01.01.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 29 min

Emotionale Gewalt in Beziehungen erkennen: 16 hilfreiche Fragen

Du fühlst Dich in Deiner Beziehung schlecht behandelt, abgewertet und gefangen, erlebst aber keine körperliche Gewalt? Dann bist Du hier genau richtig.

01.01.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 29 min

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Das Wichtigste in Kürze

  • Psychische Gewalt ist meist unsichtbar, wirkt aber effektiv.
  • Studien belegen, dass psychischer Missbrauch gleichwertige gesundheitliche Folgen hat wir körperliche Gewalt – zB Depression, Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS).
  • In missbräuchlichen Beziehungen gibt eine Klare Täter-Opfer-Dynamik anstatt „Beziehungsprobleme“.
  • Solche Beziehungen bessern sich nicht – die einzige Möglichkeit ist die Trennung.

Inhaltsverzeichnis

Emotionale Gewalt und Manipulation erkennen

Du fühlst Dich in Deiner Beziehung schlecht behandelt, abgewertet oder gefangen, erlebst aber keine körperliche Gewalt? Dann bist Du hier genau richtig.

Die gute Nachricht vorab: Du musst nicht wissen, ob Eure Beziehung „toxisch“, Deine Partnerperson „narzisstisch“ oder gar „psychopathisch“ veranlagt ist.

Stelle Dir lieber diese eine entscheidende Frage: Fällt das, was ich in meiner Beziehung erlebe, unter emotionale Gewalt?

Das Wichtigste ist es, emotionale Gewalt und Manipulation zu erkennen.

Dafür musst Du erkennen, was Dein Gegenüber tut – und was es mit Dir macht. Du musst seine Handlungen und Worte durchschauen.

Nachdem das gar nicht so einfach ist, beschreibe ich In diesem Artikel die Merkmale von psychischer Gewalt, auch emotionaler Missbrauch genannt. Du wirst über mögliche Gefahren und Folgen für Dich lesen, wenn Du zu lange in einer solchen missbräuchlichen Beziehung verharrst.

Und Du bekommst 16 detaillierte Fragen an die Hand, die Dir helfen zu verstehen, was in Deiner Beziehung wirklich abgeht.

Die Täter-Opfer-Dynamik – Kennzeichen missbräuchlicher Paarbeziehungen

Missbräuchliche Beziehungen – man kann sie auch „hochtoxisch“ nennen – sind keine „normalen“ Verbindungen, in denen Schwierigkeiten mit beiden Beteiligten zu tun haben und jede*r dafür Verantwortung tragen sollte.

Nein, in missbräuchlichen Beziehungen gibt es ganz klar eine Täterperson und ein Opfer.

Täterpersonen (meist männlich, können aber auch weiblich sein) haben dabei eine ganz bestimmte Absicht, eine innere Agenda: Sie wollen das Opfer durch verschiedene Formen von Gewalt wie Verunsicherung, Manipulation, Abwertungen oder Drohungen unter ihre Kontrolle zu bringen.

Ihre Absicht ist es, das Opfer innerlich zu brechen und gefügig zu machen. Wenn so eine Situation lange genug währt, kann sie beim Opfer bis zum Verlust der eigenen Identität führen.

Längst nicht alle Täterpersonen wenden dabei körperliche Gewalt an.

Das ist oft auch gar nicht nötig: Subtile Formen von emotionaler Gewalt sind hocheffektiv. Und reichen meist völlig aus, um das Ziel der totalen Kontrolle zu erreichen.

Wichtig: Psychotherapie und professionelle Beratung können helfen, emotionale Gewalt und Manipulation zu erkennen – und wieder klarer zu sehen!

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In anderen Fällen ist körperliche Gewalt im Spiel – und die kann bis zum Mord gehen. Darüber lesen wir dann in der Zeitung und wundern uns: Wie konnte das nur passieren?

Nun, es hat sich abgezeichnet – nur: niemand hat`s gesehen.

Schwere Gewalt geschieht nur selten aus dem Stehgreif. Meist gehen ihr subtilere Gewaltformen voraus, die aber oft unerkannt bleiben.

Bin ich in einer missbräuchlichen Beziehung?

Du fragst Dich, ob Du in einer missbräuchlichen, gefährlichen, schädlichen Beziehung steckst?

