06.09.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 10 min

Hochbegabung im Job: Offen ansprechen, umschreiben – oder verschweigen?

Ist es sinnvoll, die eigene Hochbegabung im Job offen anzusprechen? So naheliegend der Gedanke wirkt, so schnell kann er nach hinten losgehen. Warum Vorurteile im Arbeitsalltag noch immer dominieren, welche Risiken im Bewerbungsprozess drohen und wie Du Deine Denkstärke ohne Stigma und Klischees wirksam kommunizierst.

06.09.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 10 min

Erfolgreiche_Narzisstin_am_Telefon
Erfolgreiche_Narzisstin_am_Telefon

Das Wichtigste in Kürze

  • Vorurteile vermeiden: Offenheit bezüglich Deiner Hochbegabung kann im Job mit Unverständnis und Skepsis aufgenommen werden. Vermeide den Begriff daher am besten im Lebenslauf, Anschreiben und Vorstellungsgespräch.
  • Umschreiben statt Benennen: Kommuniziere Deine Arbeitsweise und Bedürfnisse (z. B. Freude an Komplexität, schnelles Denken, Wunsch nach Freiraum), ohne Reizwörter wie „Hochbegabung“ oder „IQ“ in den Mund zu nehmen.
  • Selbstreflexion als Basis: Lerne Deine eigene Arbeitsweise genau kennen. Je besser Du Dich selbst verstehst, desto klarer kannst Du Deinem Umfeld vermitteln, was Du für effizientes Arbeiten brauchst.
  • Strategisch agieren: Denke in Machtgefügen und Allianzen – zeige Führungskräften gezielt auf, welchen konkreten Nutzen Deine Fähigkeiten für sie und die Organisation bringen.

Das Thema Neurodivergenz stößt mittlerweile auf reges Interesse: Auf Social Media und in den Medien generell führt kaum ein Weg daran vorbei. Viele Expert*innen sehen intellektuelle Hochbegabung (ein Intelligenzquotient ab 130) inzwischen als eine Form davon an – oder zumindest als Phänomen, das ihr sehr nahekommt.

Wenn ADHS und Autismus salonfähig geworden sind, warum nicht auch Hochbegabung? Da wäre es doch naheliegend, die eigenen PS auch im Job zu kommunizieren, denkst Du vielleicht. Damit die anderen gleich wissen, wen sie sich da ins Boot holen? Oder damit Du sofort das spannende, niemals eintönige, intellektuell fordernde Umfeld bekommst, von dem Du träumst?

Wie auch immer deine Motivation aussehen mag – lies lieber erst einmal meine Überlegungen zu diesem sensiblen Thema: In diesem Artikel beschreibe ich, warum Offenheit in Bezug auf die eigene Hochbegabung im Beruf wohlüberlegt sein sollte.

Inhaltsverzeichnis

Chancen und Risiken einer Offenlegung von Hochbegabung im beruflichen Umfeld

Manche mögen sich beim Thema denken: Wo sonst darüber sprechen, wenn nicht im Job? Besonders, wenn man zu den Wenigen gehört, die über ihre Begabung Bescheid wissen, einen anerkannten IQ-Test oder sogar eine umfassende Begabungsdiagnostik gemacht haben? Schließlich bedeutet eine Hochbegabung ja, dass ein hohes Leistungspotenzial vorhanden ist – das allerdings die richtigen Bedingungen braucht, um sich entfalten zu können.

Genau in dieser Voraussetzung liegt allerdings auch der Haken: Ein Potenzial ist eben nicht mehr als eine Möglichkeit, die eintreten kann – oder auch nicht.

Wenn Du Dein persönliches Potenzial im Job als „Joker“ kommunizierst, kann das gewaltigen Druck erzeugen, der Dir nicht gut tut oder Dir im schlimmsten Fall sogar schadet. Vorgesetzte könnten hohe Erwartungen in Dich setzen, die Du dann eventuell nicht erfüllst. Ein Karriere-Turbo sieht anders aus.

