17.02.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 13 min
Endstation Küchentisch: Wie Homeoffice Paare belastet – und was dagegen hilft
17.02.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 13 min


Inhaltsverzeichnis
- Liebe vs. Laptop: Warum 24/7 Nähe nicht immer gut tut
- Vorteile von Home-Office und versteckte Belastung
- Die drei größten Konfliktherde
- Tod der Leidenschaft: Businessmeetings im Pyjama
- 4 Tipps für den Weg aus der Homeoffice-Falle
- Zwischen Videocall und Beziehungsstress: Eine Homeoffice-Geschichte aus meiner Praxis
- Fazit: Jedem Paar seine individuelle Lösung
- Weitere Blog-Beiträge
Liebe vs. Laptop: Warum 24/7 Nähe nicht immer gut tut
Homeoffice belastet viele Paare. Wo doch alles so entspannt sein könnte!
Aber Arbeitsstress im Pyjama, laute Video-Calls und dreckigen Tassen in der Spüle kommen der partnerschaftlichen Harmonie oft gehörig in die Quere.
Früher war die Sache klar: Paare verabschiedeten sich morgens an der Wohnungstür – wenn`s gut lief, mit einem Kuss. Dann ging jeder seiner Wege. Nach einem Tag in getrennten Welten gab`s abends dann was zu erzählen.
Das Zuhause war der geschützte Rückzugsort, die „sichere Basis“ fernab von Deadlines und nervigen Kollegen.
Doch seit das Home-Office für Millionen von Menschen zum Standard geworden ist, hat sich dieses Gefüge radikal verschoben.
Das zeigt sich in meiner Arbeit als Paartherapeutin immer wieder: Home-Office belastet Paare.
Darunter sind auch viele Beziehungen, die sonst gut und stabil laufen. Für wackelige Verbindungen aber bedeutet die Arbeit im Eigenheim oft das Zünglein an der Waage, das dann irgendwann in Richtung Trennung ausschlägt.

Vorteile von Home-Office und versteckte Belastung
Die Vorteile von Home-Office liegen auf der Hand: kein Pendeln, mehr Zeit für den gemeinsamen Kaffee, die Waschmaschine läuft nebenher. Die teilweise Arbeit von Zuhause aus ermöglicht es manchen Personengruppen überhaupt erst, am Arbeitsmarkt teilzunehmen – weil sie dadurch Aufträge zeitflexibler erledigen können. Denken wir nur an Alleinerziehende, die online noch etwas für die Arbeit erledigen können, wenn die Kinder im Bett sind.
Auch der Radius für mögliche Jobs erweitert sich durch Home-Office: Längere Pendelzeiten sind möglich, wenn man nicht an allen Tagen der Woche vor Ort im Büro sein muss. Jobsuchende und Arbeitende werden örtlich flexibler. Angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage ist das für manche ein großer Vorteil.
Doch es gibt auch eine andere Seite: Wenn die Küche zum Computerraum wird und die Schlafzimmertür zur Grenze zwischen zwei Business-Meeting geht das oft nach hinten los.
Alle, die weder in der geräumigen Luxus-Etage leben noch eine Villa in Wien-Döbling geerbt haben, können ein Lied davon singen: Es ist richtig schwer, sich im Dauer-Home-Office gut abzugrenzen.
Wir erleben unseren Lieblingsmenschen dann viele Stunden lang in seiner Rolle als gestresste Projektleiterin, laut telefonierenden Vertriebler oder als jemanden, der beim Tippen einfach immer zu fest in die Tasten haut.
Das passt nicht zu unseren eigenen Rollen, die ohnehin schon vielfältig sind: Wir sind oft Partnerperson, persönliche Vertraute, gute Freundin und Sexualpartner*in zugleich. Die Elternrolle ist dabei noch gar nicht mitgezählt. Aber Berufskolleg*innen sind wir gewöhnlich nicht.
Durch Homeoffice kommt etwas Fremdes in unsere vier Wände. Die Welt von draußen dringt ein, mit all ihren Möglichkeiten, aber auch Hektik, Belastung und Ungerechtigkeit. Als Partnerperson sind wir nie so gut eingeweiht wie die Kollegenschaft on the job. Und dienen dennoch oft als Blitzableiter für Stress, Müdigkeit und schlechte Laune.
Eine unfaire Belastung für Langzeit-Liebesbeziehungen, die ohnehin schon regelmäßige Pflege brauchen.

