27.06.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 33 min

Dating-Burnout: 7 Tipps gegen Erschöpfung beim Online-Dating

Wer Online-Dating wie ein Management-Projekt angeht, landet durch die Marktlogik der Apps schnell in der emotionalen Erschöpfung. Erfahre, warum ein spielerischer Zugang und der rechtzeitige Wechsel in die Realität die besten Mittel gegen "Dating-Burnout“ sind.

27.06.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 33 min

Frau sitzt mit Handy in der Hand mit Blick auf das Display, wirkt ernst
Frau sitzt mit Handy in der Hand mit Blick auf das Display, wirkt ernst

Das Wichtigste in Kürze

  • Ursachen verstehen: „Dating-Burnout“ entsteht oft durch die konsumorientierte Logik der Apps, die Menschen wie austauschbare Waren wirken lässt und viel zu hohe Erwartungen schürt.

  • Fokus statt Reizüberflutung: Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, aus einer unbegrenzten Anzahl an Möglichkeiten zu wählen. Beschränke Dich auf maximal 5 bis 9 parallele Kontakte, um emotionale Erschöpfung zu vermeiden.

  • Schneller ins echte Leben: Lange Chats fördern Wunschphantasien und Fehlinterpretationen. Triff Dich zeitnah „in echt“, damit Du reale Eindrücke bekommen kannst – und Futter für Deine Intuition.

Was ist so belastend am Online-Dating, wo doch fast jede zweite Partnerschaft heute ihren Ursprung im digitalen Raum hat? Warum berichten so viele Menschen von Erschöpfung, Frustration und schwindender Motivation?

In meiner Praxis als Psychotherapeutin und Coach erlebe ich immer wieder, wie belastend Online-Dating für viele Menschen ist. Dennoch will kaum jemand darauf verzichten – denn das würde ja bedeuten, viele Chancen links liegen zu lassen.

In diesem Artikel beschreibe ich meine beruflichen Erfahrungen mit dem Phänomen „Dating-Burnout“ und gebe Dir konkrete Empfehlungen an die Hand, wie Du die digitale Partnersuche erträglicher gestalten kannst.

Ob es dann letztendlich klappt, kann ich allerdings nicht versprechen: Zu sehr hat sich das scheinbar endlose Meer an Möglichkeiten in einen Markt der Eitelkeiten und der Unsicherheit verwandelt.

Online-Dating ist jedenfalls auch ohne Burnout möglich – wie, das zeige ich Dir hier.

Inhaltsverzeichnis

Online Dating: Beliebt und belastend zugleich

Einer Studie zufolge haben sich 4 von 10 Paaren (41 %), die zwischen drei und fünf Monaten liiert sind, online kennengelernt. Bei Paaren, die zehn bis zwanzig Jahre zusammen sind, sind es etwa 27 %.

Damit übertrifft der Weg über das Internet mittlerweile alle anderen Kennenlernorte klar: Freundeskreis, Clubs, Bars oder der Arbeitsplatz rücken als Optionen immer mehr in den Hintergrund. Auch Menschen ab 40 suchen mittlerweile verstärkt nach der Liebe im digitalen Raum (Quelle: ElitePartner-Studie 2025).

Aber wie erleben Menschen die Online-Partnersuche? Zu dieser Frage gibt es mittlerweile nicht nur die rosigen Darstellungen der App-Anbieter, sondern solide wissenschaftliche Forschung.

Während in den ersten Wochen oft noch Euphorie vorherrscht („Wow, da tut sich ja wirklich was – wie spannend!“), spüren viele Singles bald eine regelrechte Müdigkeit, eine Art Lähmung oder Unlust. In ausgeprägten Fällen spricht man vom „Dating-Burnout“, der allerdings keine eigene klinische Diagnose darstellt. Deshalb wirst Du den Begriff in keiner Klassifikation als eigene Krankheit finden.

Mann mit Dating Burnout chattet mit weiblichem Match am Handydisplay

Was steckt psychologisch hinter einem Dating-Burnout?

Über Dating-Burnout (oder „Dating-Fatigue“) wird seit einigen Jahren in vielen Medien berichtet: Schließlich handelt es sich nicht um ein individuelles Phänomen, sondern um allgemeine Erfahrungen, die so gut wie jede*r Online-Datende macht.

Aber Moment – gehört der Burnout-Begriff nicht in die Arbeitswelt? Genau: Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) etwa beschreibt Burnout als Syndrom, das aufgrund chronischer Stressbelastung am Arbeitsplatz auftritt. Die besonderen Herausforderungen beim Online-Dating können jedoch unter bestimmten Umständen ebenfalls zu Burnout-ähnlichen Symptomen führen (Quelle: Studie von Wera Aretz).

Aber wie kommt es dazu? Welcher Mechanismus ist da genau am Werk?

Ebenso wie beim „echten“, beruflich bedingten Burnout selten nur die Menge an Arbeit der Auslöser ist, lassen sich beim Dating-Burnout die Gründe nicht einfach nur an der Anzahl der Kontakte festmachen. Sinnverlust spielt bei beiden Formen von Burnout eine ganz wesentliche Rolle.