Leider, niemand kann das aus der Ferne mit Sicherheit beurteilen. Meine Infos ersetzen also keine professionelle Beratung (therapeutisch, rechtlich, finanzbezogen, ev. auch medizinisch).

Sie geben aber Hinweise, die Dir eine eigene Einschätzung Deiner Lage erleichtern können.

Es ist unglaublich wichtig, emotionale Gewalt und Manipulation schon zu Beginn der Beziehung zu erkennen – um sich rechtzeitig zu schützen.

Je früher Du die Gefahr erkennst, umso einfacher kannst Du Dich befreien.

Gehe folgende 16 Fragen in Ruhe durch – und bleibe bei der Beantwortung möglichst ehrlich.

Mach Dir nichts vor. Wunschdenken („Er hat aber gesagt, dass er sich ändern wird“) schadet Dir.

Und Wisse: Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit! Das Waffenarsenal, um einen anderen Menschen unter Kontrolle zu kriegen, ist unendlich. Vor allem im Bereich der subtilen Manipulation, für die es höhere Intelligenz braucht, höre ich in meiner Praxis immer wieder neue Varianten.

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Psychische Gewalt: 16 entscheidende Fragen

#1 Love Bombing

Überhäuft Deine Partnerperson Dich mit Komplimenten, Aufmerksamkeit, Einladungen oder Geschenken? Idealisiert sie dich? Bezeichnet sie Dich innerhalb kürzester Zeit als Seelenpartner*in und Eure Begegnung als glückliche Fügung des Schicksals?

Gibt sie an, sich von Dir verstanden zu fühlen wie bisher noch nie im Leben?

Spüre nach bei Dir: Fühlt sich das nur gut an? Oder hat das nicht etwas Befremdliches an sich? Oder bist Du innerlich zumindest zweigeteilt – einerseits freust Du Dich darüber, andererseits bemerkst Du ein subtiles Unwohlsein, das Du nicht so recht benennen kannst?

Wenn Du es anspricht, reagiert Dein Gegenüber abwehrend oder ungehalten? Nimmt es Dich nicht ernst? Bekommst Du vielleicht sogar Vorwürfe zu hören à la: „Ich will Dir eine Freude machen – und Du reagierts so darauf?“ Oder die Antwort ist liebeswürdig-einlullend: „Genieße doch einfach“. So ist Widerstand schwierig.

Achtung: Die „Bombardierung mit Liebesbeweisen“ kann sehr unterschwellig ablaufen (ohne Geschenke und äußerliches Trara) und lässt sich von Zeichen normaler Verliebtheit nicht leicht unterscheiden.

Da hilft nur eins: Augen und Ohren offen halten, die Beziehung langsam angehen und das eigene Bauchgefühl unbedingt ernst nehmen!

Psychotherapie und professionelle Beratung können helfen, emotionale Gewalt und Manipulation zu erkennen – und wieder klarer zu sehen!

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#2 Isolation

Versucht Deine Partnerperson, Dich von Freund*innen und Familie zu distanzieren, zu isolieren? Hält sie Dich von Deinen Netzwerken und anderen Sozialkontakten fern?

Macht sie Deine Familie schlecht, spricht sie abwertend über Deine Freund*innen oder Arbeitskolleg*innen? Redet sie Dir Treffen mit ihnen aus?

Oder versucht sie es über Manipulation („Ich wünsche mir einfach ganz viel Zeit mit Dir alleine – daran kannst Du meine Liebe erkennen“)?

Oder instrumentiert sie Dein Netzwerk für sich selbst, schiebt sich charmant in den Mittelpunkt – und Dich ins Abseits? Auch dadurch isoliert sie Dich – und stärkt ihre eigene Macht.

Ein geblendete Freunde und Familie machen es Dir schwer, Unterstützung zu bekommen.

#3 Beschimpfung, Beleidigung, Erniedrigung

Beleidigt Dich Deine Partnerperson, wertet sie Dich ab, beschimpft sie Dich oder macht Dich klein? Erniedrigt sie Dich?

Oder macht sie sich über Dich lustig, zu Hause – oder in Gesellschaft? Stellt sie Dich vor anderen bloß? Macht sie abwertende Bemerkungen über Dein Äußeres, Deine Interessen, Stärken oder Erfolge?

Wertet sie Dich auf sexuellem Gebiet ab, bezeichnet sie Dich als unattraktiv, uninteressant oder nicht begehrenswert?

