06.09.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 10 min
Hochbegabung im Job: Offen ansprechen, umschreiben – oder verschweigen?
Ist es sinnvoll, die eigene Hochbegabung im Job offen anzusprechen? So naheliegend der Gedanke wirkt, so schnell kann er nach hinten losgehen. Warum Vorurteile im Arbeitsalltag noch immer dominieren, welche Risiken im Bewerbungsprozess drohen und wie Du Deine Denkstärke ohne Stigma und Klischees wirksam kommunizierst.
06.09.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 10 min


Inhaltsverzeichnis
Chancen und Risiken einer Offenlegung von Hochbegabung im beruflichen Umfeld
Manche mögen sich beim Thema denken: Wo sonst darüber sprechen, wenn nicht im Job? Besonders, wenn man zu den Wenigen gehört, die über ihre Begabung Bescheid wissen, einen anerkannten IQ-Test oder sogar eine umfassende Begabungsdiagnostik gemacht haben? Schließlich bedeutet eine Hochbegabung ja, dass ein hohes Leistungspotenzial vorhanden ist – das allerdings die richtigen Bedingungen braucht, um sich entfalten zu können.
Genau in dieser Voraussetzung liegt allerdings auch der Haken: Ein Potenzial ist eben nicht mehr als eine Möglichkeit, die eintreten kann – oder auch nicht.
Wenn Du Dein persönliches Potenzial im Job als „Joker“ kommunizierst, kann das gewaltigen Druck erzeugen, der Dir nicht gut tut oder Dir im schlimmsten Fall sogar schadet. Vorgesetzte könnten hohe Erwartungen in Dich setzen, die Du dann eventuell nicht erfüllst. Ein Karriere-Turbo sieht anders aus.

Hochbegabung ist nicht gleich Hochleistung!
Es ist wichtig zu wissen: Unterschiedlichste Menschen können besondere Leistungen vollbringen, nicht nur Hochbegabte!
Der US-amerikanische Erziehungswissenschaftler und Begabungsforscher Joseph Renzulli bezeichnet Hochleistung als creative productivity – eine eigenmotivierte, schöpferische und qualitativ hochstehende, größere Arbeit in einer beliebigen Domäne.
Gemeinsam mit seiner Kollegin Sally Reis entwickelte er das „Triadische Modell der Begabung„. Es besagt, dass es für Hochleistung nur überdurchschnittliche Fähigkeiten braucht, die von hohem Engagement und Kreativität begleitet werden müssen. Nach diesem Modell erbringen also nicht nur intellektuell Hochbegabte besondere Leistungen, sondern auch engagierte, kreative Menschen mit „nur“ überdurchschnittlichen Fähigkeiten.
Wir schließen daraus: 1.) Hochbegabung ist nicht mit Hochleistung gleichzusetzen. Und 2.): Hochleistung ist nicht nur den Hochbegabten vorbehalten.
Allerdings: Intellektuell hochbegabte Menschen brauchen besondere Bedingungen im Job, damit sie ihr Potential ausschöpfen können. Viel Freiraum zum Beispiel. Die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Komplexe, herausfordernde Aufgaben und möglichst wenig Routine.
Viele Berufe, auch durchaus solche für Akademiker*innen, bieten das nicht oder nur in ungenügendem Ausmaß. Da kann die Person, die sich als „hochbegabt“ geoutet hat, bald zur Enttäuschung werden – für sich selbst und für andere.
Sei deshalb lieber zurückhaltend mit der Offenlegung eines IQ-Ergebnisses, kann ich dazu als Coach dazu nur sagen! Ungefilterte Authentizität ist im Berufsleben oft riskant, nicht nur bei diesem Thema.

