01.03.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 10 min

Beziehung „live“: Warum Paartherapie oft wirksamer ist als Einzeltherapie

Eine Paartherapie wirkt viel direkter als Einzelarbeit: Es gibt quasi kein "Entkommen", Muster, Ängste und Sehnsüchte auf beiden Seiten werden sichtbar. Paare, die sich diesem Prozess stellen, sind sehr mutig.

01.03.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 10 min

Paartherapeutin_Sonja_Rieder_gestikuliert_mit_Paar
Paartherapeutin_Sonja_Rieder_gestikuliert_mit_Paar

Das Wichtigste in Kürze

  • Beziehung „live“ erleben: Im Gegensatz zur Einzeltherapie werden in der Paarsitzung Interaktionsmuster im Hier und Jetzt sichtbar und können direkt dort korrigiert werden, wo sie entstehen.

  • Mut statt Scheitern: Die Entscheidung für eine Paartherapie ist kein Eingeständnis von Versagen, sondern ein mutiger Schritt, um gemeinsam Verantwortung für die Beziehungsdynamik zu übernehmen.

  • Raus aus der Schuldfrage: Der Fokus liegt nicht auf der Suche nach einem Schuldigen, sondern auf dem Verstehen des gemeinsamen „Tanzes“. Ändert einer seine Schritte, verändert sich das ganze Muster.

Paartherapie ist etwas für Mutige – und oft wirksamer als Einzeltherapie.  Wer sich ehrlich dafür entscheidet, muss bereit sein, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Sonst bringt`s nix.

Paare, bei denen beide diese Voraussetzung mitbringen, beginnen eine mutige Reise zu zweit: Das Liebes-Boot wieder auf Kurs bringen, darum geht es. Zu lernen, die Wellen zu reiten – und Unwettern zu trotzen.

In diesem Artikel liest Du, worin das Geheimnis der Wirksamkeit von Paartherapie liegt – und warum sie bei Beziehungsthemen das Format der Wahl ist.

„Wir drehen uns nur noch im Kreis“

„Ich erreiche ihn einfach nicht mehr.“ „Eigentlich sind wir nur noch wegen der Kinder zusammen.“ „So kann`s nicht weitergehen, soviel ist sicher“. Sätze wie diese höre ich oft in meiner Praxis.

Sie sind getragen von Ratlosigkeit und Erschöpfung. Und manchmal einem Gefühl des Scheiterns: „Andere schaffen es doch auch“. Wenn solche Paare nur wüssten, mit wie vielen anderen sie in einem Boot sitzen – einem schaukeligen, instabilen Kahn, ohne Orientierung, weit draußen auf der stürmischen Beziehungs-See!

Mir ist es wichtig zu sagen: Wer eine Paartherapie beginnt, ist nicht gescheitert. Ganz im Gegenteil: Mit einem kundigen Skipper an Bord, der Therapeutin, haben es schon viele geschafft, ihr Beziehungs-Boot wieder auf Kurs zu bringen. Da will ich Mut machen!

Einzeltherapie oder Paartherapie?

Vorab aber stellt sich oft die Frage: Soll ich erst mal alleine in Therapie gehen?

Meine Erfahrung zeigt: Paartherapie bietet eine Entwicklungschance, die Einzeltherapie oft nicht in dieser Unmittelbarkeit leisten kann. Warum? Weil wir uns im geschützten Raum der Paarsitzung nicht mehr verstecken können.

Dies gilt allerdings nur für den Fall, dass beide Seiten die notwendigen Voraussetzungen für eine Paartherapie mitbringen – mehr dazu liest Du hier.

Einzeltherapie ist in bestimmten Fällen die vorrangige Wahl:

– Wenn nur eine Person dazu bereit ist, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen (sorry, es braucht zwei!)

– Wenn eine der Partnerpersonen psychisch instabil ist und ihre Befindlichkeit ein krankheitswertiges Niveau erreicht

– Wenn eine Seite Paartherapie ablehnt, aus Krankheitsgründen nicht mitkommen kann und Online-Therapie nicht passend scheint

– Wenn eine bereits versuchte Paartherapie wenig bewirkt hat

– Wenn eine Seite erstmal für sich selbst herausfinden möchte, was sie eigentlich will.

Wichtig: In gewaltvollen Beziehungen (emotionale oder physische Gewalt) ist Paartherapie nicht ratsam und kann sogar gefährlich sein. Ich rate in solchen Fällen dezidiert davon ab. Mehr zu diesem wichtigen Aspekt liest du hier.

