22.01.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 14 min

Rettungsanker Affäre: Raus aus der toxischen Beziehung!

Fremdverliebtheit, Flirts und Affären können beim Ausstieg aus ungesunden Beziehungen helfen. Denn es gibt Menschen, die schädliche Verbindungen erst dann lösen können, wenn sie woanders Liebevolles erfahren. Und erkennen: Ich bin wertvoll und verdiene es, gut behandelt zu werden.

22.01.26

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 14 min

Zwei Anhänger mit Anker übereinander gelegt
Zwei Anhänger mit Anker übereinander gelegt

Das Wichtigste in Kürze

  • Affäre als Ausstiegshilfe: Eine neue Liebe kann als „Rettungsanker“ dienen, um den emotionalen Absprung aus einer toxischen und abwertenden Langzeitbeziehung zu schaffen.

  • Wiederentdeckung des Selbstwerts: Durch die positive Bestätigung und das ehrliche Interesse einer anderen Person erkennen Betroffene oft erst, dass sie wertvoll sind und die respektlose Behandlung zu Hause nicht „normal“ ist.

  • Toxische Beziehungen schaden der psychischen und physischen Gesundheit (z.B. Depressionen, Angst)

  • Klarheit durch Kontrast: Die Affäre ermöglicht einen Vergleich zwischen wertschätzendem Verhalten und emotionalem Missbrauch, was den nötigen Mut und die nötige Entschlusskraft für eine längst überfällige Trennung liefert.

Inhaltsverzeichnis

Fremdverliebtheit, Flirt und Affäre als Rettungsanker

Manchmal können Affären sowas wie Leben retten. Und zwar dann, wenn die neue Liebe dabei hilft, den Ausweg aus einer ungesunden Beziehung zu finden. Oft werden solche Affären nicht einmal ausgelebt, bleiben emotional oder halb freundschaftlich. Der Effekt kann dennoch stark sein.

Denn es gibt Menschen, die erst dann merken, wie schlecht sie behandelt werden, wenn jemand anderer gut zu ihnen ist. Wer endlich wieder Wärme, Verständnis und Zärtlichkeit erlebt, dem gehen die Augen auf für die Schieflage daheim.

In diesem Blogartikel beschreibe ich, was diesen Effekt ausmacht und habe dafür eine interessante Geschichte aus meiner therapeutischen Praxis mit dabei.

Anker hängt befestigt

„Die Affäre hat mich gerettet“: Eine Geschichte aus meiner Praxis

Meine Klientin Elena* erscheint zum Ersttermin tipptopp gekleidet. Der kurze Rock, das geschmackvoll Oberteil und die Ohrringe bilden ein harmonisches Ganzes.

Kaum zu glauben, dass diese gepflegte Frau um die Vierzig gerade dabei ist, sich von einem cholerischen, abwertenden und zynischen Gefährten zu trennen. Elenas Mann Peter, mit dem sie seit zehn Jahren verheiratet ist, zeigt an ihr nicht das geringste Interesse – außer für Sex. Wenn dieser nicht wie von ihm gewünscht stattfindet, fliegen die Fetzen. Und manchmal auch Gegenstände.

Gerne lässt Peter Schimpftiraden los, am liebsten in Zeugenschaft der beiden Söhne. Lautstark und voller verachtender Zuschreibungen an seine Frau. Die Kinder sollen schließlich merken, dass Elena an allem schuld ist.

Für diesen Mann trägt seine Frau die volle Verantwortung dafür, dass es ihm „psychisch so schlecht“ geht.

Leider passiert das manchmal: Wenn es Menschen schlecht geht, schieben sie die Verantwortung dafür auf ihre Partnerperson. Durch diese Projektion gelingt es ihnen, die persönlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren zu vermeiden. Und sich ihren eigenen Einschränkungen zu stellen.

Wie es Elena geht, was sie bewegt ist in dieser schädlichen Beziehung schon lange kein Thema mehr. Meine Klientin hat sehr gut gelernt, ihre Wut und wachsende Angst abzuspalten: Sie spürt sie nicht mehr. Damit sie irgendwie durchhalten kann.