Zwei IT-Nerds arbeiten an einer Festplatte

Hochbegabung ist nicht gleich Hochleistung!

Es ist wichtig zu wissen: Unterschiedlichste Menschen können besondere Leistungen vollbringen, nicht nur Hochbegabte!

Der US-amerikanische Erziehungswissenschaftler und Begabungsforscher Joseph Renzulli bezeichnet Hochleistung als creative productivity – eine eigenmotivierte, schöpferische und qualitativ hochstehende, größere Arbeit in einer beliebigen Domäne.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Sally Reis entwickelte er das „Triadische Modell der Begabung„. Es besagt, dass es für Hochleistung nur überdurchschnittliche Fähigkeiten braucht, die von hohem Engagement und Kreativität begleitet werden müssen. Nach diesem Modell erbringen also nicht nur intellektuell Hochbegabte besondere Leistungen, sondern auch engagierte, kreative Menschen mit „nur“ überdurchschnittlichen Fähigkeiten.

Wir schließen daraus: 1.) Hochbegabung ist nicht mit Hochleistung gleichzusetzen. Und 2.): Hochleistung ist nicht nur den Hochbegabten vorbehalten.

Allerdings: Intellektuell hochbegabte Menschen brauchen besondere Bedingungen im Job, damit sie ihr Potential ausschöpfen können. Viel Freiraum zum Beispiel. Die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Komplexe, herausfordernde Aufgaben und möglichst wenig Routine.

Viele Berufe, auch durchaus solche für Akademiker*innen, bieten das nicht oder nur in ungenügendem Ausmaß. Da kann die Person, die sich als „hochbegabt“ geoutet hat, bald zur Enttäuschung werden – für sich selbst und für andere.

Sei deshalb lieber zurückhaltend mit der Offenlegung eines IQ-Ergebnisses, kann ich dazu als Coach dazu nur sagen! Ungefilterte Authentizität ist im Berufsleben oft riskant, nicht nur bei diesem Thema.

Gut zu wissen: Der Bekanntheitsgrad von Konzepten zur intellektueller Hochbegabung steigt beständig. Dennoch stehen wir erst am Anfang, was das gesellschaftliche Wissen über das Phänomen betrifft – von allgemeiner Akzeptanz ganz zu schweigen.

Selbst Kolleg*innen aus dem psychologischen Bereich verziehen schon einmal das Gesicht, wenn ich das Thema im Gespräch vorsichtig anstupse: weil sie nichts darüber gelernt haben und genauso in Vorurteilen verhaftet sind wie alle anderen.

Rechne in Deinem beruflichen Umfeld mit keinerlei Vorwissen zum Thema.

Junge hochbegabte Frau beim Lernen am Computer mit Buch und Notizen – zwischen Genie und Selbstzweifel.

Klischees und Vorurteile bezüglich intellektueller Hochbegabung

Vorurteile und unrealistische Erwartungen („Die können eh alles“) sind weit verbreitet: So konnte die Intelligenzforscherin Tanja Gabriele Baudson in einer repräsentativen Umfrage nachweisen, dass zwei Drittel der Menschen in Deutschland Hochbegabte für sozial problematisch und emotional instabil halten (Quelle: Die ZEIT – Hochbegabung am Arbeitsplatz).

Auch ich mache als Psychotherapeutin und Coach regelmäßig Erfahrungen mit solchen Stereotypen: Die letzte Klientin, mit der ich in Bezug auf ihren kleinen Sohn über eine mögliche Hochbegabung sprach (eine gebildete und beruflich sehr erfolgreiche Frau), meinte sofort: „Ah ja, die haben Probleme, diese Hochbegabten, oder?“

Eine Freundin, intelligent und möglicherweise selbst hochbegabt, erwiderte auf meine vorsichtige Einführung des Themas im Gespräch: „Ich glaube, das ist ganz schwierig, wenn man so gestrickt ist, oder?

Das Klischee des zerstreuten, sozial ungeschickten Mathe-Nerds sitzt einfach sehr tief in unseren Köpfen – und damit all die schrägen Vorurteile, die daran hängen.