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#4 Wutausbrüche, Kränkbarkeit und Einschüchterung

Neigt Deine Partnerperson zu impulsiven Wutausbrüchen oder Stimmungen, die Dir Angst machen?

Ist sie leicht kränkbar und nachtragend? Reagiert sie gerne heftig darauf – oder mit eisigem Schweigen (sogenannte „Schweigebehandlung“ – übersetzt aus dem englischen „silent treatment„)? Vielleicht sogar, ohne dass Du genau weißt, warum?

Setzt sie einschüchternde Methoden ein wie Anbrüllen oder Drohgebärden? Wirft sie mit Gegenständen herum, schlägt sie mit ihren Händen oder Kopf gegen eine Wand, Türe oder Ähnliches?

#5 Gaslighting

Bestreitet Deine Partnerperson Deine Wahrnehmung, Deine Gedanken oder Gefühle (sogenanntes Gaslighting)? Typische Aussage lauten zum Beispiel: „Das bildest Du Dir ein“, „So war das nicht“ oder „Du siehst das alles falsch“.

Führt das dazu, dass Du an Dir selbst zweifelst, an dem, was Du wahrnimmst, denkst oder fühlst? Fühlst Du Dich dadurch verunsichert oder verwirrt?

Man kann hier auch von „Crazymaking“ sprechen – tatsächlich kann Dich fortgesetztes Gaslighting in einen Zustand bringen, in dem Du an Deiner psychischen Gesundheit zweifelst.

Psychotherapie und professionelle Beratung können helfen, emotionale Gewalt und Manipulation zu erkennen – und wieder klarer zu sehen!

#6 Täuschen, Leugnen und Lügen

Neigt Deine Partnerperson zum Verschweigen von wichtigen Tatsachen, zu Lügen und Täuschung? Zeigt sie keine spürbare Reue, wenn Du sie darauf ansprichst? Oder schiebt sie Dir Verantwortung und schlechtes Gewissen zu („Immer spionierst Du mir nach“)?

Leugnet Deine Partnerperson Dinge, die sich zugetragen haben, oder vergisst sie „zufällig“ auf Abmachungen, Termine oä.? Oder auf Dinge, die Dir wichtig sind?

#7 Extreme, grundlose Eifersucht

Ist Deine Partnerperson sehr eifersüchtig? Beschuldigt sie Dich wiederholt und grundlos, dass Du anderen schöne Augen machst, flirtest oder fremdgehst?

Ist sie vielleicht sogar auf Arbeitskolleg*innen oder ehemalige Partner*innen von Dir eifersüchtig?

Besteht sie darauf, Deine Passwörter für Handy, PC, Apps und Social Media zu erhalten, damit sie Dein Verhalten dort kontrollieren kann – weil sie Dir nicht traut?

#8 Ungewünschte Berührung, körperliche und sexualisierte Gewalt

Kommt es gegen Deinen Willen zu Berührungen? Kommt es zu körperlicher Gewalt? Achtung: Hierzu zählen auch Formen, die für manche Menschen gar nicht als Gewalt erkennbar sind, wie Schubsen, Rempeln, Stoßen, Festhalten, Drücken und so weiter? Bedenke: Jede Form der nicht gewollten körperlichen Berührung ist Gewalt.

Besonders sexualisierte Gewalt verschleiern Täter oft durch Manipulation oder Normalisierung.

Wisse: Es ist NICHT normal, dass Du mit negativen Konsequenzen rechnen musst, wenn Du keinen Sex willst, oder nicht auf die Art, die von Dir verlangt wird.

#9 Drohungen

Täterpersonen setzten Drohungen zu Beginn meist gar nicht ein. Erst später kann das Ganze auf sehr subtile, unterschwellige Form beginnen („Dass ich ohne Dich keinen Sinn im Leben sehe, wenn Du gehen würdest – das war doch nur ein Scherz„).

Beobachte genau. Du wirst feststellen, dass fast alle „Wenn Du … dann ich …“ Sätze Drohungen sind. Manche von ihnen sind einfacher als solche zu entlarven, andere schwieriger.

Das sind zu Beginn selten „gefährliche Drohungen“ im Sinne des Strafgesetzbuches, dafür aber klare Kontrollinstrumente, die Dir Deinen Platz in der Beziehung klar machen sollen.