Peter verweigert Klartext-Gespräche, Paar-Beratung und natürlich auch professionelle Hilfe für sich selbst. Elena merkt, dass ihr die Kraft ausgeht: „Ich kann einfach nicht mehr“.

Sie versteht nicht, warum sich Peter über die letzten Jahre so sehr verändert hat. Wie es überhaupt so weit kommen konnte. Was hätte sie besser machen können? Hat sie ihrem Mann zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, vor allem, als die Söhne noch klein waren?

In Elenas Inneren tut sich aber auch eine zweite Seite auf. Eine Seite, die begreift, dass sie großen Schaden nehmen wird, wenn sie in dieser Ehe bleibt.

Eine Seite, die begreift, dass sie diese entwürdigende Situation nicht länger ertragen muss. Dass sie darüber nachdenken darf, sich in Sicherheit zu bringen.

Bevor sich Menschen aus Beziehungen lösen, ringen sie oft längere Zeit mit sich. Zwei Seiten, zwei Stimmen treten gegeneinander an: Willst du wirklich alles aufs Spiel setzen, fragt die eine. Willst du das wirklich noch länger mitmachen, die andere.

Gute Entscheidungen entstehen daraus, dass man diesem inneren Dialog Raum gibt und beide Stimmen ernst nimmt.

Logbuch mit Anker und Lampe für Seefahrt

Wenn neue Liebe Mut macht für eine längst überfällige Trennung

Elena hat ein Geheimnis, das sie mit mir teilt: Seit einem halben Jahr ist sie in Clemens* verliebt, einen ehemaligen Studienkollegen, der in einem anderen Bundesland lebt. Und den sie nur alle paar Wochen sieht.

Es ist eine prickelnde Schwärmerei, die beide genießen, mit schönen Treffen alle heiligen Zeiten. Und liebevollen Nachrichten, die beide durch den Alltag tragen.

Wenn mir der Andere so liebe Nachrichten schreibt, habe ich das Gefühl, dass ich doch noch etwas wert bin“ so meine Klientin.

Und sie spricht noch andere Gedanken aus:

Langsam merke ich, dass die Beziehung mit meinem Mann nicht normal ist. Mir wird erst jetzt klar, was ich alles mit mir habe machen lassen. Unglaublich.“

„Und es fühlt sich so toll an, dass da jemand ehrliches Interesse an mir zeigt. Wenn ich mit dem Anderen bin fühle ich mich gut und attraktiv. Ich weiß, dass ich ihm total gefalle. Es kann nicht sein, dass ich so unfähig bin wie mein Mann mich hinstellt“.

Frau schaut nachdenklich aus dem Fenster

Darf ich mich trennen – trotz Kindern?

Elena zweifelt noch, ob sie den Schritt aus ihrer Ehe wagen soll. Wäre das nicht vielleicht doch ein Fehler? Im gemeinsamen Freundeskreis würde die Trennung kaum wer verstehen, denn in der Öffentlichkeit ist Peter charmant und witzig. Von dem, was daheim läuft, ist nach außen nichts sichtbar.

Ob man ihr bei Gericht glauben würde, wenn es zu einer strittigen Scheidung käme?

Da ist sie wieder, Elenas unsichere innere Stimme. In unseren gemeinsamen Stunden nehmen wir sie sehr ernst. Und spielen mögliche Szenarien gemeinsam durch. Manchmal muss man den Stier, die Angst, bei den Hörnern packen. Und durchgehen, was passieren kann und was unwahrscheinlich ist.

Elena traut ihrer eigenen Wahrnehmung noch nicht so recht. In stillen Momenten stellt sie sich ganz typische Fragen:

  • Ist es vielleicht normal, wie sich meine Partnerperson benimmt? Bin ich zu sensibel?

  • Liegt es vielleicht an mir? Bin ich diejenige, die auf unnötiges Drama macht?

  • Was ist los mit mir? Sollte ich vielleicht doch Lust auf Sex haben? Obwohl ich nicht weiß, wie ich mich dazu bringen kann mit einer Person, die mich schlecht behandelt?

  • Darf ich meinen Kindern eine Trennung zumuten? Wenn ich mich bemühe, kriegen sie von unseren Eheproblemen doch kaum was mit.