Paar spaziert in Park mit Wintersonne

Die Bühne der Wahrheit: Warum Paartherapie so effektiv ist

In einer Einzeltherapie erzählen mir Menschen über ihre Beziehung. Ich höre ihre Sichtweise, spüre ihre Gefühle und Verletzungen: Alles meist sehr verständlich.

Doch eine Paartherapie wirkt viel direkter. Denn hier passiert etwas Wesentliches: Die Beziehung findet live im Raum statt. Ich sehe als Therapeutin vor meinen Augen, wie Ihr agiert – und reagiert.

Ich erlebe die hochgezogene Augenbraue, das resignierte Verstummen und den vorwurfsvollen Tonfall, der nur schlampig kaschiert wird. Ich verzeichne das Suchen nach Blickkontakt und jedes Ausweichen mit Worten, Blicken oder dem ganzen Körper.

Ein Grund, warum die Arbeit mit Paaren für uns Psychotherapeut*innen so fordernd ist, liegt darin, dass wir Eure Kommunikation auf allen Ebenen unentwegt scannen. Das hat einen brutalen und höchst sinnvollen Effekt: Hier gibt`s kein Entkommen!

Deshalb finde ich Paare, die sich einem solchen Prozess stellen, auch so mutig.

Warum Paartherapie oft stärker wirkt als Einzelarbeit

Eure Interaktionsmuster sind wie ein Tanz, für den es zwei braucht. Ihr könnt ihn in einer Einzeltherapie zwar in Grundzügen beschreiben, die Sichtweise der Partnerperson bleibt dabei aber meist außen vor. Wenn überhaupt kannst Du sie nur indirekt wiedergeben.

Das ist in einer Paartherapie anders. Und genau darin liegt einer der Gründe für ihre tiefgehende Wirkung:

  • Kein Ausweichen möglich: In der Einzeltherapie können wir uns (unbewusst) eine Welt erschaffen, in der wir Spielball der Umstände sind – oder das Opfer unserer Partnerperson. In der Paartherapie ist das Korrektiv, die Partnerperson, direkt mit im Raum. Ihre Sichtweise ist genauso wichtig wie Deine. Du kannst ihr nicht ausweichen. Darin liegt ein besonderer Entwicklungshebel.

  • Muster werden sichtbar: Wir können nicht nicht kommunizieren. Die Art, wie Ihr Euch begrüßt oder wer wem ins Wort fällt, sagt oft mehr aus, als ich in mehreren Stunden Einzeltherapie jemals herausfinden könnte.

  • Die emotionale Abkürzung: Wenn Ihr beide da seid, können wir die „heißen“ Eisen direkt anfassen. Die Emotionen kochen im Hier und Jetzt hoch, und genau dort – im Moment des Erlebens – können wir sie besser verstehen, würdigen und eventuell verändern.

Wald_Bäume

„Dabei habe ich schon so viel Therapie gemacht!“: Eine Geschichte aus meiner Praxis

Vilma* und Robert* sind ein Paar in der Lebensmitte. Beide haben langjährige Ehen hinter sich und Kinder aus früheren Verbindungen. Sie sind seit drei Jahren ein Paar und ja, die Verliebtheit bröckelt schon länger. Die Zeit, in der sich beide nur „göttlich“ fanden, ist definitiv vorbei – eine ganz normale Entwicklung.

Beide fühlen sich aber auch wenig wertgeschätzt in dieser Beziehung. Vor allem Robert ist sich nicht sicher, ob er Vilma überhaupt wichtig ist – er habe den Eindruck, ihre Kinder gingen immer vor. Auch an den Wochenenden. Ihre Gespräche sind gespickt mit gegenseitigen Vorwürfen und der Frage, wessen Sichtweise die „richtige“ ist.

Vilma hat schon einige Jahre Erfahrung mit Psychotherapie im Einzelsetting, Robert noch nicht. Das veranlasst Vilma dazu, Robert im Vorgespräch als „wenig reflektiert“ und „den eigenen Mustern gegenüber blind“ zu beschreiben.

Schon die erste Einheit Paartherapie verläuft spannend. Denn tiefliegende Ängste und hinderliche Muster zeigen sich rasch auf beiden Seiten – nicht nur bei Robert! „Dabei habe ich schon so viel Therapie gemacht“, seufzt Vilma. „Ich dachte, über diese inneren Muster bei mir wäre ich schon hinaus. Na wenigstens weiß ich, woher sie kommen“.

Vilmas „Vor-Arbeit“ mit einem Einzeltherapeuten war keineswegs sinnlos. Sie bringt dadurch viel Bewusstheit mit in die Paar-Arbeit. Sie versteht schnell – das ist hilfreich. Nun kann Vilma ihre inneren Themen in der direkten Auseinandersetzung mit Robert noch einmal auf einer ganz direkten Ebene bearbeiten. Das kann einem Boost-Effekt gleichkommen.