Diese Vorstellungen entsprechen nicht der Realität: In einer deutsch-arabischen Metaanalyse konnten Forschende zeigen, dass Hochbegabte häufig auch emotional intelligenter sind als durchschnittlich begabte Gleichaltrige. Ein Ergebnis, das wohl kaum jemand erwartet hätte, oder?

Wir stellen also fest: Das Thema Hochbegabung ist in der breiten Gesellschaft immer noch nicht angekommen. Was viele Menschen damit assoziieren, sind Klischees und Vorurteile.

Diese Tatsache macht auch vor Organisationen nicht halt. Das Konzept Hochbegabung ist viel zu wenig bekannt, als dass sich Bewerber*innen und Mitarbeiter*innen einfach darauf berufen könnten – und schon damit rechnen dürften, verstanden und richtig eingesetzt zu werden. Nein, leider – so weit sind wir noch lange nicht.

Wenn Du überlegst, Deine Hochbegabung offenzulegen, indem Du schlicht den Begriff in den Raum wirfst, kann dieser Schuss leider gewaltig nach hinten losgehen: Unverständnis und Neid sind für viele Hochbegabte ohnehin vertraute Begleiter.

Die Offenlegung eines Testergebnisses kann diese schädlichen Reaktionen noch weiter befeuern.

Eine Ausnahme besteht in einem beruflichen Umfeld, in dem Du weißt, dass an den entscheidenden Stellen Menschen sitzen, die mit ihrer eigenen Hochbegabung vertraut sind und sich mit dem Konzept dahinter gut auskennen. Abgesehen von der Wissenschaft sind solche Voraussetzungen jedoch sehr selten.

Riskant: Die eigene Hochbegabung im Lebenslauf oder Bewerbungsgespräch angeben

Ich rate davon ab, die eigene Hochbegabung im Lebenslauf, Bewerbungsanschreiben oder einem Job-Interview offenzulegen. Das schließt auch Hinweise auf eine Mitgliedschaft bei einem Hochbegabten-Verein wie Mensa, Intertel oder gar der Triple Nine Society (für Höchstbegabte ab einem IQ von 146) ein.

Da die wenigsten Menschen etwas über intellektuelle Hochbegabung wissen, sind Hinweise auf Interessenverbände besonders sensible Informationen: Gerade hier können sich die Vorurteile bündeln („G`scheitlinge unter sich, die glauben, sie wären etwas Besseres“).

Im ungünstigsten Fall fragt eine Person aus dem Recruiting oder eine Führungskraft ahnungslos, was sich hinter dem kryptischen Wort „Mensa“ verbirgt – und schon bist Du auf dem Glatteis eines Themas gelandet, das seine soziale Akzeptanz erst noch gewinnen muss.

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach – seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei ihren Themen rund um Liebe & Beziehung, Beruf und Begabung – empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig – sowohl im Einzel-Setting als auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Der bessere Weg: Umschreibend kommunizieren

Auch im Arbeitsalltag ist Vorsicht bei der Kommunikation einer Hochbegabung geboten. Das heißt aber nicht, dass Du schweigen musst.

Ganz im Gegenteil: Es gibt gute Möglichkeiten, das Wesentliche mitzuteilen, ohne die teilweise tabuisierten Worte „Hochbegabung“ oder „Intelligenzquotient“ in den Mund zu nehmen. Damit vermeidest Du Irritation und Abwehr.

Erster Schritt: Lerne, Dich selbst besser zu verstehen

Du kannst nicht erwarten, dass Dein berufliches Umfeld Dich einfach so versteht. Menschen sind sehr verschieden und gedankenlesende Führungskräfte rar.

Versuche daher in einem ersten Schritt, Dich selbst erst einmal so gut wie möglich zu begreifen. Gehe erst in ein Gespräch zum Thema, wenn Du klar weißt, was Du brauchst und wie Du es am besten formulierst. Folgende Fragen können Dir dabei helfen:

  • Unter welchen Bedingungen arbeitest Du besonders gut, effizient oder inspiriert?