Es sind vor allem die Kinder, die Elena lange zögern lassen. Aber je öfter wir miteinander arbeiten, desto sicherer werde ich in meiner Einschätzung: Diese Frau wird die Trennung hinkriegen.

Und ihrem Leben damit eine heilsame Wendung geben. Dabei unterstütze ich sie – und spiegle ihr zurück, wie stark sie eigentlich ist.

Hand mit abgelegtem Ehering

Beziehungen, die mehr schaden als guttun

Manche Beziehungen sind nicht zu retten. Auch wenn`s praktisch wäre. Und das zukünftige Leben so viel einfacher.

Natürlich kann man zusammenbleiben, egal wie es einem geht. Für ein geordnetes Bild nach außen. Der Kinder wegen. Für das Nervenkostüm der Schwiegermutter. Es gibt tausend Gründe dafür, den Dauerschmerz wegzustecken. Aber es entstehen Kosten dadurch, psychisch und körperlich.

Apropos Kinder: Auch für sie kann es eine Erleichterung bedeuten, wenn sie aus der ständigen Spannung einer toxischen Beziehung herauskommen. Natürlich brauchen sie Zeit und viel Unterstützung, um sich an eine Trennungssituation zu gewöhnen.

Es ist eine klare Fehleinschätzung, dass Kinder von den Problemen ihrer Eltern nichts mitbekommen. Einer meiner Klienten fragte seine Eltern schon als Kind, ob sie sich nicht trennen könnten. So belastend war die Situation für ihn.

Mir sind auch Fälle bekannt, in denen erwachsene Kinder ihre Mütter hinterfragen: Warum hast du dich nicht gewehrt? Warum bist du nicht gegangen? Es war schlimm, zuzuschauen!

Eine einfache Faustregel besagt: Je schlechter eine Beziehung, desto besser die Trennung.

Toxische Beziehungen haben ihren Preis

Die Kosten für toxische Arrangements sind hoch. Und sie steigen mit den Jahren. Der Preis wird oft erst im Rückblick so richtig klar.

Unsere Psyche ist nicht darauf ausgerichtet, dass wir über Jahre Dinge tun, die wir nicht tun wollen. Oder uns mit Menschen abgeben, die wir am liebsten nicht sehen wollen.

Unser Inneres wehrt sich gegen schädliche Beziehungen – auf seine Art. Depression, Angsterkrankungen und Trauma-ähnliche Symptome sind nur einige davon.

Wer nicht auf die innere Stimme hört, bringt den Körper zum Sprechen. Krankheiten kommen nicht einfach so daher, dafür genügt ein Blick auf die Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie (1). Seele und Körper hängen zusammen, wie schon seit Jahrtausenden vermutet.

Darüber hinaus sind toxische Beziehungen wahre Selbstwertkiller.

Wenn wir uns ständig zu etwas zwingen, was wir nicht wollen, hat das Auswirkungen auf unser Selbstbild. Ich bin nichts wert, steht dann da, in großen, leuchtenden Buchstaben. Wie sollen wir eine gute Meinung von uns selbst haben, wenn wir Tisch und Bett mit einer Person teilen, die wir eigentlich nicht leiden können?

Verstehe mich nicht falsch: Eine Affäre bedeutet Heimlichkeit und Lüge. Das ist nicht schön.

Manchmal bewirkt heimliche Liebe aber etwas Gutes: nämlich dann, wenn sie die Türe aus einer gefängnishaften Beziehung bedeutet, die ein Mensch sonst nicht öffnen könnten.

Und das kann sich wie eine Lebensrettung anfühlen.

Frau schaut nachdenklich zum Boden

Toxische Beziehungen: Augenöffner Fremdverliebtheit und Affären

Für Menschen in ungesunden Beziehungen bringen Fremdverliebtheit, Flirts oder Affären meist innere Prozesse in Gang, die sich positiv auf Durchblick und Selbstwert auswirken:

Lerneffekt #1 – Innere Gedanken:Ich bin offenbar doch noch jemandem etwas wert. Das heißt: Ich habe einen Wert, den mein Langzeitpartner nicht (mehr) erkennt. Nicht mit mir ist etwas falsch, sondern meine Partnerperson ist wohl blind. Ich bin nicht so dumm und unfähig, wie sie mir laufend erklärt.