Später können Drohungen schlimme Ausmaße annehmen: Droht Deine Partnerperson damit, sich selbst, Dir, Euren Kindern oder anderen nahen Personen „etwas anzutun“? Damit Du das tust, was sie will? Oder damit Du in der Beziehung zu bleibst?

Fügt sie sich in Deiner Anwesenheit Schmerzen zu – zB indem sie gegen eine Wand schlägt, sich schneidet oder Ähnliches?

Oder fädelt sie es indirekt ein und spricht von anderen Personen, die nach dem Verlassenwerden depressiv, krank oder suizidal wurden – in Anspielung darauf, womit Du rechnen musst, wenn Du es wagen solltest, die Beziehung zu verlassen?

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#10 Kontrolle über wesentliche Lebensbereiche

Kontrolliert Deine Partnerperson, wo Du hingehst, wen Du triffst, was Du anziehst oder was Du isst? Kontrolliert sie Dein Styling, Deinen Geschmack, Deine Hobbys oder berufliche Entscheidungen?

Drängt sie auf ein Zusammenziehen, einen Ortswechsel oder eine Heirat – bereits nach wenigen Wochen oder Monaten?

Kontrolliert sie Dein Verhalten online oder auf Social Media? Verlangt sie nach Passwörtern zu Deinen Social Media Accounts?

Drängst sie Dich direkt oder indirekt dazu, beruflich kürzer zu treten, Dein Studium oder Deine Ausbildung aufzugeben? Rät sie Dir davon ab, wieder ins Berufsleben einzusteigen?

Möchte sie, dass Du die Art Deiner Berufstätigkeit änderst, einschränkst oder wechselst? Will sie, dass Du private Kontakte mit Berufskolleg*innen einschränkst oder aufgibst – auch wenn es sich nur um eine gemütliche After-Work-Runde dreht?

Kontrolliert sie Dein Schlafverhalten? Weckt sie Dich mitten in der Nacht oder nimmt sie wenig Rücksicht auf Dein Bedürfnis nach Erholung?

Wichtig: Psychotherapie und professionelle Beratung können helfen, emotionale Gewalt und Manipulation zu erkennen – und wieder klarer zu sehen!

Ein Beispiel aus meiner therapeutischen Praxis:

Für den Partner meiner Klientin Michaela*, ist es wichtig, dass „Probleme immer sofort besprochen werden„, wie er meint. Zu diesem Zweck zwingt er Michaela regelmäßig nach dem Ausgehen dazu, bis in die Morgenstunden hinein alles zu bequatschen, was zwischen den beiden nicht optimal läuft. Und das ist doch Einiges.

Nachdem Conrad* gerne und viel trinkt, behält auch Michaela ihren Alkoholkonsum beim Ausgehen nicht gut im Auge. Wenn es zu den nächtlichen Gesprächen kommt, ist sie schon gar nicht mehr dazu fähig.

Sie wird von Woche zu Woche geräderter und kann sonntags nichts mehr unternehmen, weil sie sich für den Jobstart am Montag erholen muss. Das wirft Conrad ihr regelmäßig vor („mit dir ist nichts anzufangen„).

Beim genauen Hinsehen in der Therapie zeigt sich:

Hier geht es nicht um einen Wunsch nach Klärung, sondern um Verunsicherung. Die Gespräche in tiefer Nacht führen regelmäßig zu Punkten, die Michaela nach Conrads Meinung einfach falsch macht. Tief verunsichert kann meine Klientin danach gar nicht mehr richtig ruhen, während ihr Partner in Tiefschlaf fällt – nachdem er ihr seine Meinung kundgetan hat.

Wenn Michaela Conrad auf diese schwierigen Nächte anspricht und um bessere Zeiten für die Auseinandersetzungen bittet, reagiert er unwirsch. Er könne nicht schlafen, wenn Dinge nicht geklärt seien.

Als Michaela die Beziehung aus einer Vielzahl von Gründen schließlich beendet, läutet Conrad in der Nacht darauf um 3 Uhr Früh Sturm bei ihr (das Paar lebte noch getrennt). Er müsse mit ihr reden, jetzt und sofort. Michaela lässt ihn in herein, obwohl sie erschrocken und verwirrt ist.

Es folgen wüste Beschimpfungen und Beleidigungen unter der Gürtellinie. Das erste Mal ist Michaela nicht nur verunsichert („vielleicht bin doch ich das Problem“), sondern hat richtige Angst vor ihrem Ex-Partner. Schließlich gelingt es ihr, Conrad vor die Türe zu setzen.