Der Verlust des Sinnerlebens beim Online-Dating entsteht durch eine Mischung aus schlechten Erfahrungen, Enttäuschung und Frustration, die sich im Laufe der App-Nutzung einstellt. Diesem toxisch-lähmenden Gefühlsmix liegt zugrunde, dass das Hin- und Herschreiben im digitalen Raum meist keine echte Begegnung erzeugt.

Wir tauschen uns aus, ohne wirklich etwas auszutauschen, sagen etwas und sagen doch nichts, interessieren uns und interessieren uns nicht. Das schützt vor Verletzungen, erzeugt aber eine triste Seelenlosigkeit, bei der wir uns immer weiter von uns selbst entfernen.

Wenn wir uns aber selbst entfremdet sind, spüren wir auch unsere eigenen Grenzen weniger – und haben dann zum Beispiel Sex, den wir eigentlich gar nicht wollten. Oder die körperliche Begegnung fühlt sich genauso schal und unecht an wie die gesamte vorherige Kommunikation.

Der Prozess fühlt sich nicht mehr leicht und spielerisch an, sondern verbissen, frustrierend und irgendwie leer. Das deprimiert – und lässt die Motivation gegen Null sinken. Wer hat unter solchen Umständen noch Lust zu swipen?

Aber weil man doch etwas versäumen könnte, hören viele an diesem Punkt nicht auf, sondern legen sogar noch nach: noch mehr Swipes, Matches und Treffen. Manche wechseln zu Instagram-Dating, das allgemein als romantischer und weniger direkt beschrieben (Quelle). Oder wechseln die Dating-Plattform.

Wer Online-Dating wie ein geschäftliches Projekt angeht und einfach nur versucht, möglichst viele Dates abzuarbeiten, wird fast immer enttäuscht. Liebe lässt sich eben nicht wie ein Job-Ziel planen.

Mann mit Dating-Burnout blickt auf sein Handy

 

Wenn Du selbst nach einer Marktlogik vorgehst und immer das Maximum herausholen möchtest, geht der Spaß bald flöten. Dann merkst Du vielleicht: Du datest verbissen, fühlst Dich dabei gestresst und deprimiert. Zu leicht passiert es eben, dass wir unsere eigenen Grenzen übersehen und schreiben, obwohl wir kaum etwas mitzuteilen haben – oder auf Dates gehen, nur weil wir gerade nichts Besseres zu tun haben.

Online-Dating lässt sich aber nur dann über längere Zeit gesund betreiben, wenn es ein spielerisches Element behält, eine gewisse Leichtigkeit. Viel besser wäre es, eine Weile entspannter zu daten – langsamer, achtsamer –, ohne uns selbst dem Druck auszusetzen, sofort die Langzeitbeziehung finden zu müssen.

7 Tipps, wie Online-Dating gelingen kann – ohne Burnout

Für viele Menschen ist Online-Dating trotz aller Zumutungen der Weg der Wahl für die Suche nach Partner*innen. Und es klappt ja auch für viele: In meiner Praxis begleite ich immer wieder Klient*innen, die über Dating-Apps erfolgreich eine glückliche Partnerschaft gefunden haben. (Daneben gibt es aber leider viele, die sich endlos damit plagen.)

Auch in der Paartherapie habe ich regelmäßig Menschen vor mir, die sich über das Internet kennengelernt haben. Von den Dynamiken und Problemen her erlebe ich keine Abweichung zu Paaren, die sich offline fanden. Auch die Forschung hat bis dato keine Unterschiede im Vergleich von on- und offline zustande gekommenen Beziehungen gefunden, was Qualität und Dauer anbelangt.

Beziehung ist Beziehung – wenn es erst mal so weit kommt, ist es ziemlich egal, wie der Start ausgesehen hat. Auch um ungeschickte Nachrichten, schlechte Nerven und verwirrende erste Treffen herum lassen sich romantische Geschichten schreiben, die als Gründungsmythos der Beziehung allemal taugen.

Zudem wissen wir aus der Forschung zum Dating-Verhalten von Menschen ab der Lebensmitte, dass es auch anders geht: bewusster, achtsamer, ehrlicher (Quelle: Parship).

Deshalb: Wenn Du Dich in das digitale Getümmel stürzen willst, helfen Dir diese sieben Leitlinien, Deine psychische Gesundheit zu wahren – und damit auch langfristig bessere Erfolgsaussichten zu haben:

#1 Halte die Anzahl Deiner Chats und Treffen überschaubar

Um mit den Dating-Erfahrungen von Klient*innen mithalten zu können, bin ich schon mal mit Namenslisten in der Therapiestunde dagesessen: In solchen Stunden wird gewöhnlich viel gelacht – die Frustration hinter der Partner*innensuche wiegt meist ohnehin schwer genug.

Zu viele Optionen gleichzeitig überfordern unser Gehirn. Die renommierte Anthropologin Helen Fisher, die leider schon verstorbene Pionierin auf dem Feld der Biologie der Liebe, empfahl, die Zahl der parallelen Chats und Kennenlern-Treffen streng zwischen fünf und neun zu halten (Quelle: Helen Fisher im Interview).