Die drei größten Konfliktherde
Warum drückt Home-Office so oft auf die Stimmung innerhalb der Beziehung? Meist sind es drei Faktoren, die das Fass zum Überlaufen bringen:
- Kampf um den Raum: Wer bekommt den ruhigen Platz im Arbeitszimmer und wer bleibt am angeräumten Küchentisch? Die räumliche Aufteilung spiegelt oft unbewusste Hierarchien in der Beziehung wider. Wenn einer sich ständig breit macht, fühlt sich der andere oft in die Enge getrieben. Lässt sich dann vielleicht nichts anmerken, wird aber doch immer angespannter. Wer hat nach einem solchen Tag schon Lust auf romantische Stunden zu zweit?
- Unsichtbare Hausarbeit: Schmutzige Tassen in der Spüle, ausgetrocknete Pflanzen, voller Mülleimer: Wer viel zuhause ist, sieht auch, was liegen geblieben ist. Oft bleibt diese Arbeit an demjenigen hängen, der eine geringere Schmerztoleranz hat. Oder (in der Praxis leider häufig) ganz einfach an der Frau. Das führt zu chronischem Groll.
- Emotionale Ansteckung: Wenn ein Meeting im Homeoffice schlecht läuft, gibt es keinen Heimweg, den man nutzen könnte, um Frust abzudampfen. Da ist es sehr verführerisch, erstmal bei der Partnerperson abzuladen. Diese aber wollte vielleicht gerade nur kurz in die Küche, um dann selbst gleich wieder weiterzuarbeiten. Sie hat selbst genug um die Ohren: Der Stress des Lieblingsmenschen on top wird dann oft zu viel.

Tod der Leidenschaft: Businessmeetings im Pyjama
Schlabberlook tut der Erotik nicht gut: Begehren braucht Distanz und Wiederannäherung. Genau das ist aber bei der Arbeit zuhause oft nicht gut möglich. Auch darin liegt eine Form der Belastung.
Wenn man sich den ganzen Tag in Jogginghose sieht, jedes Telefonat mithört und genau weiß, wann die bessere Hälfte zum dritten Mal zum Kühlschrank schleicht, kann das die gegenseitige Anziehung mindern.
Dazu kommt: Wenn einer durch die räumliche Nähe ständig verfügbar scheint, es dann aber doch nicht ist, kann das ziemlich irritieren. „Er/Sie ist zwar da, aber nur die Arbeit zählt“: So ein Gefühl der Enttäuschung kann leicht entstehen – auch wenn der Kopf weiß, dass Arbeit eben Arbeit ist. Und die konzentriert-angespannte Stimmung oft nicht ausreicht für den liebevollenKuss zwischendurch.
Das Vorzimmer zu Verbundenheit und Lust sieht jedenfalls anders aus.