Die Trennung war der richtige Schritt – das ist ihr nach diesem Vorfall noch klarer.

Dennoch braucht es eine ganze Weile, bis Michaela innerlich wieder zu sich selbst findet. Ich begleite und bestärke sie auf ihrem Weg der Heilung nach dieser schädlichen und manipulativen Beziehung.

Dabei geht es vor allem darum, dass Michaela wieder Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung bekommt – und ihrem Bauchgefühl vertraut.

#11 Kontrolle über Geld und Finanzen

Kontrolliert Deine Partnerperson Deine Finanzen? Bestimmt sie über Deinen Umgang mit Geld (eigenem oder gemeinsamen)? Hat sie Zugang zu Deinem Konto?

Drängt sie Dich zu einem gemeinsamen Konto, gemeinsamer Kasse? Verlangt sie Ausgaben, die Du Dir nicht leisten kannst (wie zB teure Urlaube, Abendessen, Kleidung oder andere Konsumgüter)?

Oder will sie alles für Dich bezahlen und akzeptiert kein Nein? Fühlst Du Dich dadurch immer mehr in der Schuld Deines Gegenübers?

Trifft sie große finanzielle Entscheidungen, ohne Dich einzubeziehen?

Ist sie der Meinung, dass das Geld, das sie verdient, ausschließlich ihr gehört – obwohl Du Deinen Beitrag durch Haushaltsführung und Kindererziehung leistest?

#12 Sabotage

Versucht Deine Partnerperson, berufliche Erfolge von Dir oder wichtige Ereignisse zu verhindern, zu sabotieren?

Verlangt sie etwa besondere Aufmerksamkeit kurz vor wichtigen beruflichen Terminen von Dir, vor Prüfungen oder entscheidenden Gesprächen?

Stört sie Dich oder lärmt sie genau dann, wenn Du Dich vorbereiten oder konzentrieren müsstest?

#13 Ständig auf der Hut

Bist Du ständig auf der Hut? Hast Du laufend Angst, Deine Partnerperson zu provozieren, Eifersucht oder Wut bei ihr auszulösen?

Im Englischen gibt es dafür den treffenden Ausdruck „walking on eggshells“. Also: Läufst Du zuhause wie „auf Eierschalen“ herum?

Ganz vorsichtig, um nichts weiter zu zerbrechen? Um keinen Lärm zu machen – aus Angst vor dem, was dann folgen könnnte?

Wer immer auf der Hut sein muss, lebt bald nur noch indirekt und defensiv. Wer sein gesamtes Leben immer mehr auf das Gegenüber ausrichtet, dem bleibt irgendwann kaum noch etwas übrig davon.

Genau das ist das Ziel der Täterperson: totale Kontrolle durch die Vernichtung jeglichen Freiraums des Opfers.

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#15 Zuschieben von Verantwortung und Schuldumkehr

Macht Dich Deine Partnerperson grundsätzlich für die Schwierigkeiten in Eurer Beziehung verantwortlich? Sieht sie bei sich selbst keinerlei Anteil daran?

Bekommst Du oft zu hören, dass Du schuld bist – an was auch immer? Wälzt sie ihre eigene Verantwortung an Dingen auf Dich ab (Schuldumkehr)?

Gibt sie Dir zu verstehen, dass Du bestimmte Standards zu erfüllen hast? Und wenn Du das nicht schaffst, eine Enttäuschung bist?

#16 Freude am Leid

Hast Du den Eindruck, dass Deine Partnerperson eine gewisse Befriedigung daraus zieht, wenn es Dir schlecht geht, Du verwirrt, verunsichert oder verängstigt bist?

Oder sich sogar daran erfreut?

Inhaltliche Basis: Diesen Fragenkatalog habe ich auf Grundlage meiner Erfahrung als Psychotherapeutin und Fachliteratur zum Thema entwickelt („Emotional Abuse Questionnaire“ von Jacobson & Gottman sowie weitere Quellen, s. Artikelende). Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Emotionale Gewalt hat viele Gesichter: Die Gewichtung der 16 Fragen

Es ist überhaupt nicht notwendig, dass Du jede der 16 Fragen mit einem „Ja“ beantwortest. Das wird sogar selten der Fall sein, denn jede Täterperson agiert auf ihre eigene, spezielle Art. Damit kreiert sie ein einzigartiges Muster an Manipulation und Kontrolle – maßgeschneidert auf Dich und Deine wunden Punkte.

