06.08.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 7 min
Unerkannte Hochbegabung: Wie viel verraten akademische Titel und Studienfach?
„Ich war schlecht in Mathe, also kann ich nicht besonders klug sein.“ Dieser Mythos ist einer der häufigsten Gründe, warum manche Erwachsene ihr eigenes Potenzial ein Leben lang hinterfragen. Doch eine Hochbegabung kann sich auf ganz unterschiedlichen Terrains zeigen – auch abseits von Formelchaos und Zahlenakrobatik.
06.08.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 7 min


Inhaltsverzeichnis
Akademische Titel: Indizien, aber keine Beweise
Ein abgeschlossenes Studium und vor allem eine Promotion gelten in Untersuchungen oft als Indiz für eine hohe kognitive Leistungsfähigkeit. Insbesondere Fächer wie Mathematik, Physik oder Informatik stellen hohe Anforderungen an das logisch-analytische Denken.
Dennoch gilt: Ein akademischer Grad ist kein sicherer Beleg für eine formale Hochbegabung. In den allermeisten Studienrichtungen lässt sich so einiges durch Fleiß, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen wettmachen. Umgekehrt studieren viele Hochbegabte Geistes-, Sprach- oder Gesellschaftswissenschaften, Kunst oder Medizin – oder wählen ganz bewusst einen nicht-akademischen Weg.

Was sagen MINT-Studienfächer über intellektuelle Begabung aus?
Ein erfolgreich abgeschlossenes Studium in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) deuten manche in der Praxis als Indikator für eine kognitive Höchstbegabung.
Wenn wir genauer hinschauen, belegt ein solches Studium allerdings nur eine überdurchschnittliche Intelligenz verlässlich; ein eindeutiger Nachweis für eine formale Hochbegabung (IQ ≥ 130) ist es nicht. Denn auch schwierige MINT-Studiengänge lassen sich bis zu einem gewissen Grad durch hohes Engagement und gute Lernstrategien kompensieren.
Hinzu kommt, dass sich die verschiedenen MINT-Fächer in ihren analytischen Profilen stark unterscheiden: Die theoretische Physik etwa stellt extrem hohe Anforderungen an abstrakte mathematische Logik. Andere Disziplinen (wie zum Beispiel Biologie) erfordern eher systemisches oder empirisches Denken. Ein akademischer Titel kann eine fundierte Begabungsdiagnostik daher ergänzen, aber niemals ersetzen.
Der hartnäckige „Mathe-Mythos“
Umgekehrt dürfen wir nicht in die Denkfalle tappen, Geisteswissenschaftler*innen, Jurist*innen oder Mediziner*innen automatisch eine geringere Chance auf eine Hochbegabung zuzuschreiben. Ein fehlendes Interesse an Zahlen und Formeln ist kein Beleg für fehlende kognitive Spitzenleistung – oft liegt der Begabungsschwerpunkt schlicht in anderen, ebenso anspruchsvollen Arealen.
Leider ist diese Tatsache immer noch viel zu wenig bekannt. Denn eines der hartnäckigsten Missverständnisse lautet: „Ich war schlecht in Mathe, also kann ich nicht hochbegabt sein.“ Dieser Mythos hält unzählige Menschen davon ab, ihr eigenes Potenzial überhaupt in Betracht zu ziehen – geschweige denn, sich an eine diagnostische Abklärung zu wagen.
Dabei zeigt sich Hochbegabung in ganz unterschiedlichen Facetten. Eine ausgeprägte mathematische Begabung kann dazugehören, ist aber keineswegs eine Voraussetzung. Viele hochbegabte Menschen haben ihren Schwerpunkt im sprachlichen, kreativen oder gesellschaftswissenschaftlichen Bereich – den klassischen Humanities.

