17.11.25

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 14 min

Reizvoll riskant: Narzisstische Liebe schon anfangs erkennen

17.11.25

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 14 min

Sonja-Rieder-Psychotherapeutin-Wien
Sonja-Rieder-Psychotherapeutin-Wien

Das Wichtigste in Kürze

  • Liebschaften mit narzisstischer Dynamik beginnen oft mit einem Gefühl wie im Märchen – fast zu schön, um wahr zu sein.
  • Narzisstisch strukturierte Individuen haben nicht nur dunkle Seiten – ganz im Gegenteil: sie sind oft gewinnend, charmant und interessante Gesprächspartner*innen. Das macht es schwer, die subtilen Signale für mangelnde Augenhöhe im Anfangsstadium einer Beziehung zu erkennen.
  • Der frühe Zauber einer neuen Beziehung lässt sich nur schwer von einer beginnenden narzisstischen Dynamik unterscheiden.
  • Bevor Du Dich voll auf eine neue Beziehung einlässt: beobachte, prüfe und lerne Dein Gegenüber gut kennen!

Narzisstisch geprägte Menschen beherrschen die Kunst des magischen Moments

Der Beginn einer romantischen Verbindung mit einer narzisstisch geprägter Personen wirkt oft fast zu gut, um wahr zu sein.

Die Zutaten? Zwei Menschen, die einander wie magisch anziehen – rascher Gleichklang, lauschige Abende, High-Gefühle und natürlich fantastischer Sex. Chemie pur: Wumm.

Narzisst*innen sind wahre Magier, Zauberinnen des besonderen Moments. Sie verstehen es wie sonst kaum jemand, einzigartige, unvergessliche Augenblicke zu schaffen.

Exklusive Einladungen, ausgefallene Ideen, sorgfältig gewählte Geschenke. Gerne auch die eine oder andere Überraschung. Große Gesten, nur ja nichts Durchschnittliches.

Der Beginn solcher Beziehungen wird als Phase des sogenannten Love Bombing bezeichnet: Eine Zeit von besonderen Liebesbekundungen, die das Gegenüber sämtliche Abwehr und Vorsicht vergessen lässt. Narzisstische Frauen und Männer wissen genau, wie man jemanden für sich einnimmt.

Außergewöhnliche Weekend-Trips gleich zu Beginn der Liaison. Neue Orte. Reisen – oder das Außergewöhnliche vor der Haustüre. Alles soll besonders sein: die Kulinarik, das Skript des Abends, das Styling, der Sex, die Gespräche. Das Beste ist gerade gut genug für dich, Baby.

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Eine Geschichte aus meiner therapeutischen Praxis: Viktoria und der wütende Max

Viktoria* (Name und Details geändert*), Anfang 30, sitzt mir unruhig in meinem Praxisraum gegenüber. Ihr Blick schweift umher. Ihre Beziehung mit Max*, mit dem sie seit eineinhalb Jahren zusammen ist, entwickelt sich zunehmend in eine merkwürdige Richtung. Schließlich bricht es aus ihr heraus:

„Ich verstehe einfach nicht, warum er immer wieder in diese Wutausbrüche gerät. Da kann ich dann nichts richtig machen. Er sagt mir dann auch, dass ich nichts kapiere. Ich traue mich schon gar nicht mehr, gewisse Dinge anzusprechen. Weil es nichts bringt: am Ende liegt das Problem immer bei mir. Max findet, ich sehe die Dinge falsch. Nie haben unsere Schwierigkeiten etwas mit ihm zu tun.“

Viktoria hat aufgrund der zunehmenden Schwierigkeiten mit Max in den letzten Wochen Schlafstörungen entwickelt. Ab vier Uhr in der Früh ist es vorbei mit der Nachtruhe: ihre Gedanken kreisen wie eine außer Takt geratene Ameisenkompanie. Dazu kommt eine hartnäckige Blasenentzündung, die seit drei Monaten nicht in den Griff zu bekommen ist.

Dabei war doch am Anfang alles so schön. Viktoria kann es nicht glauben. Der Kontrast zwischen dem anfänglichen Paradies zu den täglichen Abwertungen im Jetzt könnte größer nicht sein.