Manche der Fragen zielen aber auf so Wesentliches ab, dass die Antwort allein darauf schon sehr viel aussagt.

  • Wenn Dich Deine Partnerperson zB in weiten Bereichen Deines Lebens kontrolliert und isoliert, ist das ein klarer Hinweis für eine missbräuchliche, destruktive Beziehung.

  • Ebenso, wenn sie Dich bedroht, Dich regelmäßig anbrüllt und beleidigt.

  • Körperliche oder sexuelle Gewalt sprechen für sich – und sie beinhalten automatisch auch emotionale Gewalt.

  • Je mehr Ja-Antworten Du findest, desto stabiler wird das Bild. Es bekommt immer mehr Pixel-Stärke – und fördert hoffentlich auch Deine Klarheit.

Achtung: Auch Love Bombing geschieht nicht immer. Dennoch kann sich die beginnende Beziehung als gefährlich herausstellen.

Psychotherapie und professionelle Beratung können helfen, emotionale Gewalt und Manipulation zu erkennen – und wieder klarer zu sehen!

Kontrolle ohne körperliche Gewalt: Psychische Gewalt und Coercive Control

Wir wissen schon lange aus Studien, dass emotionale Gewalt ähnlich schädliche Auswirkungen wie körperlicher Missbrauch haben kann (1). Sie schadet Opfern massiv.

Es gibt viele verdeckte Formen von Gewalt, die oft als solche nicht leicht erkennbar sind. Hier besteht großer Nachholbedarf, was gesellschaftliches Wissen anbelangt.

Der Forscher und forensische Sozialarbeiter Evan Stark, Experte auf dem Gebiet der häuslichen Gewalt, schrieb 2007 das Standardwerk zu psychischer Unterdrückung und Zwangskontrolle „Coercive Control: How Men Entrap Women in Personal Life“ (2) .

Stark argumentierte, dass körperliche Gewalt nur eine Taktik in einem breiteren Muster von Einschüchterung, Isolation und Kontrolle ist. Dieses Standardwerk beeinflusste die Gesetzgebung gegen Gewalt in verschiedenen Ländern.

In England, Schottland und Wales gilt Zwangskontrolle („Coercive Control“) mittlerweile als Straftatbestand, ohne dass körperliche Gewalt nachgewiesen werden muss.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO 2021) haben weltweit 30 % der Frauen zwischen 2000 und 2018 körperliche Gewalt durch einen Partner bzw. Partnerin erlebt. In Europa berichten 20 % der Frauen von physischer und 8,4 % von sexueller Gewalt, während 48,5 % psychische Gewalt erfahren haben (8).

Psychische Gewalt ist somit die häufigste Form der Intimpartnergewalt in Europa (9).

Psychische und körperliche Gewalt haben vergleichbare Folgen

Lange Zeit wurde psychischer Missbrauch als „weniger schlimm“ eingestuft im Vergleich zu körperlicher Gewalt. Zentrale Studien widerlegen dies:

  • Die Psychologin Maria Pico-Alfonso verglich in einer oft zitierten Studie Frauen, die ausschließlich psychischen Missbrauch erlebten, mit Frauen, die physische Gewalt erfuhren (3).

    Das Ergebnis: Frauen, die „nur“ psychisch misshandelt wurden, zeigten identisch hohe Raten an Depressionen und Angststörungen wie physisch misshandelte Frauen. Psychischer Missbrauch war sogar ein stärkerer Prädiktor für die Entwicklung einer Depression.

  • Der Psychiater und Traumaforscher Metin Basoglu konnte empirisch nachweisen, dass „nicht-physische“ Misshandlungsmethoden (wie Isolation, Erniedrigung oder die Erzeugung von massiver Angst) bei den Betroffenen zu ebenso hohen oder sogar höheren Raten an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) führten wie physische Folter. Dies stützt die These, dass die psychische Komponente der Gewalt der entscheidende Faktor für die langfristige psychische Erkrankung ist (4).

    Obwohl diese Studie im Kontext von Folter und Misshandlung durchgeführt wurde, ist sie für die Forschung zu emotionalem Missbrauch in Paarbeziehungen fundamental geworden.

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Emotionaler Missbrauch kann zu komplexen Traumafolgen führen

Emotionaler Missbrauch führt oft nicht nur zu einer einfachen Angststörung, sondern zu komplexen Traumafolgen.

