11.01.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 11 min
3 Kontrollstile in toxischen Beziehungen
Gewalt in intimen Beziehungen hat viele Gesichter – und ganz oft ist sie nicht körperlich. Deshalb wird sie oft auch nicht erkannt. Täterpersonen haben oft auch nette, sympathische Seiten. Das ändert aber nichts daran, dass ihr missbräuchliches Verhalten ihrer Partnerperson zutiefst schadet.
11.01.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 11 min


Inhaltsverzeichnis
- Psychische Kontrolle ist oft unsichtbar – informiere Dich!
- 3 grundlegende Kontrollstile in toxischen Beziehungen
- 1. Dominante Kontrolle („Dominant Control“)
- 2. Passive Kontrolle („Passive Control“)
- Meine therapeutische Erfahrung mit passiver Kontrolle in Beziehungen
- 3. Manipulative Kontrolle („Manipulative Control“)
- Meine therapeutische Erfahrung mit manipulativer Kontrolle in Beziehungen
- Kontrollstile frei kombiniert: Das individuelle Kontrollmuster
- Weitere Blog-Beiträge
Psychische Kontrolle ist oft unsichtbar – informiere Dich!
Gewalt in intimen Beziehungen hat viele Gesichter – ganz oft ist sie nicht körperlich. Diese indirekte Form des Missbrauchs wird meist nicht erkannt. Dabei gibt es 3 grundlegende Kontrollstile in toxischen Beziehungen, über die jeder Mensch Bescheid wissen sollte.
Vielleicht bist auch Du betroffen – denkst aber, dass Deine Partnerperson im Grunde ein lieber und guter Mensch ist. Nur hat sie halt eine schwierige Seite.
Das mag sein. Vielleicht fehlen Dir aber, wie so vielen, solide Informationen über emotionalen Missbrauch, über psychische Gewalt. Dadurch kannst Du nicht erkennen, was eigentlich passiert. Dir bleibt vielleicht nur ein merkwürdiges Unwohlsein, das Du schon automatisch beiseite schiebst.
Meine Einladung an Dich: Lies weiter. Denn wirklich jede und jeder sollte über die 3 grundlegenden Kontrollstile in toxischen Beziehungen Bescheid wissen. Das sollte Allgemeinbildung sein.
Und sei es nur, um Freund*innen oder andere Betroffene unterstützen zu können, die mit dem Thema zu tun haben. Oder auch, um einen eigenen Hang zu psychischer Gewalt zu erkennen.

3 grundlegende Kontrollstile in toxischen Beziehungen
In diesem Artikel beschreibe ich drei Formen von emotionaler Gewalt. Sie unterscheiden sich von der Methode und dem Schweregrad ihrer Erkennbarkeit: Subtile Gewalt durch Manipulation ist am schwersten durchschaubar.
Alle drei Formen vereint ein Ziel: die Partnerperson innerlich zugrunde zu richten und unter völlige Kontrolle zu bringen.
Machen wir einen Sprung in das Neuseeland vor gut zwanzig Jahren, genau genommen an die Universität Waikato. Dort arbeitete die Psychologin Marianne Lammers in ihrer Dissertation (1) und dem darauf basierenden wissenschaftlichen Artikel (gemeinsam mit Jane Ritchie und Neville Robertson) heraus, dass psychische Gewalt kein zufälliges Verhalten ist, sondern ein systematisches Werkzeug zur Etablierung von Macht (2).
In ihrer wegweisenden Studie fand Marianne Lammers drei wesentliche Kontrollstile in Beziehungen: Dominant, passiv und manipulierend. Diese drei Dimensionen können ineinandergreifen, um die Autonomie des Opfers zu brechen (Lammers et al. 2005).
1. Dominante Kontrolle („Dominant Control“)
Dominante Kontrolle ist direkte Kontrolle. Sie ist die unmittelbarste Form der Machtausübung – und als solche am leichtesten zu erkennen. Die Täterperson greift direkt in das tägliche Leben und die Entscheidungsfreiheit der Partnerperson ein.
• Merkmale: Verbote, Befehle und ständige Überwachung.
• Beispiele: Die kontrollierende Person bestimmt, welche Kleidung getragen werden darf, mit wem sich die Partnerperson treffen darf oder wie das Geld ausgegeben wird. Auch das ständige Kontrollieren des Handys oder das Verlangen, jederzeit erreichbar zu sein, fällt in diese Kategorie.
• Ziel: Die unmittelbare Unterordnung und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit.
In meiner therapeutischen Praxis beobachte ich direkte Kontrolle selten. Wenn, dann wird sie nur sparsam eingesetzt. Denn direkte Vorschriften würden bei den meisten meiner aufgeklärten, vielfach hochgebildeten Klient*innen nicht funktionieren und einen frühen Ausstieg aus der Beziehung bewirken.
Nachdem Täterpersonen das meist instinktiv spüren und dominante Strategie damit unwirksam wäre, weichen sie auf indirekte Methoden aus.