Robert hingegen startet mit der Paartherapie gleich direkt „in medias res“ und kommt ganz ohne Umschweife mit hinderlichen Verhaltensmustern auf seiner Seite in Kontakt. Kein Darüber-Reden, kein Zerreden, kein Schönrede. Das spart Zeit. Und ist hoch effektiv.

Intime Beziehungen erinnern uns an unsere frühesten Liebeserfahrungen und konfrontieren uns mit unseren tiefsten Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten.

Paartherapie setzt hier direkt an – auch Einzeltherapie-Erfahrene profitieren davon gewöhnlich sehr.

Robert und Vilma bleiben mutig und über mehrere Monate konsequent „dran“. Letztendlich schaffen sie es, aus ihrem scheinbar ewigen Kreislauf der gegenseitigen Vorwürfe auszubrechen. Sie finden eine neue Basis. Ein Miteinander.

Wenn die Schuldfrage verschwindet

Wenn beide Seiten beginnen, ihre jeweilige Verantwortung für die gemeinsame Dynamik zu übernehmen, geschieht etwas Befreiendes: Die Schuldfrage verschwindet langsam.

Dann geht es nicht mehr darum, wer „böse“ ist oder wer „angefangen“ hat. Wir betrachten gemeinsam das Muster, das Ihr beide erschaffen habt. Wenn einer aufhört, seine gewohnten Schritte zu tanzen, muss sich das ganze Muster ändern. Das ist die eigentliche Macht der Veränderung in der Paartherapie. Die Chance der „bewussten“ Klärung.

Nicht jede Paartherapie endet damit, dass das Paar zusammenbleibt. Aber sie führt gewöhnlich zu mehr Klarheit.

Selbst wenn sich ein Paar für die Trennung entscheidet, hat es mit professioneller Begleitung eine höhere Chance auf einen respektvollen Prozess mit weniger Bitterkeit. Man geht nicht im Groll, sondern mit einem Verständnis für die gemeinsame Geschichte. Besonders für Eltern ist dieser Prozess unbezahlbar, um eine respektvolle Ebene für die Zukunft zu finden.

Paartherapie zentral in 1070 Wien

In meiner Praxis am Siebensternplatz, mitten im pulsierenden 7. Wiener Bezirk, liegt meine kleine, feine Praxis in einem versteckten, grünen Innenhof.

Hier könnt Ihr mit meiner Unterstützung zu mehr Klarheit, Orientierung und hilfreicheren Mustern für Eure Beziehung finden.

Als „mittelalte“ Therapeutin (Jahrgang 1973) habe ich selbst schon viel erlebt und kann gut nach vorne und zurück schauen. Deshalb arbeite ich auf einem breiten Spektrum: mit jungen, älteren und alten Paaren, mit Menschen in frischen und gereiften Beziehungen, mit Homo- und Heterosexuellen sowie Menschen des LGBTQIA-Spektrums.

Ich freue mich darauf, Sie/Euch bei den nächsten Schritten in Ihrer/Eurer Beziehung zu begleiten.

Paartherapie in Wien an Samstagen

Bei Paartherapie ist die Terminfindung oft eine echte Herausforderung. Schließlich müssen drei Personen (Paar und Therapeutin) gleichzeitig freie Kapazität haben.

Deshalb mache ich mit Samstag-Terminen gute Erfahrungen. Sie entlasten auch mich in meinem Arbeitsvolumen unter der Woche und kommen meiner Arbeitsweise entgegen.

An Samstag-Terminen schätze ich die Ruhe und Entfernung vom Alltag, eine oft erhöhte Konzentrationsfähigkeit bei meinen Klient*innen und leichtere Terminfindung. Bei Interesse freue ich mich über ein Email an office@sonja-rieder.at.

Sonja Rieder Paartherapeutin in ihrer Praxis mit Paar

Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen oder bei Gewalt suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.

* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich, §15 PthG – Psychotherapiegesetz). In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.

Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.

Fotocredits – Beitragsbild: Martin Jordan, Artikelbilder: Unsplash

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach – seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei privaten und beruflichen Themen – empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig – auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Die Motivation für diesen Blog? Mein Wissen über Beziehungen, Liebesfähigkeit und Verletzung möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen.

Weil Liebe das ist, wofür wir hier sind.

Wen könnte dieser Artikel ebenfalls interessieren? Teile ihn gern weiter!

Weitere Blog-Beiträge