99 Prozent unserer Geschichte als Menschen lebten wir in kleinen Gruppen von Jäger*innen und Sammler*innen, was uns tief geprägt hat – viel tiefer als das eine Prozent der Zeit seit unserer Sesshaftwerdung (Quelle: Carel van Schaik, Kai Michel: Mensch sein). Damals traf der durchschnittliche Mensch in seiner gesamten Lebenszeit nur ein paar Handvoll verschiedene Individuen! Unsere biologische Ausstattung, unser Gehirn ist schlicht nicht darauf ausgerichtet, aus Hunderten von potenziellen Partner*innen zu wählen.

Der sogenannte „Cognitive Overload“ führt geradewegs zur Blockade in Entscheidungssituationen – es wäre schade, wenn Du deswegen einer interessanten Person gegenüber nicht mehr offen sein könntest!

Der optimale Weg ist es daher, bis zu maximal neun Leute kurz kennenzulernen, am besten bei einem persönlichen Treffen oder meinetwegen über einen Videocall. Und dann ist Schluss mit dem Swipen – lege eine Pause ein. Und lerne zumindest eine dieser Personen richtig gut kennen. Erst wenn das wirklich nicht passt, gehe wieder zurück zur Dating-App.

Mann datet online mit Handy in der Hand auf Fussboden

#2 Erwartungsdruck senken: Gehe die Suche spielerisch an

Dating-Apps locken mit einem spielerischen Zugang (Gamifizierung): Ein an Videospielen orientierter Aufbau verspricht einen locker-flockigen Weg zur Wunschpartner*in. Lustig und unterhaltsam soll`s ins Glück gehen, so das Versprechen.

Aber eine spielerische Leichtigkeit verspüren Nutzer*innen meist nur ganz am Anfang – dann kommt der Frust. Damit Du Dir eine lockere innere Haltung bewahren kannst, braucht es einige Voraussetzungen: allen voran die Tatsache, dass nicht Deine gesamte private Zukunft von dem ganzen Geswipe abhängt. Pflege daher Deinen Freundeskreis, widme Dich Hobbys oder lerne etwas Neues.

Werde ein autonomer Mensch, der auch gut allein sein kann – das macht Dich übrigens nebenbei auch beziehungsfähiger. Romantische Liebe wird in unserer Kultur extrem idealisiert; Glück und Erfüllung lassen sich aber auf vielerlei Wegen finden.

Ich begleite derzeit einige Klient*innen, die sich zwar eine Partnerschaft wünschen und online daten, aber ganz gut damit zurechtkommen, wenn sich eine neue Liebesoption wieder einmal als Illusion herausstellt: Sie haben ein erfülltes Leben, sind vielseitig interessiert, verreisen gerne allein oder mit Freund*innen und sind oft auch lern- und wissbegierig.

Für diejenigen, die sich bei der Partnersuche für hoffnungslose Fälle halten, sei erwähnt, dass die Dating-Kultur keine Altersobergrenze kennt – das ist immerhin eine gute Entwicklung. Neue Beziehungen können wir lebenslang eingehen, nicht nur in jungen Jahren. Allerdings kann es bei Frauen sein, dass ihre fruchtbare Lebensphase schon vorüber ist, wenn sie den passenden Partner finden.

Jene, die ihre biologische Uhr empfindlich ticken hören und sich dadurch belastet fühlen, dürfen sich daher durchaus mit Gedanken an Social Egg Freezing, künstliche Befruchtung und Samenspende beschäftigen.

Für so manche wird das nicht infrage kommen – aber warum nicht darüber nachdenken, erst mal vielleicht nur, um den enormen Druck beim Dating zu senken?

#3 Kreative Treffen: Bringe Abwechslung in Deine Dates

Triff Dich nicht immer nur zum klassischen Kaffee oder Essen im Lokal. Verabrede Dich zum Laufen, zu einer Partie Schach, einem Sportmatch oder im Museum. Wähle etwas, das zu Euch beiden passt. Dazu fällt mir eine Anekdote aus meiner therapeutischen Praxis ein:

Agnes* vereinbarte mit einer neuen Bekanntschaft ein zweites Date zum Tischtennisspielen. Beide hatten zuvor herausgefunden, dass sie diesen Sport als Kinder gerne mochten. Long story short: Nach mehreren Runden intensiven Spiels ging Agnes als Siegerin vom Platz – und hatte einen Dating-Partner vor sich, der sichtlich Probleme damit hatte.

Der Abend war gelaufen – und für Agnes der Kennenlernversuch beendet. Ihr treffender Kommentar: „Eine Beziehung mit einem Mann, der es nicht aushält, dass ich etwas besser kann als er, wird nicht gutgehen.“

Das ist die weise Einschätzung einer klugen Frau, für die es nicht infrage kommt, sich neben einem Partner klein zu machen. Und das, obwohl sie sich sehr nach einer Beziehung sehnt. „Ich bin nicht bereit, jeden Preis für eine Beziehung zu zahlen“ meint sie, bestimmt – und doch ernüchtert.

Frau in braunem engen Rock spielt TIschtennis mit einem roten Schläger

#4 Ausdauer braucht Regeneration: Mach bewusst Pause!

Auch wenn Dich die Sorge umtreibt, etwas zu verpassen: Wischen und Texten, das Dich müde macht, frustriert oder überfordert, macht keinen Sinn. Lege eine Pause ein! Online-Dating erfordert Ausdauer – viele brauchen Jahre, bis es für sie in die gewünschte Richtung geht. Pausen helfen, diesen Marathon durchzuhalten.