Aha-Erlebnis #2:Wenn jemand anderer meinen Wert erkennt, beginne auch ich wieder, mich selbst als wertvoll wahrzunehmen. Es ist auch wichtig, wie es mir geht.

Ich tue wieder mehr Dinge, die mein Wohlbefinden steigern. Ich traue meiner eigenen Wahrnehmung wieder mehr. Ich bleibe innerlich mehr dabei, wie ich die Dinge wahrnehme. Und nicht so, wie sie mir meine Partnerperson weismachen will. Ich gebe nicht mehr andauernd nach. Ich lasse mich nicht mehr zu Dingen zwingen, die ich nicht tun will.“

Eye-Opener #3: „Es ist eine wunderbare Erfahrung, dass jemand liebevoll und aufmerksam mit mir umgeht. Das ist die Art von Beziehung, die ich mir wünsche, die ich verdiene.“

Schlussfolgerung #4: „Wenn ich dauerhaft schlecht behandelt werde, darf ich mir Gedanken an eine Trennung erlauben.“

An Gedanken gewöhnt man sich. Dann können daraus Taten werden. Im Fall von gewaltvollen Beziehungen ist die notwendige Tat die Loslösung, mit der viele so lange kämpfen.

Oben beschriebene Lerneffekte treten ganz unabhängig davon ein, ob die heimliche Liebe später zur neuen Beziehung wird. Denn für Menschen in schädlichen Beziehungen gilt vor allem eins: Raus aus dem qualvollen Arrangement!

Mit oder ohne neuem Beziehungspartner. Aber mit der Erfahrung: „Ich bin etwas wert. Ich gebe mich nur noch mit Menschen ab, die mich gut behandeln.“

Ruhiges Meer mit blauem Himmel und weiter Sicht

Und im Rückblick gesehen?

Eineinhalb Jahre sind ins Land gezogen. Elena ist mittlerweile geschieden und hat diesen Schritt noch nie bereut. Das Ausverhandeln der Kinderbetreuung mit ihrem Mann war nicht einfach. Die beiden Söhne werden noch einige Zeit brauchen, bis sie sich an das Leben mit getrennten Eltern gewöhnt haben. Und eine Weile besonders viel Zuwendung brauchen.

Aber auch Elenas Affären-Geschichte ist vorbei. Sie ließ sich nicht in eine Langzeitbeziehung verwandeln: dazu waren die jeweiligen Vorstellungen vom Leben zu verschieden.

Oft sind Affären-Partner*innen Menschen für Übergänge im Leben. Aber nicht für das, was danach kommt.

Das Auseinandergehen war für beide schmerzhaft, aber im gegenseitigen Einvernehmen. Elena blickt mit warmen Gefühlen auf die verliebte Zeit mit ihrem Studienfreund.

Ob Elena es auch ohne Affäre geschafft hätte, sich aus ihrer schlimmen Ehe zu befreien?
Vielleicht. Vielleicht hätte sie aber auch noch Jahre dafür gebraucht. Jahre, in denen ihr Selbstwert noch weiter nach unten gerutscht wäre. Vielleicht hätte sie sich dabei ganz verloren. Hätte, hätte, Fahrradkette.

*Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich, §15 PthG (Psychotherapiegesetz). In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.

Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.

Quellen:

(1) Schubert, C. & Amberger, M. (2024, 3. Auflage). Was uns krank macht, was uns heilt: Aufbruch in eine neue Medizin. Das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele besser verstehen. München: Goldmann.

Fotocredits – Titelbild: Chuttersnap for Unsplash. Artikelbilder: Grant Durr, Regine Tholen, Benjamin Voros, Kristina Kutlesa, BABI und Thomas Vimare for Unsplash

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach - seit 2008 mit eigener Praxis zentral in Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer bei privaten und beruflichen Themen - empathisch, lösungsorientiert und ohne zu urteilen.

Ein traumasensibler Blickwinkel ist mir dabei ganz wichtig - auch in meiner Arbeit mit Paaren.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

Die Motivation für diesen Blog? Mein Wissen über Beziehungen, Liebesfähigkeit und Verletzung möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen.

Weil Liebe das ist, woraus wir gemacht und wofür wir hier sind.

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