den eigenen Gedanken nicht mehr vertraut und überzeugt ist, das Gefühlte nicht fühlen zu dürfen – weil es einem ständig so eingeredet wird –, der fühlt sich irgendwann völlig hilflos und ohnmächtig.
Dazwischen gibt es immer wieder Momente scheinbarer Harmonie und Pseudo-Liebe. Dieser ständige Wechsel zwischen guten und schlechten Phasen verwirrt enorm und verstärkt die emotionale Abhängigkeit nur noch weiter.

Der Körper versteht zuerst
In gravierenden Fällen erscheint es mir wirklich so, als würden betroffene Klient*innen langsam und unmerklich aufgefressen: Jeden Tag werden sie ein bisschen weniger. Sie verlieren ihre Energie, ihren Glanz und ihre Lebendigkeit.
Ihre Körper haben das meist längst verstanden und warnen unentwegt: mit chronischen Infekten, Verdauungsproblemen, Gewichtsverlust, Migräne, Schlafstörungen oder Panikattacken. Manchen fallen die Haare aus, andere leiden unter extremen Verspannungen, Herzrasen oder Zyklusstörungen.
Aber um frei zu werden, braucht der Verstand Überzeugung – die Signale des Körpers allein reichen meist nicht aus.
Ein Gefängnis mit Tür nach draußen
Menschen in missbräuchlichen Beziehungen wurden zu Beginn angelockt und verführt – von etwas, das betörend nach Liebe roch und die rosigen Farben einer tiefen Seelenpartnerschaft zur Schau stellte. Zu Beginn sind Gewaltbeziehungen nicht erkennbar – sonst wären sie nicht so verbreitet.
Auf dem Glatteis Deiner unschuldigen Verliebtheit hatte Dein Gegenüber leichtes Spiel – und schwupps stecktest Du fest wie in einer Venusfliegenfalle.
Aber ich möchte Dir hier etwas ganz Wichtiges sagen:
Für Dich ist es anders als für arme, gefangene Insekten. Es gibt Hilfe. Es gibt Klarheit am Horizont. Es gibt einen Weg heraus aus dieser Misere – auch wenn Du das jetzt gerade kaum glauben kannst.

Der Moment, in dem die Klarheit beginnt
Das Erkennen von Mustern in toxisch-missbräuchlichen Beziehungen ist der entscheidende Schritt zur Befreiung.
Ich werde als Therapeutin alles dafür tun, dass Du irgendwann – und wenn es noch so lange dauert – diesen Satz sagen kannst: „Vielleicht liegt es ja doch nicht nur an mir.“
Dieser Ausspruch fällt nie aus heiterem Himmel. Er ist das Ergebnis einer langen, kräftezehrenden Phase, in der Du zunächst das Gegenteil geglaubt hast: dass Du selbst das Problem bist. Dass Du einfach feinfühliger reagieren müsstest. Oder dass Du es doch längst eindeutig wissen müsstest, wenn Eure Beziehung wirklich so schlecht wäre. Dass es da diesen einen großen, klar benennbaren Vorfall geben müsste.
Doch so funktionieren missbräuchliche Beziehungen in den seltensten Fällen. Ganz oft gibt es nicht die eine Situation, die klarstellt, dass etwas Gravierendes in der Beziehung nicht passt. Oft es gibt Vorfälle, die schwerwiegend sind – und bald danach Hochphasen, die sich märchenhaft anfühlen. Solche Beziehungen bestehen aus einer Zickzack-Kurve von Ups und Downs, die keinen rechten Sinn ergeben und extrem aufwühlend sind.
Wie sich das Schädliche schleichend Raum verschafft
Fast jede dieser Verbindungen hat einmal ganz anders angefangen: liebevoll, nährend, voller Zuversicht und Verbundenheit. Niemand geht wissentlich eine Partnerschaft ein, um sich zu schaden oder kleinhalten zu lassen.
Was stattdessen passiert, ist ein subtiler Prozess, eine schleichende Veränderung in klitzekleinen Schritten – beständig in Richtung einer Beziehung, die irgendwann von Kontrolle und Abhängigkeit geprägt ist.
Verletzende Verhaltensweisen schleichen sich langsam ein. Erst treten sie selten auf, dann etwas häufiger. Der Ton Deiner Partnerperson wird hier und da ein wenig schärfer, die Vorwürfe subtiler. Die Veränderung verläuft so allmählich, dass es keinen einzelnen Tag gibt, an dem Du den Finger auf eine bestimmte Stelle im Kalender legen und sagen könntest: „Genau hier hat es angefangen.“
Wenn das Verhalten schließlich unverkennbar belastend wird, hast Du meist schon Monate oder Jahre der Anpassung hinter Dir. Du hast Zugeständnisse gemacht, eigene Bedürfnisse zurückgestellt und Schritt für Schritt gelernt, das Unzumutbare als normal hinzunehmen.