Wenn Du erschöpft oder insgeheim schon wütend auf den ganzen Zirkus bist, wirst Du keine schönen Begegnungen anziehen: Dafür bist Du innerlich einfach nicht offen genug. Wir sind Menschen, keine Maschinen!

Wer gerade keinen Glauben mehr daran hat, dass online noch irgendetwas möglich ist, kann auch keine Hoffnung mobilisieren. Genau diese braucht es aber, um einem neuen Menschen mit einem Minimum an Neugier und Offenheit gegenüberzutreten.

#5 Persönliches Wachstum: Dating als Lerngelegenheit

Für Dating-Frustrierte mag das provokant klingen. Bei manchen meiner Klient*innen habe ich aber durchaus erlebt, dass es möglich ist: nämlich Dating-Erfahrungen zur Selbstreflexion zu nutzen.

Julian*, den ich durch ein mehrmonatiges Online-Dating begleitet hatte, resümierte unlängst in einer Therapiestunde: „Ich bereue die Phase des Online-Datens nicht, obwohl es oft echt unangenehm war. Ich habe so viel dabei gelernt: über andere, aber auch über mich selbst. Und darüber, was mir eigentlich wichtig ist bei einer Partnerin. Mein Selbstwertgefühl darf nicht davon abhängen, ob ich jemandem passe oder nicht.“

Julian pausierte rechtzeitig, bevor ihm alles zu viel wurde. Genau in dieser ruhigeren Phase lernte er seine heutige Partnerin kennen – ganz offline, bei einer organisierten Veranstaltung mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe.

Nachdenkliche Frau auf Couch mit aufgestütztem Kinn und Blick in die Ferne

#6 Dem Bauchgefühl eine Chance geben: Triff Dich zeitnah!

Beim bloßen Chatten bleibt viel Raum für Fantasie und Interpretation – kein Emoji der Welt kann die komplexe Mimik eines Gesichts ersetzen!

Das macht Online-Dating zu einer ziemlich verkopften Erfahrung, bei der wir die andere Person nicht leiblich wahrnehmen – bis wir sie eben „in echt“ treffen und plötzlich unsere Intuition Futter bekommt!

Deshalb: Gehe so rasch wie möglich zu realen Treffen über. Ohne Körpersprache, Stimme und Mikroausdrücke kann unser wichtigster Ratgeber, das Bauchgefühl, nicht anspringen.

Zugegeben: Das kann zu vielen aneinandergereihten Dates führen, die eventuell enttäuschend verlaufen. Über ewiges Geschreibsel kommst Du aber auch nicht weiter: Dann verschiebt sich die Enttäuschung nur nach hinten. Verlangsame dann lieber den gesamten Suchprozess – erzwingen lässt sich sowieso nichts.

Ein anderer Aspekt ist folgender: Intensive intime Chats, die über längere Zeit gehen, können Bindung herstellen – obwohl man sich noch nie gesehen hat. Eigentlich unglaublich, oder? Aber Verliebtheit basiert eben zu einem großen Teil auf Wunschvorstellungen, die wir in unser Gegenüber hineininterpretieren. Dafür muss man sich nicht mal von Angesicht zu Angesicht kennen. Die gesamte Love-Scamming-Industrie („Liebes-Schwindel“) wäre ohne diesen Mechanismus nicht denkbar.

Sei vorsichtig bei Menschen, die reale Treffen immer weiter hinausschieben, Dir gleichzeitig aber höchst vertrauliche Texte schicken. Da passt etwas nicht zusammen!

#7 Den Blick im Alltag öffnen: Offline-Möglichkeiten nutzen!

Nirgends wird man mehr angesprochen, nicht einmal in einer Bar“, seufzte unlängst eine Klientin auf Partnersuche in einer Coaching-Stunde. Diese Frau ging immerhin auch zu Single-Veranstaltungen, ganz analog. Leider hatte sich dabei noch nichts ergeben.

Oft beobachte ich hingegen, dass Klient*innen endlos swipen, aber reale Gelegenheiten wie Freizeitaktivitäten, Single-Treffs oder Slow-Dating ignorieren. Auch Interessenvereinigungen, berufliche Netzwerke oder Treffen mit ehemaligen Kolleg*innen oder Schulfreund*innen können Möglichkeitsräume öffnen.

Natürlich ist der Einsatz im echten Leben höher: Es kostet mehr Mut, sich direkt, von Angesicht zu Angesicht aufmerksam und interessiert zu zeigen. Denn man weiß ja nicht, ob man beim Gegenüber damit ankommt. Man könnte ja einen Korb bekommen. Aber genau darauf kommt es eben auch an: ein Risiko einzugehen.

Wer sich nichts traut, kann zwar nichts verlieren, aber leider auch nichts gewinnen.

Bleibe im Alltag ansprechbar – beim Sport, im Zug, im Wartezimmer oder in beruflichen Netzwerken. Wenn Du in Gegenwart anderer nur in Dein Handy starrst, signalisierst Du Desinteresse. Da traut sich dann auch niemand, Dich anzusprechen.