2. Passive Kontrolle („Passive Control“)
Diese Form der Kontrolle ist subtiler und zielt darauf ab, das Umfeld und die Lebensumstände der Frau so zu manipulieren, dass sie isoliert und abhängig wird.
Viele durchschauen diese indirekte Taktik bereits nicht mehr – denn Täterpersonen gehen äußerst geschickt vor.
• Merkmale: Isolation von Unterstützungsnetzwerken und Manipulation sozialer Beziehungen.
• Beispiele: Die Täterperson provoziert Streit mit den Eltern oder Freunden der Partnerperson, bis diese sich zurückziehen. Sie verbreitet Gerüchte über sie oder verhält sich bei sozialen Anlässen so peinlich oder aggressiv, dass die Partnerperson von sich aus beginnt, Einladungen abzulehnen, um Konflikte zu vermeiden.
• Ziel: Die Partnerperson soll jegliche externe Bestätigung und Hilfe verlieren, sodass die Täterperson die einzige Bezugsperson und Informationsquelle bleibt. „Du brauchst nur mich, um glücklich zu sein“: diese Überzeugung soll dem Gegenüber möglichst tief eingepflanzt werden – damit sie möglichst starke Wurzeln schlägt und zu größtmöglicher Abhängigkeit von der Beziehung führt.
Meine therapeutische Erfahrung mit passiver Kontrolle in Beziehungen
In meiner Praxis beobachte ich eine direkt angesteuerte Isolation selten. Denn auch eine solche würden meine Klient*innen schnell durchschauen. Stattdessen arbeitet die Täterperson über lange Zeiträume konsequent und unauffällig an der „Unschädlichmachung“ der Netzwerken ihrer Partnerperson:
Dabei wird niemandem irgendetwas ausgeredet – viel zu direkt.
„Triff dich doch mit XY“ posaunt die Täterperson da sogar hinaus – um dann die betreffende Person in einem Nebensatz subtil abzuwerten.
„Willst du deine Eltern wirklich dieses Wochenende wieder treffen? Ich habe letztens doch gemerkt, dass du dich nachher nicht gut gefühlt hast“ – auch Sätze wie diese sind geschickt formuliert. Und wirken strategisch-verunsichernd.
Oder die Täterperson instrumentalisiert das Netzwerk des Opfers gezielt für eigene Zwecke – macht sich beliebt, unterstützt, hilft. Ich kenne Fälle, in denen Eltern nach der Trennung ihrer Tochter mit dem hilfreichen Schwiegersohn mehr Kontakt hatten als mit der Tochter selbst.