Klischees und Vorurteile bezüglich intellektueller Hochbegabung
Vorurteile und unrealistische Erwartungen („Die können eh alles“) sind weit verbreitet: So konnte die Intelligenzforscherin Tanja Gabriele Baudson in einer repräsentativen Umfrage nachweisen, dass zwei Drittel der Menschen in Deutschland Hochbegabte für sozial problematisch und emotional instabil halten (Quelle: Die ZEIT – Hochbegabung am Arbeitsplatz).
Auch ich mache als Psychotherapeutin und Coach regelmäßig Erfahrungen mit solchen Stereotypen: Die letzte Klientin, mit der ich in Bezug auf ihren kleinen Sohn über eine mögliche Hochbegabung sprach (eine gebildete und beruflich sehr erfolgreiche Frau), meinte sofort: „Ah ja, die haben Probleme, diese Hochbegabten, oder?“
Eine Freundin, intelligent und möglicherweise selbst hochbegabt, erwiderte auf meine vorsichtige Einführung des Themas im Gespräch: „Ich glaube, das ist ganz schwierig, wenn man so gestrickt ist, oder?
Das Klischee des zerstreuten, sozial ungeschickten Mathe-Nerds sitzt einfach sehr tief in unseren Köpfen – und damit all die schrägen Vorurteile, die daran hängen.
Diese Vorstellungen entsprechen nicht der Realität: In einer deutsch-arabischen Metaanalyse konnten Forschende zeigen, dass Hochbegabte häufig auch emotional intelligenter sind als durchschnittlich begabte Gleichaltrige. Ein Ergebnis, das wohl kaum jemand erwartet hätte, oder?
Wir stellen also fest: Das Thema Hochbegabung ist in der breiten Gesellschaft immer noch nicht angekommen. Was viele Menschen damit assoziieren, sind Klischees und Vorurteile.
Diese Tatsache macht auch vor Organisationen nicht halt. Das Konzept Hochbegabung ist viel zu wenig bekannt, als dass sich Bewerber*innen und Mitarbeiter*innen einfach darauf berufen könnten – und schon damit rechnen dürften, verstanden und richtig eingesetzt zu werden. Nein, leider – so weit sind wir noch lange nicht.
Eine Ausnahme besteht in einem beruflichen Umfeld, in dem Du weißt, dass an den entscheidenden Stellen Menschen sitzen, die mit ihrer eigenen Hochbegabung vertraut sind und sich mit dem Konzept dahinter gut auskennen. Abgesehen von der Wissenschaft sind solche Voraussetzungen jedoch sehr selten.
Riskant: Die eigene Hochbegabung im Lebenslauf oder Bewerbungsgespräch angeben
Ich rate davon ab, die eigene Hochbegabung im Lebenslauf, Bewerbungsanschreiben oder einem Job-Interview offenzulegen. Das schließt auch Hinweise auf eine Mitgliedschaft bei einem Hochbegabten-Verein wie Mensa, Intertel oder gar der Triple Nine Society (für Höchstbegabte ab einem IQ von 146) ein.
Da die wenigsten Menschen etwas über intellektuelle Hochbegabung wissen, sind Hinweise auf Interessenverbände besonders sensible Informationen: Gerade hier können sich die Vorurteile bündeln („G`scheitlinge unter sich, die glauben, sie wären etwas Besseres“).
Im ungünstigsten Fall fragt eine Person aus dem Recruiting oder eine Führungskraft ahnungslos, was sich hinter dem kryptischen Wort „Mensa“ verbirgt – und schon bist Du auf dem Glatteis eines Themas gelandet, das seine soziale Akzeptanz erst noch gewinnen muss.
Der bessere Weg: Umschreibend kommunizieren
Auch im Arbeitsalltag ist Vorsicht bei der Kommunikation einer Hochbegabung geboten. Das heißt aber nicht, dass Du schweigen musst.
Ganz im Gegenteil: Es gibt gute Möglichkeiten, das Wesentliche mitzuteilen, ohne die teilweise tabuisierten Worte „Hochbegabung“ oder „Intelligenzquotient“ in den Mund zu nehmen. Damit vermeidest Du Irritation und Abwehr.
Erster Schritt: Lerne, Dich selbst besser zu verstehen
Du kannst nicht erwarten, dass Dein berufliches Umfeld Dich einfach so versteht. Menschen sind sehr verschieden und gedankenlesende Führungskräfte rar.
Versuche daher in einem ersten Schritt, Dich selbst erst einmal so gut wie möglich zu begreifen. Gehe erst in ein Gespräch zum Thema, wenn Du klar weißt, was Du brauchst und wie Du es am besten formulierst. Folgende Fragen können Dir dabei helfen:
Zweiter Schritt: Sag, wie Du funktionierst und zur Höchstleistung aufläufst
Je besser Du Dich selbst verstehst, desto leichter kannst Du nach außen kommunizieren, was Dir zu besonderen Leistungen verhilft – zum echten Nutzen Deiner Organisation. Ganz ohne das umstrittene H-Wort!
Sag, wie Du funktionierst und was Dich antreibt. Mögliche Formulierungen können etwa so lauten:
Das Gespräch mit Deiner Führungskraft: Achte auf das Machtgefüge!
Im Gespräch mit Führungskräften solltest Du immer darauf achten, wie Deine Beiträge auch deren Zielen nützen können. Das erhöht die Chance deutlich, dass sie Dich bei Deinen Vorhaben unterstützen und Dir gute Rahmenbedingungen verschaffen (zum Beispiel viel Freiraum).
Organisationen sind Machtgefüge und in den seltensten Fällen demokratisch – jede Person, die in einem solchen Umfeld vorankommen will, muss strategisch denken und Allianzen bauen. Dazu gehört auch, anderen von Nutzen zu sein – etwa durch besondere Leistungen, die man intern gut vermitteln kann.
Solche Überlegungen sind nach meiner langjährigen Erfahrung gerade für intelligente Menschen und Hochbegabte oft ungewohnt und nicht selten unangenehm, da sie stark auf Inhalte fokussiert sind. Für die Machtspiele um sich herum haben sie meist weder einen Blick noch Verständnis.
Genau hier liegt jedoch ein großer Hebel für das berufliche Vorankommen: Zu lernen, dass Karriere eben nicht nur über Inhalte und kluges Denken entsteht, sondern über Strategie, kluge Verbindungen mit Schlüsselpersonen und das gezielte Anbieten von Informationen, eigenen Ideen und Beiträgen.
Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. In Österreich gilt laut § 15 des Psychotherapiegesetzes (PthG) die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle zu einer „Hybrid-Persona“. Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und in der Praxis so erlebt.
Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.
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