30.11.25
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 7 min
Only fools rush in: Neue Beziehung? Lieber mal langsam mit Kennenlernen und Sex
30.11.25
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 7 min


Inhaltsverzeichnis
- Lieber mal langsam mit der neuen Liebe – ein altmodischer Rat?
- Die Nachteile von rascher Bindung
- Schneller Sex – wo liegt das Problem?
- Gerhard und die vorschnelle Bindung an Martina: Eine Geschichte aus meiner Therapie-Praxis
- Frühes Bindungs-Trauma macht verwundbar – und ein langsames Kennenlernen besonders wichtig
- Weitere Blog-Beiträge
Lieber mal langsam mit der neuen Liebe – ein altmodischer Rat?
Bin ich altmodisch, wenn ich dazu rate, sich beim Kennenlernen Zeit zu lassen? Vor allem dann, wenn man „etwas Festes“ anstrebt, eine solide Langzeitbeziehung?
Vielleicht. Aber diese Kategorie stört mich nicht: mir geht es darum, meine Klient*innen möglichst gut beim Dating und bei der Wahl einer Partnerperson zu unterstützen.
Dabei ist meine Empfehlung meist hilfreich – und kann so manche Enttäuschung verhindern.
Die Nachteile von rascher Bindung
Soll es etwa keine Liebe auf den ersten Blick geben, fragst Du Dich nun vielleicht? Und was ist schon dabei, schnell miteinander ins Bett zu gehen? Das machen doch alle…
Ja, kann man alles glauben und machen. Aber ich gebe zu bedenken: Verliebtheit schränkt erwiesenermaßen die Fähigkeit zu kritischem Denken ein – das ist durch die Hirnforschung mehrfach belegt.
Wer sich verliebt oder eine intensive Anziehung erlebt und dann noch ganz schnell Sex hat, von Liebe spricht oder zusammenzieht, handelt riskant.

Die Chance ist groß, dass man wesentliche Persönlichkeitsmerkmale der neuen Partnerperson übersieht.
Man kann sie so schnell auch gar nicht erkennen, denn Handlungsmuster eines Menschen werden erst allmählich sichtbar – durch Wiederholung und Zusammenschau verschiedener Situationen.
Schneller Sex – wo liegt das Problem?
Die Sexualität hat viele Ebenen, die körperliche ist nur eine davon. Die sexuelle Begegnung spricht unsere Gefühle an, löst Sehnsüchte und Ängste aus. Wir verbinden uns innerlich mit der Partnerperson, mal mehr, mal weniger. Wir spüren uns intensiv oder verstecken uns hinter den körperlichen Empfindungen.
Bindungshormone wie das berühmte Oxitocyn werden ausgeschüttet. In der Sexualforschung gibt es zwar keine Belege dafür, dass diese Hormone Menschen in Bindungen jagen, die sie eigentlich nicht wollten. Damit ist auch die Vorstellung widerlegt, dass vor allem Frauen beim ersten Sex aufpassen müssen, um nicht hormongesteuert in eine „Bindungsfalle“ zu geraten.
Allerdings hat Sex für viele Menschen, wahrscheinlich am Beziehungsanfang für Frauen mehr als Männer, einen hohen symbolischen Wert. Das heißt: wenn es dazu kommt, dann bedeutet es viel.
Fazit: Rascher Sex mag für manche nicht sonderlich bedeutungsvoll sein. Für viele ist das erste Mal aber nicht nur eine körperliche, sondern auch eine emotionale Schwelle. Wer sie überschreitet, kommt dann innerlich schwerer wieder aus der neuen Beziehung heraus – wenn diese sich als doch nicht passend erweist. Ein Szenario, das durchaus häufig vorkommt.

Gerhard und die vorschnelle Bindung an Martina: Eine Geschichte aus meiner Therapie-Praxis
Mein Klient Gerhard*, Ende 30, lernt die gleichaltrige Martina auf einer Party kennen. Sofort sind beide voneinander elektrisiert und landen schon kurz danach erstmals im Bett.
Es folgen: phantastischer, aufregender Sex. „Unglaubliche Gefühle“, wie Gerhard es beschreibt. Verliebtheit bis zum Anschlag – oder sollen wir lieber von enormer Aufregung sprechen?
Gerhard steckt noch in einer losen, wenn auch nicht mehr sexuell gelebten Beziehung zu Rita. Diese beendet er erst langsam binnen des ersten gemeinsamen Monats mit Martina, der es gerne schneller ginge.
Es folgen einige halbwegs schöne Monate für das neue Paar, bis nach fünf, sechs Monaten die Probleme starten: Martina hält Gerhard zunehmend vor, dass er sich nicht sofort von Rita getrennt hat. Sie fühle sich ungeliebt und hintergangen. Es folgen Nächte voller Tränen, chaotischer Gesprächsfetzen und wütender Beschimpfungen. Zunehmend geht es weniger um Argumente, sondern um Drama.
Long story short: Das Problem lässt sich nicht lösen. Martina gleitet immer weiter in ihre Beschimpfungen ab, Gerhard verteidigt sich immer verzweifelter.

Frühes Bindungs-Trauma macht verwundbar – und ein langsames Kennenlernen besonders wichtig
Was ist hier eigentlich geschehen?
Gerhard trägt tiefe Bindungsverletzungen in sich, ohne es zu wissen. Die Sehnsucht nach Nähe und Liebe war so groß in ihm, dass sein Bindungssystem bei Martina sofort „aufmachte“.
Er öffnete sich viel zu schnell, ließ sich binnen weniger Tage mit Haut und Haaren auf die neue Beziehung ein – und wurde enttäuscht.
Martina lernte er erst richtig kennen, als er innerlich schon fest an sie gebunden war. Die Trennung war dann auch mit schwerem Liebeskummer und schlimmen Verlassenheitsgefühlen verbunden. „Es ist, als hätte man mir ein Bein abgeschnitten“ formuliert es Gerhard anfangs.
Mein Klient hat ein schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern. Diesen war es besonders wichtig, vor anderen gut dazustehen. Seine Schwester und er wurden sehr leistungsorientiert erzogen, echte Zuneigung war Mangelware.
Mein Nachfragen ergab auch ein Bild von zeitweiser Vernachlässigung. Und die berühmte „g`sunde Watschn“ durfte natürlich auch nicht fehlen (diese ist ganz und gar nicht gesund, sei hier nur am Rande bemerkt.)
Alte und neue Bindungsverletzungen brauchen eine gute therapeutische Versorgung. Und Gerhards zukünftige Dating-Strategie ein paar klare Standards.
Allen voran eine alte Weisheit: Don`t rush in!
* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich, §15 PthG – Psychotherapiegesetz). In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.
Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.
Bildquellen:
Beitragsbild: Martin Jordan Fotografie
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