Sie hat sich mittlerweile schlau gemacht über den narzisstischen Persönlichkeitsstil – und kämpft dennoch mit der Situation.Theoretisches Wissen reicht selten aus, um Dinge emotional zu begreifen. Aber kognitives Verstehen ist schon mal ein Anfang.

Das Nachdenken über ein mögliches Ende fällt Viktoria schwer. Denn wie viele in solchen Situationen fragt sie sich: kann es nicht wieder so schön werden – wenn ich alles richtig mache?

(Spoiler: Nein, kann sie nicht. Für eine gelingende Beziehung braucht es zwei. Max ist, wie er ist – und zeigt nicht die geringste Einsicht in sein Verhalten. Was soll sich da von seiner Seite her ändern?)

In der Therapie arbeiten wir an Viktorias Kontroll-Illusion und Selbstzweifeln („vielleicht liegt es doch an mir“) . Nach einer Weile ist Max Geschichte – und Viktoria hat einen Schritt gesetzt, den sie bisher noch nie gewagt hat: sich von einem Mann zu lösen, ohne dass der nächste schon vor der Türe steht.

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Empathie im Übermaß – aber nur scheinbar

Narzisst*innen können außergewöhnliche Zuhörer-Qualitäten an den Tag legen, ganz besonders am Anfang. Empathie im Überfluss – so fühlt es sich für das Gegenüber an. Und das tut so gut!

Kann denn das wahr sein? Ein Mensch, der zu so einer solch unglaublichen Zuwendung fähig, der so liebevoll, mitfühlend und aufmerksam ist? Wieso nur haben wir uns nicht früher getroffen!

Offen narzisstisch geprägte Menschen sind attraktiv, gewinnend und oft äußerst charmant.

Es ist leicht, sich zu ihnen hingezogen zu fühlen – und bald mehr zu wollen!

Denke Tag und Nacht an dich, Süßer. Du bist etwas ganz Besonderes. Die Zeit mit Dir ist das Außergewöhnlichste, was ich je erlebt habe.

Wenn sich eine neue Liebe anfühlt wie ein Märchen-Wunderland: genieße.

Und sei gleichzeitig gewarnt: keine Liaison der Welt wird ewig so weitergehen. Hinter der Märchenwelt kann ein Abgrund lauern, den Du Dir ersparen solltest.

Wahr sind diese magischen Momente schon, denn sie zeigen das grandiose Gesicht des Narzissmus.

Aber es gibt eben auch andere Seiten dieses Persönlichkeitsstils.

Diese sind nicht so schön, aber ebenso real: strategisch eingesetzte Empathie, die meist nur ein oberflächliches Pseudo-Mitgefühl ist – tiefes, ehrliches Mitschwingen mit einem Menschen sieht anders aus.

Massive Kränkbarkeit, Wutanfälle und wenig Kompetenz in der Selbstregulation. Die Lust daran, die Gefährtin, den Partner zu kontrollieren, zu dominieren und alles so zu drehen, dass man selbst am besten dasteht. Du bist schuld! ist ein wichtiger Schlüsselsatz.

Die mögliche Kaskade innerhalb einer Beziehung kann so aussehen: zu Beginn charmant. Dann bald: charmant-dominant. Und irgendwann nur noch: dominant.

Narzissmus-Affäre-Geschenke

Wer kann sich einer narzisstischen Charme-Offensive schon entziehen?

Die nüchterne Antwort lautet: kaum jemand.

Denn Hand aufs Herz: wer verbringt nicht gerne Zeit mit interessanten, aufmerksamen und originellen Gesprächspartner*innen? Wer genießt nicht das Gefühl, ganz besonders zu sein?

Wer wird nicht gerne in einen inneren High-Zustand versetzt, fühlt sich verstanden, gesehen und bald auch begehrt? Wer lebt schon ein Leben, das immun gegen solche Versuchungen macht? Die Wenigsten.

Selbst Menschen, die sich schon einmal aus einer narzisstisch geprägten Beziehung gelöst haben, sind nicht immun gegen neue Reize aus demselben Eck. Denn eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur kann an der Oberfläche sehr unterschiedlich aussehen.