  • Eine Studie der britischen Psychiaterin und Expertin für Frauen-Mentalgesundheit Luise Howard belegt, dass psychische Gewalt in Partnerschaften ein Hauptgrund für die Entstehung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Frauen ist (5).

  • In einer Übersichtsarbeit zeigte die britische Gesundheitsforscherin Georgina Dillon auf, dass psychischer Missbrauch oft die Basis für eine „komplexe PTBS“ bildet, da die Betroffenen in der Beziehung gefangen sind und das Trauma wiederholt und unvorhersehbar eintritt (6).

Forscher*innen stellen sich die Frage, warum emotionaler Missbrauch oft sogar schwerer wiegt als körperlicher. Die renommierte US-Psychologin und Forensikerin Diane Follingstad etwa argumentiert mit zwei Gründen (7):

  • Er ist unsichtbar: Es gibt keine blauen Flecken, was die soziale Anerkennung des Leids und die Suche nach Hilfe erschwert.

  • Er greift die Identität an: Während physische Gewalt oft als „Ereignis“ wahrgenommen wird, untergräbt emotionaler Missbrauch das „Ich“-Gefühl der Person.

    Psychotherapie und professionelle Beratung können helfen, emotionale Gewalt und Manipulation zu erkennen – und wieder klarer zu sehen!

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Wichtig: Missbräuchliche Beziehungen werden nicht besser!

Es ist wichtig zu wissen, dass Beziehungen mit einer klaren Täter-Opfer-Dynamik nicht heilen können. Das führt zu entscheidenden Konsequenzen, über die Du Dir im Klaren sein solltest:

  • Ein Warten und Hoffen darauf, dass sich die Täterperson ändert oder gar „heilt“, ist eine gefährliche Form der Zeitverschwendung.

  • Täterpersonen blicken oft auf eine schwierige Kindheit zurück. Dennoch können sie nicht „gesund geliebt“ oder einfach durch einen Liebesbeziehung „heil“ werden.

  • Ebenso wenig ist eine rasche Heilung durch eine Psychotherapie der Täterperson realistisch. In den allermeisten Fällen verwenden Täterpersonen eine Therapie als Feigenblatt und „Als-ob-Maßnahme“.

    Durch einen solchen Schritt („ich gehe in Therapie und will mich bessern“) kann sie mitunter ihr Opfer noch besser manipulieren als vorher.

  • Paartherapie ist in solchen Fällen kontraindiziert und oft sogar gefährlich (11). Ich rate dezidiert davon ab, da sie von der Täterperson in aller Regel gegen das Opfer instrumentalisiert wird.me“.

  • Ebenso richten sich die allermeisten Beziehungsratgeber nicht an Menschen in missbräuchlichen Situationen. Tipps, die sich an Paare ohne Täter-Opfer-Dynamik richten, sind nicht anwendbar und können gefährlich sein: Sie verstärken das Machtungleichgewicht zwischen Täterperson und Opfer.

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Der Weg zurück zu Freiheit und Würde

Schon viele Menschen haben durch eine Trennung aus einer missbräuchlichen Paarbeziehung ihre Freiheit wiedergefunden. Diese schmeckt leicht und lebendig, bringt aber auch zusätzliche Verantwortung, neue Sorgen und finanziellen Druck. Wenn Kinder da sind, ist das praktisch die Regel.

Auch die Psyche braucht meist eine ganze Weile, bis sie heilt. Hier ist professionelle Hilfe in vielen Fällen notwendig.

Der Weg aus einer gewaltvollen Beziehung ist anstrengend und herausfordernd. Er erfordert viel Mut und Unterstützung.

Was man dadurch wiedergewinnt, ist allerdings nichts Geringes: Die eigene Würde zum Beispiel. Ein Selbstwertgefühl, das langsam wieder erstarkt. Erholung für Geist und Körper.

Und die Möglichkeit, das eigene Leben wieder aktiv zu gestalten.

Weiterführende Infos zum Thema & Notrufnummern

Einen kurzen Aufklärungsfilm über Zwangskontrolle („coercive control„) in englischer Sprache findest Du hier.