Dabei ist Blickkontakt die einfachste Möglichkeit, mit anderen in Verbindung zu treten!

Großaufnahme von Auge mit gespannten Blick in eine Richtung

5 Nachteile von Online-Dating aus psychologischer Sicht

Um sich vor Dating-Burnout zu schützen, hilft es, die strukturellen Schwachstellen der digitalen Beziehungsanbahnung zu verstehen. Das Problem liegt nämlich zum Teil im System selbst begründet: Online-Dating bringt eine Logik mit sich, der niemand entkommt.

Sich dies immer wieder vor Augen zu halten, schützt zwar nicht vor Enttäuschungen, kann aber als mentales Schutzschild dienen. Als Barriere, die verhindert, dass Kränkungen in der Anonymität der Online-Möglichkeiten zu tief ins eigene Innere dringen.

#1 Konsum- und Marktlogik

Die israelische Soziologin Eva Illouz („Der Konsum der Romantik„, „Warum Liebe weh tut“, Werbung) hat brillant analysiert, wie die neoliberale Marktideologie unseren persönlichsten Bereich – das Liebesleben – unterwandert hat.

Illouz (siehe Interview) argumentiert, dass durch das Online-Dating ein nahezu unbegrenzter, deregulierter Markt entstanden ist. Auf diesem Markt gelten die klassischen ökonomischen Gesetze von Angebot und Nachfrage, Konkurrenz und Knappheit.

  • Gefühle werden somit untrennbar mit marktwirtschaftlichem Kalkül verwoben.
  • Wir konsumieren Dating-Profile wie Produkte in einem Onlineshop, filtern nach Eigenschaften (Größe, Einkommen, Hobbys) und „shoppen“ nach potenziellen Partner*innen.
  • Da das Angebot unerschöpflich wirkt, sinkt der Wert des einzelnen Kontakts. Fällt eine Option weg oder zeigt sie Schwächen, klicken oder wischen wir einfach weiter.
  • Dies begünstigt Phänomene wie Ghosting (siehe weiter unten), da das Gegenüber nur als digitales Profil und weniger als Mensch wahrgenommen wird.

Das Wissen, dass nur einen Swipe weiter eine bessere Option warten könnte, erzeugt Unverbindlichkeit. Jede*r wird zu einer Nummer, die man schnell und ohne Erklärung zur Seite schieben kann. Wie sich das anfühlt, bekommen so gut wie alle zu spüren, die sich im Dschungel des Online-Datings bewegen.

#2 Digitale und Dating-spezifische Gewalt

Auf Plattformen sind nicht nur ehrliche Singles unterwegs, sondern auch solche, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Und man kann auch auf gefährliche Menschen treffen.

  • Frauen und queere Menschen müssen überproportional oft mit digitaler, sexualisierter oder kombiniert sexualisierter digitaler Gewalt rechnen.
  • Laut dem aktuellen Lagebild des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) ist die Zahl weiblicher Opfer im Bereich digitale Gewalt erneut gestiegen.
  • Zudem warnen Expert*innen vor Romance Scamming (Liebesbetrug mit finanziellen Absichten) oder Erpressungen mit intimem Bildmaterial.

Die Sozialpsychologin Johanna Degen schreibt: „Fast alle Nutzerinnen können von Episoden berichten, in denen sie sich plötzlich unwohl gefühlt haben, hinter ihnen die Wohnung verschlossen wurde oder sie im Nachhinein verwundert über ihre eigenen Entscheidungen waren. Vielen passiert dabei nichts, außer dass sie sich erschrecken“. (Quelle: Johanna Degen: Swipe, Like, Love. Intimität und Beziehung im digitalen Zeitalter. Psychosozial Verlag 2024, S. 52).

Erste Dates in Privatwohnungen, fremden Autos oder spätabends in dunklen Parks sind daher generell nicht zu empfehlen – ganz unabhängig davon, welche Beziehungsabsichten man verfolgt.

#3 Allgemeiner Sitten-Verfall (Ghosting & Co.)

Die Weiten des Internets bringen leider nicht immer das Beste im Menschen hervor. Der Ton ist oft nicht gerade freundlich, der generelle Umgang miteinander wenig zimperlich. Das rührt meist daher, dass viele beim Online-Dating schon eine Reihe von Enttäuschungen hinter sich haben und neue Kontakte gerne zur Zielscheibe für aufgestauten Frust machen (Quelle).

Das Phänomen des Ghostings – der plötzliche, kommentarlose Kontaktabbruch – erzeugt bei den Betroffenen oft ziemliche Selbstzweifel. Das ist vor allem dann verständlich, wenn es schon einige nette Treffen gab und die Stimmung dementsprechend hoffnungsfroh war.

Andererseits: Die Alternative zum Ghosting ist oft eine Begründung, die wahrscheinlich als verletzend aufgenommen würde, vermutlich sogar als unhöflich. Manche „Ghoster*innen“ handeln daher aus falscher Höflichkeit: Sie wollen der anderen Person ein direktes, verletzendes „Ich will Dich nicht“ ersparen und hoffen, dass das Gegenüber das Schweigen richtig interpretiert: nämlich als mangelndes weiteres Interesse, das man aber lieber nicht aussprechen möchte – um nicht zu verletzen.

