01.02.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 8 min

Partnerwahl: Mit welchen Problemen kannst Du leben?

Wenn zwei Menschen zueinander finden, sehen sie zunächst nur das Schöne aneinander – der Hormoncocktail im verliebten Gehirn macht`s möglich. Doch die Realität der Langzeitliebe sieht anders aus: Wenn wir uns für einen Menschen entscheiden, wählen wir damit immer auch ein ganz bestimmtes Bündel an Problemen.

01.02.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 8 min

Paar geht durch einen Wald
Paar geht durch einen Wald

Das Wichtigste in Kürze

  • Unlösbare Probleme sind normal: Laut Paarforschung birgt jede Langzeitbeziehung ein spezifisches Paket an unlösbaren Differenzen (ca. 70 %). Wer sich an einen Menschen bindet, entscheidet sich immer auch für dessen schwierige Seiten.

  • Realismus statt Projektion: Es ist wichtig, dass Menschen in einer neuen Liebe ehrlich miteinander sind und einander auch die weniger glanzvollen Seiten zeigen. Fragt Euch immer wieder: Liebe ich ein echtes Bild meines Gegenübers? Oder nur eine Wunschvorstellung?

  • Akzeptanz statt Veränderungswunsch: Die Kernfrage ist nicht, ob sich Deine Partnerperson ändern wird, sondern ob Du mit ihren Eigenarten auch in Jahrzehnten noch liebevoll umgehen kannst. Hoffnung auf Persönlichkeitsänderung führt meist zu Enttäuschung.

Inhaltsverzeichnis

Paarbeziehung: Immer eine bestimmtes Paket an Problemen

Wenn zwei Menschen zueinander finden, sehen sie zunächst nur das Wunderbare aneinander – der Hormoncocktail im verliebten Gehirn macht`s möglich.

Love is blind, heißt es. Dem möchte ich widersprechen: Verliebtheit ist blind, ja. Liebe hingegen verlangt zutiefst offene Augen. Mit welchen Problemen kannst Du leben – und lieben? Auf Jahre und Jahrzehnte?

Wenn der Zauber der anfänglichen Anziehung nachlässt, erwacht auch die Fähigkeit zum kritischen Denken aus ihrem Winterschlaf. Wir sehen nun auch die schwierigen Seiten an unserem Gegenüber: Seiten, die uns fremd sind, belasten, verletzen, ärgern oder einfach nerven.

Es ist, als würde sich eine Art goldener Nebel lichten: Das Anderssein des Anderen wird sichtbar. Und das bereitet vielen Menschen Schwierigkeiten. Der US-Paartherapeut Dan Wile brachte es pragmatisch auf den Punkt:

„Mit der Entscheidung für eine Langzeit-Partnerperson wählst Du unvermeidbar ein ganz bestimmtes Bündel an unlösbaren Problemen, mit denen Du für die Lebenszeit der Beziehung ringen wirst“ (1).

Mann und Frau in Ruine vor Wald

Jedes Paar hat unlösbare Themen!

Es ist normal, als Paar Probleme zu haben! Und es ist normal, dass ein guter Teil davon unlösbar ist.

Genau genommen widersetzen sich sogar knapp 70% aller Paarprobleme einer Lösung. Das hat der berühmte Paarforscher John Gottman herausgefunden. (2)

Unüberbrückbares muss aber nicht zur Trennung führen. Glückliche Paare haben einfach gelernt, damit umzugehen – im besten Fall mit Humor. Außer wenn unter den Unstimmigkeiten echte Dealbreaker sind. Mit zu vielen No-Gos im Gepäck kommen Paare nämlich nicht weit auf ihrer gemeinsamen Reise.

Darum ist es auch so wichtig, halbwegs zu wissen, worauf man sich einlässt mit einem Menschen. Und ehrlich zu sein in der frühen Phase der Beziehung. Mit welchen Problemen kannst Du leben?

Bevor Du Dich tief an jemanden bindest solltest Du Dich mit folgenden 3 Fragen beschäftigen:

#1 Kennst Du die Probleme, auf die Du in Deiner neuen Liebe zusteuerst?

Es ist leicht, jemanden in seinen Glanzmomenten zu lieben. Aber wie sieht es mit Deiner Liebesfähigkeit aus, wenn es schwierig wird? Denn das wird es, immer wieder mal – ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf.

Kennst Du die Schattenseiten Deiner Partnerperson? Weißt Du, wie sie reagiert, wenn sie unter starkem Stress steht? Bist Du über die schwierigen Themen aus ihrer Kindheit im Bilde, die in Streitmomenten hochkochen werden?

Frage Dich: Habe ich ein realistisches Bild von diesem Menschen – oder liebe ich eine Projektion, ein Wunschbild?

Paar eng aneinander in winterlichem Wald

#2 Kannst Du mit diesen Problemen leben – auf Dauer?

Mit dieser Frage geht es mehr um Dich als um Dein Gegenüber. Es dreht sich nicht darum, Deine Partnerperson zu bewerten oder gar abzuwerten. Denn ob Du mit dem Schwierigen am Anderen kannst, hat stark mit Deinen eigenen Mustern und Begrenzungen zu tun.

Passt das Paket an Reibungspunkten zu dem Leben, das Du Dir wünschst?

Ein Beispiel: Wenn Deine Partnerperson viel Rückzug braucht, Du selbst aber ein hohes Bedürfnis nach Nähe hast, wird das ein ewiges Thema bleiben.