  • Was heizt Deine Problemlösungsstärke und Kreativität an?

  • Wann läufst Du zur Höchstform auf? Aber auch: Was blockiert und demotiviert Dich?

  • Wie kannst Du selbst dazu beitragen, dass Dein berufliches Umfeld gut zu Dir passt?

Kannst Du Dir zum Beispiel selbst spannende Nischenthemen suchen, die Deinen Aufgabenbereich anreichern? Oder proaktiv Probleme in Deiner Organisation identifizieren, diese – bitte mit viel (!) Fingerspitzengefühl – kommunizieren und durchdachte Lösungen dafür anbieten?

Zweiter Schritt: Sag, wie Du funktionierst und zur Höchstleistung aufläufst

Je besser Du Dich selbst verstehst, desto leichter kannst Du nach außen kommunizieren, was Dir zu besonderen Leistungen verhilft – zum echten Nutzen Deiner Organisation. Ganz ohne das umstrittene H-Wort!

Sag, wie Du funktionierst und was Dich antreibt. Mögliche Formulierungen können etwa so lauten:

  • „Bei der Problemlösung denke ich immer verschiedene Ebenen mit und habe Freude daran, wenn es komplex wird. Ihr könnt mir ruhig komplizierte Aufgaben geben.“

  • „Ich bin schnell im Denken – und muss mich selbst immer wieder daran erinnern, dass das andere manchmal überrascht. Gibt es ein Projekt, bei dem ich diese Eigenschaft bei uns besonders wirksam einbringen kann?“ Oder auch:

  • „Es mag merkwürdig klingen, aber manchmal sehe ich eine Lösung plötzlich ganz klar vor mir – solche Einsichten haben sich in der Vergangenheit meist als verlässlich erwiesen.“

Das Gespräch mit Deiner Führungskraft: Achte auf das Machtgefüge!

Im Gespräch mit Führungskräften solltest Du immer darauf achten, wie Deine Beiträge auch deren Zielen nützen können. Das erhöht die Chance deutlich, dass sie Dich bei Deinen Vorhaben unterstützen und Dir gute Rahmenbedingungen verschaffen (zum Beispiel viel Freiraum).

Organisationen sind Machtgefüge und in den seltensten Fällen demokratisch – jede Person, die in einem solchen Umfeld vorankommen will, muss strategisch denken und Allianzen bauen. Dazu gehört auch, anderen von Nutzen zu sein – etwa durch besondere Leistungen, die man intern gut vermitteln kann.

Solche Überlegungen sind nach meiner langjährigen Erfahrung gerade für intelligente Menschen und Hochbegabte oft ungewohnt und nicht selten unangenehm, da sie stark auf Inhalte fokussiert sind. Für die Machtspiele um sich herum haben sie meist weder einen Blick noch Verständnis.

Genau hier liegt jedoch ein großer Hebel für das berufliche Vorankommen: Zu lernen, dass Karriere eben nicht nur über Inhalte und kluges Denken entsteht, sondern über Strategie, kluge Verbindungen mit Schlüsselpersonen und das gezielte Anbieten von Informationen, eigenen Ideen und Beiträgen.

Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. In Österreich gilt laut § 15 des Psychotherapiegesetzes (PthG) die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle zu einer „Hybrid-Persona“. Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und in der Praxis so erlebt.

Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach – seit 2008 mit eigener Praxis im Zentrum von Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer empathisch, lösungsorientiert und wertfrei bei Themen rund um Liebe & Beziehung, Beruf und Begabung.

Im Coaching liegt mein Fokus auf Wissenschaftlerinnen, Freiberuflern und Selbständigen sowie Menschen in verantwortungsvollen leitenden Berufen.

Meine Klientinnen und Klienten profitieren von meiner analytischen und intuitiven Stärke, einer breiten methodischen Vielfalt und einem traumasensiblen Zugang.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

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