Aber gerade dass ein formaler Schlussstrich fehlt, erleben viele als besonders verletzend: „Nicht einmal eine simple, zweizeilige Absage war ich ihm wert“. Oder: „Immerhin hätte sie sich für die drei schönen Abende bedanken können – ich hab mir wirklich Mühe gegeben.“

  • Jemanden zu enttäuschen, ohne ihn abzuwerten, ist eine Kunst, die nicht jede*r beherrscht.
  • Viele tun sich schwer, die richtigen Worte dafür zu finden.
  • Manchen ist es auch schlicht zu aufwendig, über eine möglichst schonende Formulierung nachzudenken. Dabei würden sie ihrem Gegenüber durch eine klare Absage das obligatorische Gedankenkarussell und die Suche nach eigenen Fehlern ersparen!

Bei sehr frühem Kontakt hingegen – man hat gerade mal ein paar Nachrichten ausgetauscht und sich noch nicht persönlich getroffen – verstehen viele Ghosting oft nicht als Beziehungsabbruch, sondern als ein stillschweigendes, schonendes „Ausschleichen“ des Interesses.

Wenn Du geghostet wirst: Zimmere bitte keine Geschichte der Ablehnung und Minderwertigkeit daraus. Selbst wenn Du eine Begründung erhalten würdest, könnte diese kaum fundiert sein – ganz einfach, weil Ihr Euch ohnehin kaum kennt.

Was Du aber immer tun kannst, um die Online-Welt ein Stückchen besser zu machen: Verhalte Dich selbst so, wie Du von anderen behandelt werden möchtest. Und schiele dabei nicht auf die Fehler, die rechts und links von Dir passieren. Wähle Deine eigene Form des Umgangs mit anderen, mit der Du Dich wohlfühlst.

#4 Mangelndes Rundum-Wissen schafft ein Vakuum

Wer online datet, sieht meist nur eine sorgsam gepflegte Fassade nach der anderen. Es fehlt das soziale Rundherum: Im echten Leben lernen wir Menschen eingebettet in ihre Umwelt kennen.

Beim Dating über Apps fehlen uns jedoch die entscheidenden sozialen Datenpunkte, die uns sonst wie ein Kompass leiten:

  • Wie verhält sich die Person im stressigen Berufsalltag?
  • Wie agiert sie im langjährigen Freundeskreis?
  • Ist sie empathisch im Umgang mit Kund*innen, Patient*innen oder Servicekräften?
  • Was sagen treue Wegbegleiter*innen über sie?

Ohne dieses Wissen neigt unser Gehirn dazu, die riesigen Leerstellen mit eigenen Wünschen und Sehnsüchten zu füllen. Die spätere Enttäuschung ist damit oft vorprogrammiert.

Genau deshalb gilt ein Kennenlernen am Arbeitsplatz, über Vereine oder den Freundeskreis nach wie vor als sicherer Weg, um spätere Überraschungen zu minimieren. Wenn Menschen, die wir schätzen, unser Gegenüber ebenfalls mögen, leihen wir uns quasi deren Vertrauen.

Wer jemanden über eine natürliche Begegnung im Alltag kennenlernt, kann diese Person oft über längere Zeit hinweg unverbindlich beobachten – ganz ohne den künstlichen Druck eines offiziellen Dates. Masken fallen im echten Miteinander eben schneller als hinter dem Smartphone oder bei sorgsam geplanten Einzeltreffen.

Dating Burnout Mann datet online einen anderen Mann

#5 Niedriger Einsatz fördert Ambivalenz

Ein Profil auf einer Dating-Plattform ist schnell erstellt, und Kurznachrichten kosten auch nicht gerade viel Hirnschmalz. Die Hürden sind also richtig niedrig – darum tummeln sich auf den Plattformen auch viele Menschen, die gar kein echtes Interesse an einer verbindlichen Partnerschaft haben.

Für sie haben die Apps eine andere Funktion: Sie dienen zum Beispiel

  • als Zeitvertreib
  • zur Bestätigung der eigenen Attraktivität und des Marktwertes
  • als Ablenkung und Unterhaltung oder
  • zur Suche nach Kontakten für digitales Sexting und Online-Flirts.

Ehrlich Suchende vergeuden mit diesen ambivalenten Kontakten oft wertvolle Hoffnungsreserven. Da fällt mir wieder eine Geschichte aus meiner therapeutischen Praxis ein:

Meine Klientin Ingrid*, Mitte 30, hat gerade mit ihrem Freund Schluss gemacht. Genauer gesagt: vor drei Tagen. Gleich zu Beginn der Therapiesitzung blickt sie mich fragend an: „Kann ich schon wieder mit dem Daten anfangen? Oder lieber nicht? Was meinen Sie?“

Ich antworte nicht direkt auf diese Frage, sondern gehe Ingrids Gesichtsausdruck nach, der Trauer verrät. Es ist die Trauer über die verflossene Beziehung, die sie partout nicht zulassen will. Obwohl sie selbst die Trennung vollzogen hat, bedauert sie diesen Schlussstrich und trauert den schönen Erinnerungen nach. Es ist ein falscher Mythos, dass nur jene leiden, die verlassen werden!