4 Tipps für den Weg aus der Homeoffice-Falle
Wie überlebt die Liebe das Home-Office? Ganz einfach, und in der Realität dann doch nicht so einfach: Paare müssen aktiv gegensteuern. Hier sind die wichtigsten Strategien:

Zwischen Videocall und Beziehungsstress: Eine Homeoffice-Geschichte aus meiner Praxis
Amra* und Leonie* leben seit der Corona-Zeit zusammen – immer noch irgendwie provisorisch. Amra zog damals relativ spontan zu Leonie. Doch deren Wohnung ist eigentlich zu klein für beide, wie sich erst mit der Zeit herausstellte.
Als Leonie ihren Job kündigt und sich selbständig macht, verbringt sie viel Zeit zu Hause. Sie hat noch kein eigenes Büro mehr. Und es wird dauern, bis sie sich als Selbständige einen eigenen Raum wird leisten können. Amra hingegen ist als Programmiererin ebenfalls auf die gemeinsame Wohnung angewiesen: Sie braucht ihre zwei bis drei Tage Homeoffice pro Woche, weil sie der Geräuschpegel im Großraumbüro der amerikanischen IT-Firma, für die sie arbeitet, zu sehr anstrengt.
Die beiden Frauen kommt zu mir, weil die gemeinsamen Abende zunehmend in schlechter Stimmung verlaufen. Oft kommt es zu Streit, den sie in dieser Form früher nicht kannten. Im Paarcoaching wird schnell klar, dass der Raum in der Wohnung einfach zu klein für zwei Leute ist, die den ganzen Tag dort verbringen – und arbeiten.
Amra und Leonie sind schon seit zehn Jahren ein Paar und haben lange getrennt gelebt. Sie sind einander tief verbunden und können normalerweise sehr gut miteinander reden, auch über ihre Beziehung.
Die beiden retten ihre Verbindung letztendlich dadurch, dass Amra wieder auszieht und sich eine kleine Wohnung nimmt, nur für sich. Denn bei beiden gibt es keine rasche Aussicht darauf, dass sie täglich in ein Büro ausweichen können. Und Leonie kann sich nicht vorstellen, ihre lieb gewonnene Wohnung für eine größere, gemeinsame aufzugeben.
Eine starker Einschnitt, aber für dieses Paar ist es der richtige Weg. Von nun an praktizieren sie „LAP“ – Living Apart Together. Und kommen gut damit klar, weil sie diese Lebensform schon kennen – und eine starke Verbindung haben.
Fazit: Jedem Paar seine individuelle Lösung
Paare sollten wiederkehrende Spannungen und Streit immer ernst nehmen. Wenn sie viel Zeit zu zweit arbeitend am selben Ort verbringen, macht es Sinn, sich zu überlegen, ob die Probleme mit dem Home-Office zu tun haben.
Lösungen dafür müssen auch nicht immer so drastisch ausfallen wie in der oben beschriebenen Geschichte von Amra und Leonie: In den meisten Fällen hilft es schon, die Zahl der Homeoffice-Tage zu verringern. Denn ein kompletter Verzicht auf die Arbeit zu Hause ist meistens unrealistisch und oft auch nicht notwendig.
Auch das klare Austarieren von Revierplätzen in der Wohnung, Pausenregelungen und Rituale für den Übergang zwischen „Privat-Modus“ und „Arbeits-Modus“ können oft schon eine spürbare Verbesserung einleiten.
Im Fall des Paares Anton* und Rebecca*, bei dem Antons ausgedehnte Homeoffice-Gewohnheiten sehr auf Rebeccas Stimmung schlagen, sieht der Lösungsweg so aus: Anton erkennt erst durch die Paartherapie, auf welch vielfältige Weise seine Business-Telefonate auf die Stimmung zu Hause drücken. Wie sehr sich Rebecca in ihrem Freiraum beschnitten fühlt. Und dass das alles nichts mit mangelnder Liebe zu tun hat.
Diese Erkenntnis hilft Anton dabei, in den sauren Apfel zu beißen. Und wieder öfters ins Büro zu stapfen, obwohl es dort schlechter geheizt ist als zu Hause.
* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich, §15 PthG – Psychotherapiegesetz). In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.
Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.
Fotocredits – Beitragsbild: Getty Images for Unsplash. Artikelbilder: Stephanie Berbec, Sanni Sahil, Getty Images, A.C. for Unsplash.
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