Wenn Du mehr über das Thema Zwangskontrolle wissen möchtest, empfehle ich Dir folgende Dokumentation auf ARTE TV, bei der Gerichtsverfahren gegen Täter in Frankreich filmisch begleitet wurden. Achtung, die porträtierten Fälle sind schwer und teilweise schockierend. Psychische Gewalt ist oft viel unauffälliger – dabei aber psychologisch hochwirksam.

Frauen-Helpline Österreich 24/7 anonym & kostenlos 0800 222 555

24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien: 01 71 71 9

Gewaltschutzzentren in ganz Österreich: 0800/700 217

Verein Frauen beraten Frauen – frauenspezifische Beratung telefonisch und online

Bei akuter Gefahr Polizei: 133

Verwendete Literatur und Studien

(1) Hart, S. N., Binggeli, N. J., & Brassard, M. R. (1997). Evidence for the effects of psychological maltreatment. Journal of Emotional Abuse, 1(1). https://doi.org/10.1300/J135v01n01_03

Coker, A. L., Davis, K. E., Arias, I., Desai, S., Sanderson, M., Brandt, H. M., & Smith, P. H. (2002). Physical and mental health effects of intimate partner violence for men and women. American Journal of Preventive Medicine, 23(4). https://doi.org/10.1016/S0749-3797(02)00514-7

Lammers, M., Ritchie, J., & Robertson, N. (2005). Women’s Experience of Emotional Abuse in Intimate Relationships: A Qualitative Study. Journal of Emotional Abuse, 5(1), 29–64. https://doi.org/10.1300/J135v05n01_02

(2) Stark, E. (2007). Coercive Control: How Men Entrap Women in Personal Life. Oxford University Press.

(3) Pico-Alfonso, M. A., Garcia-Linares, M. I., Celda-Navarro, N., Blasco-Ros, C., Martinez, M., & Shooshtari, S. (2006). The combined profile of violence, PTSD, and depression in women with a history of intimate partner violence. Journal of Traumatic Stress: Official Publication of The International Society for Traumatic Stress Studies, 19(5), 673–685. https://doi.org/10.1002/jts.20152

(4) Basoglu, M., Livanou, M., & Crnobarić, C. (2007). Torture vs other cruel, inhuman, and degrading treatment: Is the distinction real or apparent? Archives of General Psychiatry, 64(3), 277–285. https://doi.org/10.1001/archpsyc.64.3.277

(5) Howard, L. M., Trevillion, K., & Agnew-Davies, R. (2010). Domestic violence and mental health. International Review of Psychiatry, 22(5), 525–534. https://doi.org/10.3109/09540261.2010.512283

(6) Dillon, G., Hussain, R., Loxton, D., & Rahman, S. (2013). Mental and physical health and intimate partner violence against women: A review of the literature. International Journal of Family Medicine, 2013, Article ID 313909. https://doi.org/10.1155/2013/313909

(7) Follingstad, D. R. (2009). The importance of defining emotional abuse: A theoretical and empirical review. Clinical Psychology Review, 29(2), 98–109. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2008.11.001

(8) World Health Organization. (2021, March 9). Violence Against Women Prevalence Estimates. https://www.who.int/publications/i/item/9789240022256

(9) Barbier, A., Chariot, P., & Lefèvre, T. (2022). Intimate partner violence against ever-partnered women in Europe: Prevalence and associated factors—Results from the violence against women EU-wide survey. Frontiers in Public Health, 10. https://doi.org/10.3389/fpubh.2022.1033465

(10) Kapella, O., Baierl, A., Rille-Pfeiffer, C., Geserick, C., Schmidt, E.-M., & Schröttle, M. (2011). Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld: Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern. Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien.https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2022.1033465/full

(11) Jacobson, N. S., & Gottman, J. M. (1998). When men batter women: New insights into ending abusive relationships. Simon & Schuster.

Fotocredits: Beitragsbild – Matt Bango for unsplash, Porträtbild Sonja Rieder: Martin Jordan photography

Artikelbilder: Elena Helade, Andrej Lisakov, Daniel Eludet, Robert Klank, Joyce Kelly, Sydney Latham, Andrew Ling, Nathan Anderson, James Wainscoat for unsplash

* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich gem. §15 PthG (Psychotherapiegesetz). In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.

Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach - seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei privaten und beruflichen Themen - empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig - auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Die Motivation für diesen Blog? Mein Wissen über Beziehungen, Liebesfähigkeit und Verletzung möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen.

Weil Liebe das ist, woraus wir gemacht und wofür wir hier sind.

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