Gut möglich, dass Du Dir mit Deiner missbrauchenden Partnerperson eine Wohnung teilst, Kinder hast oder verheiratet bist. Vermutlich hat Dein Gegenüber subtil darauf gedrängt – über Komplimente, Liebesbeschwörungen und rosarote Worte über Eure gemeinsame Zukunft. Wahrscheinlich hat sich das liebevoll angehört, warm und aufrichtig.
Leider war es nur eine gut getarnte Kontrolltechnik.
Psychische Gewalt ist eine Form des Machtmissbrauchs, bei der jemand durch emotionale Manipulation, Kontrolle und Verhaltensweisen wie Erniedrigung, Isolation oder Gaslighting versucht, Dominanz über seine Partnerperson auszuüben (Quelle).
Frage Dich bitte: Wenn Deine Partnerperson so wunderbar ist – warum um alles in der Welt geht es Dir dann so schlecht?
Es ist wichtig zu wissen: Wer wirklich liebt, will sein Gegenüber nicht kontrollieren. Wer wirklich liebt, dem geht es nicht um Macht.
Der Beginn Deiner eigenen Stärke
Wenn es Dir schließlich gelingt, Dich auch nur ein kleines Stück aus der schädlichen Dynamik Deiner Beziehung herauszulösen – nicht mehr nur mittendrin zu stecken, sondern von außen darauf zu blicken –, dann ist das kein kleiner Schritt:
Es ist der Moment, in dem Du beginnst, Deine Selbstachtung zurückzugewinnen. Und damit wirst Du wieder handlungsfähig.
Sobald dieser klärende Abstand da ist, kannst Du Einzelereignisse miteinander verbinden. Und Du erkennst etwas Entscheidendes: ein Muster.
Wenn Du einen Schritt zurücktrittst, erkennst Du plötzlich die Gesamtarchitektur Deiner Beziehung:
Isoliert betrachtet wirkt jedes dieser Details oft harmlos oder entschuldbar. Erst in ihrer Gesamtheit offenbaren sie das wahre Gesicht der Beziehungsdynamik.
Warum das Erkennen Dein erster echter Schritt ist
Mustererkennung braucht Abstand – und genügend Wiederholungen. Ein Muster – egal ob in einen Teppich verwebt, in Töne gegossen oder als Handlungsstrang organisiert – ist eine Struktur, die aus wiederkehrenden Elementen in einer bestimmten Anordnung und Folge besteht.
Du kannst es nur erkennen, wenn Du in einiger Entfernung stehst. Am besten ist die Vogelperspektive – von oben herab.
Es geht darum, genügend Abstand zu gewinnen, um Dich nicht mehr in den endlosen Streits der Woche aufzureiben – sondern das Muster darunter zu erkennen.
Denn erst wenn Du die versteckte Struktur Eurer Beziehung erkennst, hörst Du auf, die Schuld ausschließlich bei Dir zu suchen, und gewinnst die Klarheit, die Du für Deine eigenen, tragfähigen Entscheidungen brauchst.
Abstand findest Du zum Beispiel, indem Du mit einer guten Freundin sprichst, einer Beraterin oder Therapeutin. Das wissen auch Täterpersonen – und genau deshalb achten sie von Anfang an darauf, Dich von Freunden und Familie zu entfremden.
Spiele da nicht mit. Und lass Dich nicht über das Kontrollmittel „Loyalität zu Deiner Partnerperson“ ködern. Es ist nicht illoyal, mit einer Freundin zu sprechen, wenn es Dir schlecht geht – und Deine Partnerperson muss davon auch nichts erfahren.

Kerstin beginnt, ihren Freund zu durchschauen: Eine Geschichte aus meiner Praxis
Meine Klientin Kerstin* kam ursprünglich zu mir, weil ihr Freund fand, dass sie so „kompliziert“ sei – und außerdem viel zu eifersüchtig.
Auch sie selbst teilte diese Meinung, wollte sich „bessern“ und lernen, ihre „dumme Eifersucht“, wie sie es nannte, in Schranken zu halten. Die sei ja wirklich störend.
Sie neige einfach dazu, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Eigentlich sollte sie froh sein, dass sich Fabian so gut mit ihren Freundinnen verstand und das hier und da sogar körperlich zeigte! Ich solle ihr dabei helfen, nicht immer so viel in harmlose Situationen hineinzuinterpretieren.
Kerstin vermutete, dass sie wegen der Affäre eines früheren Partners einfach grundsätzlich misstrauisch sei – und damit ihre momentane Beziehung gefährde.
Kerstins Auftrag konnte ich jedoch nicht einfach ohne Weiteres annehmen. Denn egal, was sich neue Klient*innen von mir als Therapeutin wünschen:
Ich helfe niemandem dabei, sich in seiner Beziehung klein zu machen und der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Ich unterstütze niemanden dabei, die Signale seines Körpers zu missachten.
Oder dabei, sich bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen, nur damit die Partnerperson zufrieden ist.
Ich sagte Kerstin, dass ich mir erst ein Bild von ihrer Beziehung machen wolle. Und dass wir dann auf dieser Grundlage schauen könnten, was es bräuchte.