Über das Zulassen ihrer Körperwahrnehmung entdeckt Ingrid einen dicken Kloß im Hals. Dabei wird ihr klarer, was wirklich in ihr vorgeht. Und während sie ihre Gefühle mehr und mehr zulässt, rückt auch die anfängliche Frage nach einem baldigen Dating wieder in den Hintergrund.

„Ich will erst mal die eine Geschichte abschließen, bevor ich eine nächst anfange“ sinniert sie gegen Ende der Stunde.

Bedenke: Beim Dating geht es nicht darum, wie viel Zeit auf dem Kalender nach dem letzten Beziehungsende vergangen ist, sondern darum, wie bereit man innerlich schon wieder dafür ist. Wenn ein Teil der eigenen Gefühlswelt noch mit dem Verarbeiten einer alten Verbindung beschäftigt ist, zahlt es sich aus, diesem inneren Prozess den nötigen Raum zu geben – und ihn nicht schnell mit einer neuen Attraktion zuzudecken.

Wer nach einer Trennung zu schnell wieder mit dem Online-Dating beginnt, läuft Gefahr, eine*r jener App-Nutzer*innen zu werden, die zwar Interesse am Kennenlernen signalisieren, aber innerlich noch gar nicht frei dafür sind.

„Willkommen im Club der Unschlüssigen“, kann man da nur sagen. Doch ein Dating-Prozess mit inneren Ambivalenzen verläuft leider selten gut. Erspare Dir – und anderen! – diese ungute Erfahrung.

Frau hält ein Handy in ihren Händen

Die Vorteile: Warum Online-Dating trotz allem bleibt

Auch wenn der ganz große Hype vorbei scheint, wird digitales Dating relevant bleiben – schließlich hat es sich nicht ohne Grund so stark entwickelt. In bestimmten Situationen und für bestimmte Gruppen bietet es unschätzbare Vorteile:

  • Vorteile für Schüchterne: Es ist emotional wesentlich einfacher, eine Nachricht ins digitale Nirgendwo zu senden, als jemanden im Café direkt anzusprechen. Wer schüchtern ist, kann aus dem sicheren Versteck der eigenen vier Wände heraus kommunikative Testballons steigen lassen und so die eigene Angst vor sozialen Kontakten ein wenig heruntertrainieren. Wenn etwas schiefgeht, kann man den Kontakt jederzeit abbrechen.

  • Vorteile für Menschen in Krisen: Wer gerade eine schwierige Lebensphase durchsteht, eine Trennung hinter sich hat oder gesundheitlich nicht ganz fit ist, kann durch Online-Dating oft neuen Lebensmut schöpfen. Allein die Tatsache, online Beachtung zu finden, hebt häufig den angeknacksten Selbstwert. Die Sozialpsychologin Johanna Degen spricht in diesem Zusammenhang treffend vom „Zurückdaten ins Leben“ (Quelle: Johanna Degen: „Swipe, Like, Love“, Seite 27).

  • Vorteile für vulnerable und marginalisierte Gruppen: Queere oder trans* Personen, Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit besonderen sexuellen Vorlieben können ihre Identität, Bedürfnisse und Orientierungen im Profil offen darlegen. Sie schützen sich dadurch vor unberechenbaren oder verletzenden Überraschungssituationen bei späteren Treffen.

  • Deklarierter Single-Status: Deklarierter Single-Status: Die Wahrscheinlichkeit, Singles zu treffen, ist auf Dating-Plattformen immer noch deutlich höher als irgendwo zufällig im Alltag – auch wenn viele Nutzer*innen bei ihren Angaben nicht immer ganz ehrlich sind oder geradeheraus lügen.

    Aus Studien lassen sich keine ganz klaren Zahlen herauslesen. Man kann aber davon ausgehen, dass rund die Hälfte der Nutzer*innen in Wahrheit gar keine Singles sind (Quelle). Ein „Ich bin eh getrennt“ hat sich schon öfter als „nicht wirklich getrennt“ herausgestellt. Ein gesundes Hinterfragen und sich Zeit zu nehmen für das Kennenlernen zahlen sich hier definitiv aus!

    Ein Fall aus meiner Praxis: Meine Klientin Nathalie* hat online einen Mann namens Jan kennengelernt, der wie sie in der Lebensmitte steht und bereits eine Familie gegründet hat. Er sei nun wieder Single und noch dazu mit der Mutter seiner Kinder nie verheiratet gewesen. Mittlerweile sei es vorbei mit dieser Beziehung – so seine Aussage. Nathalie ignoriert ein merkwürdiges Ziehen in der Magengrube und stürzt sich, schwer verliebt, wie sie bald ist, in eine stürmische Beziehung mit diesem Mann.

    Es vergehen vier Monate, dann sucht Nathalie meine Praxis auf und bittet mich um Rat: Sie habe nicht das Gefühl, dass Jan wirklich getrennt sei. Ob sie sich da täusche? Sie glaube zwar nicht an eine sexuelle Ebene zwischen ihm und der Mutter seiner Kinder, aber da seien die vielen gemeinsamen Urlaube von Jan mit der family, das „Familiennest“ – die frühere gemeinsame Wohnung, aus der er offiziell ausgezogen war – und in die es ihn gut dreimal die Woche zurückziehe. Und natürlich die Ex-Partnerin, mit der er nach wie vor das Allermeiste besprechen müsse – nicht nur wegen der Kinder. Schließlich sei sie diejenige, die ihn am längsten kenne.