3. Manipulative Kontrolle („Manipulative Control“)
Dies ist die tiefgreifendste Form der Kontrolle. Wenn sie einmal gut etabliert ist, muss die Täterperson gar nichts mehr tun – denn das Opfer kontrolliert sich selbst.
Schuldgefühle, Verunsicherung und Verpflichtungsgefühle destabilisieren das Opfer mit der Zeit so stark, dass sein Selbstwert in sich zusammen fällt. Damit fehlen Kraft und Perspektive, sich aus dieser Beziehung jemals wieder zu befreien.
• Merkmale: Manipulation des Selbstbildes und Erzeugung von Angst oder Schuldgefühlen. Gerne wird dabei Gaslighting eingesetzt – das Abstreiten von Gefühlen, Wahrnehmungen und Gedanken der Partnerperson.
• Beispiele: Durch ständige Kritik, Abwertung („Du bist nichts ohne mich“, „Du bist verrückt“) und unvorhersehbare Stimmungsschwankungen beginnt die Frau, ihr eigenes Urteilsvermögen infrage zu stellen. Sie entwickelt eine „Schere im Kopf“ und passt ihr Verhalten präventiv an, um den Partner nicht zu verärgern. „Vielleicht liegt es ja wirklich an mir“ ist ein Schlüsselsatz, den ich in meiner Praxis schon oft gehört habe.
• Ziel: Die vollständige Erosion des Selbstwertgefühls. Die Frau kontrolliert sich schließlich selbst, weil sie die Regeln und die Angst vor den Konsequenzen so tief verinnerlicht hat, dass der Täter kaum noch aktive Anweisungen
Meine therapeutische Erfahrung mit manipulativer Kontrolle in Beziehungen
Diese Form der Kontrolle beobachte ich leider regelmäßig in Schilderungen meiner Klient*innen.
Bei meiner Analyse gehe ich genau und vorsichtig vor. Vorschnell eine Täter-Opfer-Ebene zu etablieren kann ein Kunstfehler sein – nämlich dann, wenn die toxische Dynamik beidseitig ist. Denn dann handelt es sich oft um eine Beziehung, die verbessert und gerettet werden kann.
Ich frage genau nach: Was ist genau passiert, was wurde gesprochen, in welcher Tonlage? Welche Stimmung ist daraus entstanden, welche Gefühle?
Chatverläufe am Handy können hilfreich sein, um zu verstehen, was abläuft.
Sorgsam gehen wir diese Gefühle durch und ergründen. Was ist passiert, was geschieht, dass sich so eine große Verunsicherung breit macht? Was steckt hinter der Verwirrung? Wovor hat die Person Angst?
Und wir untersuchen die Schuldgefühle. Meine Wiener Kollegin Helga Kernstock-Redl, Expertin für Schuldgefühle, hat dafür einen hilfreichen Fragenkatalog entwickelt (3). Sind diese Gefühle berechtigt? Worin liegt das (vermeintliche) Versagen? Hätte es überhaupt Handlungsalternativen gegeben?
Professionelle Begleitung macht das Erkennen von Manipulation, besonders solche durch Schuldgefühle, um Vieles leichter.

Kontrollstile frei kombiniert: Das individuelle Kontrollmuster
Die Studienautorin Marianne Lammers beschrieb, dass diese drei Arten der Kontrolle eine Atmosphäre der Angst und Unvorhersehbarkeit schaffen.
Eine Kontrollform für sich allein kann schon viel bringen – die Kombination aber ist der Goldstandard: Wirkung so gut wie garantiert!
Während direkte Kontrolle sichtbar ist, führt vor allem die Verbindung mit indirekter und psychologischer Kontrolle dazu, dass Betroffene das Gefühl verlieren, ein Recht auf eigene Bedürfnisse oder eine eigene Identität zu haben. Die schlimmste Konsequenz ist also der völlige Verlust des Selbst.
Dies erklärt laut Lammers auch, warum der Ausstieg aus solchen Beziehungen so extrem schwierig ist.
Denn wohin soll man dann nach einer Trennung überhaupt hin – ohne eigenes Selbst? Zu welcher Person in sich selbst kehrt man dann zurück?
Verwendete Literatur:
(1) Lammers, M. (2002). Women’s experience of emotional abuse in intimate relationships: a qualitative study (Thesis, Doctor of Philosophy (PhD)). The University of Waikato, Hamilton, New Zealand. Retrieved from https://hdl.handle.net/10289/14047
Lammers` Dissertation kann hier heruntergeladen werden – ausführliche, spannende, empfehlenswerte Lektüre!
(2) Lammers, M., Ritchie, J., & Robertson, N. (2005). Women’s experience of emotional abuse in intimate relationships: A qualitative study. Journal of Emotional Abuse, 5(1), 29–64. https://doi.org/10.1300/J135v05n01_02
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Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich, §15 PthG – Psychotherapiegesetz). In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.
Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.
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