Die Frage ist nicht: „Wird sie sich ändern?“, sondern: „Kann ich in 10, 20 oder 30 Jahren immer noch liebevoll damit umgehen, dass sie so viel Rückzug braucht?“

Menschen ändern sich nicht einfach so. Eine Veränderung persönlicher Muster ist ziemlich tricky. Mittlerweile belegt auch die Hirnforschung gut, warum das so ist (3).

Als Psychotherapeutin suche ich mit Klient*innen zunächst immer nach Lösungen im Außen- weil selbst kleine Änderungen im Inneren, in der Psyche, einen langen Weg bedeuten.

Gründe Deine Entscheidung niemals darauf, dass „das mit Deiner Partnerperson schon noch wird“. Nix wird werden! Der Mensch an Deiner Seite wird im Grunde der bleiben, der er ist – auch wenn Entwicklung und Lernschritte gut möglich sind.

Wer sein Gegenüber nicht so nehmen kann, wie es ist, hat die Enttäuschung bereits vorprogrammiert.

Lesbisches Paar Hand in Hand an einem Fluss

#3 Kennt Deine Partnerperson die Schwierigkeiten, die Du in Eure Beziehung einbringst?

Gibst Du ihr eine Chance, sie zu erkennen? Und wird sie damit auf Dauer zurechtkommen?

In der Kennenlernphase zeigen wir uns von unseren besten Seiten. Wir verstecken unsere Ängste, Macken und Eigenheiten. Doch damit nehmen wir dem Anderen die Möglichkeit, sich bewusst für uns zu entscheiden.

Hast Du Deiner Partnerperson gezeigt, wie kompliziert Du sein kannst? Eine Partnerschaft auf Augenhöhe setzt voraus, dass beide ihre Karten auf den Tisch legen.

Offene Karten bedeuten auch, über Verpflichtungen zu sprechen, von denen man sich nicht lösen möchte. Oft kommen diese aus der Ursprungsfamilie und können Partnerschaften stark beeinflussen.

In meiner Arbeit als Psychotherapeutin habe ich mehrmals von Klient*innen gehört, dass ihnen wichtige Dinge vor der Hochzeit verschwiegen wurden: Kein Wort über die Verpflichtung eines Mannes, neben seinem Brot-Job jedes Wochenende in der familieneigenen Landwirtschaft mitzuarbeiten. Schweigen im Walde über den Auftrag der Mutter am Sterbebett, dass sich eine Frau lebenslang um ihre jüngere, instabile Schwester kümmern solle. Oder dass eine Erbschaft an jahrelange, zeitaufwändige Gefälligkeiten gebunden ist.

Wenn Menschen erkennen, dass sie durch Unehrlichkeit zu einer wichtigen Entscheidung gedrängt wurden, führt das oft zu Beziehungskrisen. Verständlich, oder?

Paar auf Rädern im Wald

Relationship Check-up: Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Als Kind verbrachte ich viel Zeit mit meinem Großvater. Einmal meinte er zu mir: „Wenn dich ein Mann heiraten will, später, wenn du groß bist, dann werde ich ihn prüfen!“ Ich war damals tief beeindruckt von dieser Aussage – warum, kann ich gar nicht genau sagen.

Heute bemerke ich eine große Neugier in mir: Nur zu gerne wüsste ich, was mein Opa damit gemeint hat. Was hätte er getan? Wie hätte so eine Prüfung ausgesehen? Denn leider es kam nie dazu, Opa starb zu früh.

Immerhin blieb er mit meiner Großmutter zusammen, obwohl es schwer war. Krieg, Gefangenschaft, hungrige Winter. Später der Kampf für ein besseres Leben mit dem Wirtschaftsaufschwung. „Ein Versprechen bricht man nicht“, meinte er. Wie klar Glaube und Moral den Menschen damals den Weg wiesen!

Genaues Beobachten, ehrliche Gespräche und Selbstreflexion sind auch heute noch ratsam, bevor man sich bindet. Besonders dann, wenn es um entscheidende Schritte geht: Zusammenziehen, Kinder kriegen, finanzielle Entscheidungen, Heirat.

Liebe bedeutet, die Partnerperson auch in ihren unrühmlichen Momenten auszuhalten – das gilt für heute wie damals.

Lasst Euch Zeit mit dem Kennenlernen und großen Entscheidungen. Ihr gebt Euch dadurch Raum für ein echtes, ehrliches Zusammenwachsen.

Vermeidet, dass Ihr euch an ein Idealbild bindet, das kein Mensch dieser Welt einlösen kann.

Quellen:

(1) Wile, Dan/Kaufmann, Dorothy. (2021) Solving the moment: A Collaborative Couple Therapy Manual. Independently published. Seite 19 (Übersetzung S. Rieder)

(2) Gottman, John/Silver, Nan (2022, 10. Auflage): Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, Berlin: Ullstein.

(3) Vgl. zum Beispiel: Roth, Gerhard (2019): Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Stuttgart: Klett-Cotta.

Fotocredits – Beitragsbild: Sebastian Pichler for unsplash. Artikelbilder: Arfan Adytiya, Devon Divine, Hrat Khachatryan, Getty Images for unsplash.

* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich, §15 PthG – Psychotherapiegesetz). In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.

Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach - seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei privaten und beruflichen Themen - empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig - auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Die Motivation für diesen Blog? Mein Wissen über Beziehungen, Liebesfähigkeit und Verletzung möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen.

Weil Liebe das ist, woraus wir gemacht und wofür wir hier sind.

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