    „Wo ist da eigentlich die Grenze?“, fragt Nathalie verwirrt und enttäuscht. „Seine Kinder sind doch nicht mehr klein, warum organisiert er sich nicht anders? Was soll ich von alldem halten?“ Sie blickt mich verzweifelt an: „Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass Jan sich jemals wirklich getrennt hat.“

  • Zeitersparnis und Heimvorteil: Online-Dating bietet eine enorme logistische Erleichterung für viele Personengruppen. Für Alleinerziehende, die abends ihre Wohnung nicht verlassen können, oder beruflich stark eingespannte Personen ist die Suche nach einer Partnerschaft von der Couch aus oft der einzig gangbare Weg. Und wer viel reist, kann auf diese Weise bereits vorab Kontakte am Wunschort aufbauen.

Geteiltes Bild mit zwei Frauen jeweils in ihrer eigenen Wohnung, beide blicken freudvoll auf ihre Handys

Blick in die Zukunft: Bringt KI die Rettung?

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Der Dating-Markt befindet sich im Wandel – und die Betreiber der großen Apps machen sich Gedanken über ihre Geschäftsmodelle. Die Match Group (Tinder, OkCupid, Hinge) musste im Laufe des Jahres 2025 einen spürbaren Rückgang ihrer zahlenden Nutzer verbuchen. Die Aktie des Unternehmens verlor in den vergangenen fünf Jahren stetig an Wert (Quelle: DerStandard) und auch Konkurrent Bumble kämpft mit einem Schwund von Nutzer*innen.

Vor allem die Generation Z (die zwischen 1997 und 2012 Geborenen) zeigt sich zunehmend app-müde und kehrt dem digitalen Dating den Rücken. Für Fake-Profile, Ghosting und jede Menge Enttäuschung bei realen Dates auch noch bezahlen? Sicher nicht.

Die Konzerne reagieren darauf mit einer großflächigen KI-Offensive. Künstliche Intelligenz soll die ermüdeten Nutzer zurückholen – durch optimierte Profile, automatisierte Bildauswahl und eine Vorauswahl erfolgversprechender Matches, per Algorithmus selbstverständlich.

Mag sein, dass KI beim Formulieren von Profiltexten tatsächlich hilft. Oder dass sie gekonnt die allerbesten Selfies herauspickt.

Am Grunddilemma des Online-Datings ändert sie jedoch nichts: Sympathie und Anziehung basieren nicht auf digitaler Perfektion, sondern auf Ecken, Kanten und echter Authentizität.

Spätestens beim ersten analogen Date ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Es braucht Mut, sich so zu zeigen, wie man ist – mit dem Risiko, genau so vielleicht nicht gewollt, nicht erwünscht, nicht begehrt zu werden.

Aber genau darum geht es schließlich: dass sich zwei Menschen so finden und lieben, wie sie tatsächlich sind. Niemand kann auf längere Sicht ein geschöntes, unechtes Image aufrechterhalten!

KI-optimierte Profile müssen sich weder dem echten Leben noch der Liebe stellen – das Individuum hingegen sehr wohl.

Und das gelingt nicht, ohne ein Risiko einzugehen: sich der Gefahr zu stellen, die eigenen Masken fallen zu lassen, sich ehrlich zu zeigen – und damit vielleicht abgelehnt zu werden.

Oder aber: genau so gesehen, respektiert, gemocht und irgendwann geliebt zu werden.

Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.

* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. In Österreich gilt laut § 15 des Psychotherapiegesetzes (PthG) die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle zu einer „Hybrid-Persona“. Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und in der Praxis so erlebt.

Verwendete Literatur

Aretz, W. (2024). Hate to date? Eine explorative Studie zum Burnout-Syndrom im Dating-Kontext. Journal of Business and Media Psychology, 13 (1), 13-38.

Degen, Johanna: Swipe, Like, Llove. Intimität und Beziehungen im digitalen Zeitalter. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Degen, J.L., Kleeberg-Niepage, A. Coping with mobile-online-dating fatigue and the negative self-fulfilling prophecy of digital dating. SN Soc Sci 5, 12 (2025). https://doi.org/10.1007/s43545-024-01042-0

Illouz, E. E. (2003). Konsum der Romantik: Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus (A. Reinhardt, Übers.). Suhrkamp.

Illouz, E. (2011). Warum Liebe weh tut: Eine soziologische Erklärung (M. Adrian, Übers.). Suhrkamp.

Fotocredits – Beitragsbild: Vladimir Fedotov for Unsplash

Artikelbilder: Elena Helade, Getty Images, Muhammad Tara Ibrahim, Curated Lifestyle, Bacila Vlad, Elena Helade, Pablo Merchan Montes for unsplash

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach – seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei privaten und beruflichen Themen – empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig – auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Die Motivation für diesen Blog? Mein Wissen über Beziehungen, Liebesfähigkeit und Verletzung möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen.

Weil Liebe das ist, wofür wir hier sind.

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