Er ist ja ganz anders als Erik“ (oder Amanda, Tanja oder Peter) höre ich dann in der Therapie oder im Coaching. Njet, antworte ich dann meist. Mein Rat: Lieber erstmal beobachten – und die neue Beziehung langsam angehen. Das schützt in der sensiblen Anfangsphase, bevor einen die Mega-Verliebtheit lahmlegt.

Hochempathische Menschen und die Narzissmus-Falle

Wer ist besonders gefährdet, sich auf solche Verbindungen dauerhaft einzulassen? Sich in ihnen sogar zu verlieren – so tief, dass die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen immer weiter weg rücken?

Am häufigsten sind es hochempathische Menschen, die sich oft unbewusst darüber definieren, in Beziehungen die Gebenden zu sein. Für sie versteht es sich von selbst, sich anzupassen und über Schwieriges lange hinwegzusehen.

  • Empath*innen sind schnell bereit, sich unwichtig zu nehmen, verunsichern und sogar abwerten zu lassen. Warum? Weil sie auch dafür oft Verständnis haben – und viel zu schnell in die Schuhe des Gegenüber schlüpfen. Und weil sie es aus ihrer Kindheit meist nicht anders gewohnt sind. Eine hohe Empathiefähigkeit entwickelt sich oft aus der Notwendigkeit heraus, als Kind die Bezugspersonen möglichst gut lesen zu können: damit Situationen ruhig, weniger gefährlich oder verunsichernd bleiben.
  • Ein weiterer Grund liegt oft darin, dass Empath*innen die innere Not des narzisstischen Gegenübers durch das Größen-Gehabe, die Manipulationen und Entwertungen durchscheinen sehen. Ihr feines Gespür für Menschen, die Gabe der Empathie, macht es möglich. Nicht selten entsteht daraus der Wunsch, dem Lieblingsmenschen helfen oder ihn sogar heilen zu wollen. Leider: das ist in einer Liebesbeziehung nicht möglich!
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Die Falle der Gutgläubigkeit

Die zweite Gruppe an gefährdeten Individuen sind jene, die behütet und in besonders liebevollen Verhältnissen aufgewachsen sind. Ja, das mag eigenartig klingen. Schauen wir deshalb genauer hin.

Wer berechnendes Verhalten, Manipulation und unlautere Absichten gar nicht kennt, niemals erlebt hat, ja nicht einmal lose damit in Kontakt gekommen ist, erkennt sie auch später nicht leicht. Weil dafür schlicht kein Sensorium vorhanden ist. Weil man keine Kategorien, kein System der Einordnung dafür hat.

Oder man hält es gar nicht für möglich, dass ein Mensch überhaupt „so sein kann“. Es ist die Falle der Gutgläubigkeit.

Immer wieder beobachte in meiner Praxis die Schwierigkeiten solcher Menschen in schwierigen privaten und beruflichen Umfeldern. Sie sind nicht vorbereitet auf auf toxische Umgebungen.

Doch gerade solche Individuen können eine steile Lernkurve haben, durch die Beziehung mit narzisstischen Personen innerlich reifen. Oft gelingt eine Loslösung.

Abwarten und Tee trinken: Lass Dir Zeit beim Kennenlernen!

Es gibt nichts Sinnvolleres als Abwarten und Beobachten, wenn man unkluge Entscheidungen in Herzensangelegenheiten vermeiden will.

Schwierige Persönlichkeitsmerkmale zeigen sich bei jedem Menschen früher oder später. Um sie zu erkennen braucht es Zeit, offene Augen und einen halbwegs nüchternen Verstand.

Kein stark narzisstisch geprägter Mensch schafft es, seine Kontrollwünsche, Manipulationen oder Wutanfälle ewig zu verstecken. Und auch das typische Beziehungsgefälle „Ich oben, du unten“ konstelliert sich bald, wenn auch zunächst subtil.

Lerne, durch den Charme Deines Gegenübers hindurchzuschauen! Und lass Dir Zeit mit Zugeständnissen und Commitment.

Warum das so wichtig ist, kannst Du hier nachlesen.

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Digitale Diagnosen hin oder her: Mach Dich über Manipulations-Techniken schlau!

Viele meiner Klient*innen mögen die Vereinfachungen nicht, mit denen im Internet mit Diagnosen, psychologischen Zuschreibungen und „buzz words“ jongliert wird. Ich denke da an Begriffe wie „Love Bombing“, „Gaslighting“, „Breadcruming“, „Benching“, „Narzissmus“, „Borderline“ und so weiter.