Kerstins Erzählung braucht nur fünfzehn Minuten, bis die erste Szene auftaucht, die mich stutzig macht: Ihr Freund Fabian sei unlängst „total sauer“ auf sie gewesen, weil er fand, sie habe während des gemeinsamen Wellnessurlaubs in der Sauna den Blick eines anderen Mannes zu lange erwidert. Kerstin konnte sich nicht daran erinnern, der andere Mann war ihr gar nicht aufgefallen. Sie wusste nicht einmal, wen Fabian meinte – die Sauna war gesteckt voll gewesen.
Daraufhin hatte er darauf bestanden, dass Kerstin auf dem Areal der Therme einen Badeanzug trug – statt des üblichen Bikinis. Gespräche über das Thema vermied meine Klientin fortan, um Wutausbrüche ihres Partners zu vermeiden. Ob sie Bikini oder Badeanzug trage, sei für sie nicht so wichtig.
Kerstin erzählt weiter: Von eigentümlichen Vorfällen beim Weggehen am Abend zum Beispiel, wo sie immer wieder den Eindruck hat, dass Fabian mit anderen Frauen flirtet. Unlängst sprach sie sogar eine Freundin darauf an, wie sie denn mit „dieser Art“ von Fabian umginge. Ob sie da als seine Partnerin denn cool bleiben könne?
Sie selbst hatte sich angewöhnt, beim abendlichen Ausgehen jegliches Umherblicken im Raum zu meiden und bei der Auswahl ihrer Kleidung zu dezenten Stücken zu greifen. Eifersucht gefährde Beziehungen, das müsse man nicht noch anheizen, meinte sie.
Aber wie steht es mit ihren eigenen Gefühlen? frage ich in einer unserer Therapiestunden. Und wenn es eben manchmal Eifersucht ist? Wäre das nicht auch ein normales, berechtigtes Gefühl?
Wie war es für sie zum Beispiel, als eine ihrer Freundinnen im letzten meeresblauen Sommerurlaub Fabians Arm streichelte, eine liebe lange Weile lang, angeregt vom vertraulichen Gespräch? Und Fabian das sichtlich genoss? Und er im Nachhinein, als sie ihn damit konfrontierte, meinte, sie „bilde sich das nur ein“?
Es wäre doch verständlich, wenn ihr dieser Anblick nicht angenehm war, oder? Und auch nicht jetzt, wo sie sich daran erinnert?
An dieser Stelle juble ich innerlich mit einem lauten BINGO. Denn mit dieser Aussage hat meine Klientin den entscheidenden inneren Schritt gemacht und ist zu ihren eigenen Gefühlen zurückgekehrt. Erstmals, ohne sich sofort selbst zu zensieren.
In den folgenden Wochen und Monaten findet Kerstin mehr und mehr Anhaltspunkte, die ihr das Machtgefälle zwischen ihr und Fabian zeigten. Seinen Hang zur Kontrolle, seine erniedrigenden Schimpftiraden, seine Doppelmoral.
Dennoch braucht sie noch längere Zeit, bis sie sich aus dieser klar missbräuchlichen Beziehung lösen kann. Was ihr dabei hilft? Ihr unterstützendes familiäres Umfeld sowie eine Freundschaft, in die Fabian trotz mehreren Versuchen keinen Keil treiben konnte. Und der glückliche Umstand, dass das Paar noch getrennt lebt. Fabian hatte schon auf eine gemeinsame Wohnung gedrängt – meine Klientin ist sehr froh, dass sie diesem Druck nicht nachgegeben hatte.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen
Muster zu erkennen ist der erste Schritt – sie zu durchbrechen, ein zweiter, mit ganz eigenen Herausforderungen und Tücken. Viele meiner Klient*innen berichten, dass es einen enormen Unterschied macht, diesen Prozess nicht allein, sondern begleitet zu durchlaufen: mit jemandem, der die Dynamiken toxischer Beziehungen kennt, Dir dabei hilft, Dein eigenes Erleben wieder ernst zu nehmen, und Dich Schritt für Schritt zurück zu Deiner Handlungsfähigkeit begleitet.
Wenn Du Dich in diesem Artikel wiedererkannt hast und spürst, dass es Zeit ist, genauer hinzuschauen, lade ich Dich zu einem unverbindlichen Erstgespräch ein. Dort schauen wir gemeinsam auf Deine Situation – in Ruhe, ohne Druck, und in Deinem Tempo. Melde Dich gerne an office@sonja-rieder.at
Wie Du emotionale Gewalt anhand von 16 praktischen Fragen erkennst, liest Du hier. Über 3 unterschiedliche Kontrollstile in toxischen Beziehungen hier.
Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.
* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. In Österreich gilt laut § 15 des Psychotherapiegesetzes (PthG) die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle zu einer „Hybrid-Persona“. Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und in der Praxis so erlebt.
Verwendete Literatur:
Johnson VE, Nadal KL, Sissoko DRG, King R. „It’s Not in Your Head“: Gaslighting, ‚Splaining, Victim Blaming, and Other Harmful Reactions to Microaggressions. Perspect Psychol Sci. 2021 Sep;16(5):1024-1036. doi: 10.1177/17456916211011963. PMID: 34498522.
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