Das Klischee vom männlichen MINT-Genie
Ein weiterer Aspekt, der vor allem Frauen vom Erkennen ihrer Hochbegabung abhält, ist das gängige Klischee vom männlichen Genie – heutzutage gerne verkörpert vom bebrillten IT-Nerd. Es scheint unsere Köpfe auf viererlei irrige Weise zu sortieren – immer noch, leider:
Alle diese vier Annahmen sind falsch! Vielmehr gilt:

Mangel an weiblichen Forschenden in MINT-Fächern
Der Mangel an weiblichen Forschenden in MINT-Fächern wird seit Jahrzehnten beklagt. Gleichzeitig kennen wir diejenigen, die es bereits gibt, viel zu wenig: Das Bild, das wir unbewusst wohl am stärksten mit Hochbegabung verbinden, ist weiterhin der zerzauste Albert Einstein mit herausgestreckter Zunge.
Sagt Dir die viel zu früh verstorbene iranischen Ausnahmemathematikerin Maryam Mirzakhani etwas? Sie erhielt 2014 als erste Frau die Fields-Medaille, eine Art Nobelpreis für Mathematik. Vergessen oder noch nie gehört? Schau Dir diese Doku über Mirzakhani und die Schönheit der Mathematik an; vielleicht bekommst du dabei eine ähnliche Gänsehaut wie ich.
Und wie steht es mit Namen wie Lise Meitner, der Mitentdeckerin der Kernspaltung, oder Rosalind Franklin, deren Arbeit die Entschlüsselung der DNA überhaupt erst möglich machte? Kennst du Ada Lovelace, die als erste Programmiererin der Geschichte gilt, oder Emmy Noether, die von Einstein selbst als bedeutendste Mathematikerin bezeichnet wurde?
Dass diese Frauen in der kollektiven Wahrnehmung im Schatten blieben, liegt nicht an fehlender Begabung – sondern daran, wie wir als Gesellschaft über Intelligenz, Leistung, Frauen und Männer denken.
Wie die Werte der Familie unsere Selbstwahrnehmung prägen
Wie tief dieses Missverständnis sitzt, habe ich an mir selbst erlebt: Obwohl ich mich längst fachlich mit Hochbegabung beschäftigte, spukte das Bild vom logisch-mathematischen Genie noch immer unbemerkt in meinem Hinterkopf.
Ab der Oberstufe im Gymnasium war ich leidenschaftlich in den Fächern verankert, die mit Sprache, Geschichte und Gesellschaft zu tun hatten – Naturwissenschaften und Mathe interessierten mich kaum. Und selbst wenn ich Feuer und Flamme für Mathe gewesen wäre, liegt mein Begabungsschwerpunkt schlicht in den Humanities.
Zu Hause wurden aber – vor allem von väterlicher Seite – Technik und Mathematik als Prüfstein jeglicher Intelligenz behandelt. Auf sprachlicher Seite hätte allenfalls Altgriechisch gezählt; mit meinen drei lebenden Fremdsprachen, meiner Faszination für Literatur, Geschichte und gesellschaftliche Themen war da kein Staat zu machen.
Das führte dazu, dass ich den Mut für eine IQ-Testung erst mit über fünfzig und zwei abgeschlossenen Studien zusammenkratzte – und auch nur, weil ich fand, meinen vielen hochbegabten Klient*innen zumindest die eigene Testerfahrung schuldig zu sein.

Fazit
Intellektuelle Spitzenleistung ist facettenreich und keineswegs an Zahlen und Formeln gebunden. Sie zeigt sich ebenso im sprachlichen, kreativen und zwischenmenschlichen Bereich wie in nicht-akademischen Berufsfeldern.
Wer Hochbegabung nur dort vermutet, wo MINT-Abschlüsse oder Doktortitel stehen, übersieht einen Großteil des Potenzials – bei anderen und womöglich bei sich selbst.
Fotocredits: Beitragsbild – Kateryna Hliznitsova for Unsplash
Artikelbilder: Andrej Lišakov, Vitaly Gariev und Getty Images for Unsplash
Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.
* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. In Österreich gilt laut § 15 des Psychotherapiegesetzes (PthG) die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle zu einer „Hybrid-Persona“. Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und in der Praxis so erlebt.
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