Ich bin definitiv kein Fan davon und kann als Psychotherapeutin dazu oft nur den Kopf schütteln: Verallgemeinerungen und himmelschreiende Vereinfachungen komplexer psychischer Phänomene stehen im Internet an der Tagesordnung. Es gibt gute Gründe, warum es viele Jahre und eine fordernde Ausbildung braucht, um von solchen Phänomenen auch nur halbwegs etwas zu verstehen!

Dazu hat übrigens die Wiener Soziologin Laura Wiesböck** in ihrem sehr lesenswerten Buch „Digitale Diagnosen“ erhellend geschrieben.

Und dennoch: Ganz unnütz sind diese Konzepte nicht. Viele Menschen haben kein relevantes Wissen über Manipulationstechniken, und erst recht keine Erfahrung damit.

Wenn Du betroffen bist: mach Dich über Narzissmus, Gaslighting und andere Manipulationstechniken schlau. Es kann helfen, einen theoretischen Referenzrahmen zu haben für das, was Du erlebst.

Auch mitten im Online-Trubel lassen sich fundierte Infos und professionelle Kolleg*innen finden, von denen Du lernen kannst. Bücher können hilfreich sein – bitte greife auch hier ausschließlich zu Werken von Autor*innen mit psychologisch fundierter Ausbildung.

Und zögere nicht, Dir professionelle Hilfe zu suchen. Denn der narzisstische Mensch wird nicht eher ruhen, bis er Dich an der Angel hat. Bis du ihm gefühlsmäßig ergeben bist.

In vielen Fällen wird es sein Ziel sein, Dich ganz zu gewinnen, mit Haut und Haaren: für eine Beziehung, die Dir nicht gut tun wird.

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Fazit: Wenn der Anfang einer Liaison zu schön ist, um wahr zu sein, ist besondere Vorsicht geboten.

Es ist sehr schwer, die „normal“ schöne Verliebtheits-Stunde von der narzisstisch gefärbten Wunder-Stunde zu unterscheiden. In solchen Fällen lohnt sich Abwarten und genaues Beobachten ganz besonders.

  • Achte darauf, Dich innerlich nicht zu schnell zu binden.
  • Vermeide rasche Zusagen und Handlungen: hebe Dir Deine Liebes-Schwüre lieber für einen späteren Zeitpunkt auf. Falle nicht auf Dankbarkeits-Manipluationen herein, indem Du teuere Geschenke oder Einladungen annimmst.
  • Lass Dich nicht schon in der Anfangsphase zu gemeinsamen Urlauben überreden. Man muss nicht gleich eine ganze Woche mit jemandem verbringen, den man kaum kennt! Du hast ein Recht darauf, Dir Zeit zu lassen.
  • Vermeide vorschnellen Sex, Zusammenziehen und die Abkehr von dem, was Dir bisher wichtig war: Freundschaften, Hobbys, Interessen. Lass Dein bisheriges Leben nicht einfach sausen!

Narzisstisch geprägte Verbindungen taugen gut für einige Wochen bis wenige Monate – zum Beispiel als kurzes Geplänkel oder Affäre. In dieser Zeit ist High Life angesagt.

Um dem stärker werdenden Sog narzisstischer Manipulationstechniken in einer späteren Beziehungsphase zu entgehen gilt: Absprung ins Auge fassen.

Je früher, desto besser.

* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich, §15 PthG – Psychotherapiegesetz. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.

Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.

………

**Buchempfehlung (Werbung): Laura Wiesböck, Digitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend. Wien: Zsolnay, 2025.

Bildquellen: Beitragsbild – Martin Jordan Fotografie. Artikelbilder (v. oben nach unten): Rob Laughter for unsplash, getty images for unsplash, translation agency for unsplah, Katerina Hliznizova for unsplash, getty images for unsplash.

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach - seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei privaten und beruflichen Themen - empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig - auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Die Motivation für diesen Blog? Mein Wissen über Beziehungen, Liebesfähigkeit und Verletzung möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen.

Weil Liebe das ist, woraus wir gemacht und wofür wir hier sind.

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