20.09.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 15 min
Toxisch-missbräuchliche Beziehungen und die DARVO-Technik: Wie sich Täterpersonen zu Opfern stilisieren
Was tun, wenn machtfokussierte, kontrollierende Partnerpersonen den Spieß in Konflikten regelmäßig umdrehen? Die DARVO-Technik beschreibt das System hinter der Täter-Opfer-Umkehr. Erfahre an konkreten Beispielen, wie diese Manipulation funktioniert und wie Du Dich davor schützt.
20.09.26
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 15 min


Inhaltsverzeichnis
DARVO-Technik: Deny, Attack, Reverse Victim and Offender
Das Wort DARVO ist ein Akronym für: Deny, Attack, Reverse Victim and Offender. Es beschreibt eine Taktik, mit der Fehlverhaltende darauf reagieren können, wenn man sie für ihre Taten zur Verantwortung zieht.
Dies geschieht etwa dann, wenn eine tatsächlich schuldige Täterperson in die Rolle des „Opfers einer Falschbeschuldigung“ schlüpft, die Glaubwürdigkeit ihres Gegenübers untergräbt und dieses beschuldigt, durch die vermeintliche Falschanschuldigung die eigentliche Tat begangen zu haben.
Das DARVO-Konzept wurde 1997 von der US-amerikanischen Psychologie-Professorin Jennifer Freyd entwickelt und wird seither laufend weiter beforscht. Auf der Website des Center for Institutional Courage finden sich mittlerweile 74 akademische Publikationen zum Thema. Freyd beschäftigte sich intensiv mit den Folgen von Trauma durch Vertrauensbruch („betrayal trauma“) und stieß im Zuge ihrer Recherchen auf dieses wiederkehrende Muster.
In einer Studie konnten die US-amerikanische Psychologieprofessorin Sarah J. Harsey und ihre Kolleginnen belegen, dass Frauen häufiger von DARVO betroffen sind, wenn sie Männer mit einem Fehlverhalten konfrontieren. Zudem zeigten die Ergebnisse, dass DARVO während einer Konfrontation die Selbstbeschuldigung der Betroffenen verstärkt.
Nicht nur im Kontext von intimen Beziehungen finden wir diese Methode. Als Abwehrmechanismus begegnet sie uns überraschend oft im Alltag, auf institutioneller Ebene und im Berufsleben – wir müssen nur genau hinschauen.

Ein einfaches Beispiel für DARVO aus meinem eigenen Alltag
Es ist kurz vor Weihnachten 2025 und ich möchte in einer Trafik noch eine Zeitschrift kaufen. In dem Einkaufszentrum hat sich vor der einzigen besetzten Kassa eine längere Schlange gebildet.
Von hinten kommt unübersehbar ein großer Mann mit einer Zeitung in der Hand, arbeitet sich zügig seitwärts an der Reihe der Wartenden vorbei und schiebt sich schließlich kurz vor der Kassa als Nächster ein. Damit hat er kühn sechs Menschen überholt, die Respekt für andere zeigten.
Ich trete kurz aus der Reihe und frage den Drängler in neutralem Ton, ob Warteschlangen für ihn nicht gelten würden. Und ob er das immer so mache, sich einfach vorzudrängen.
Ich werde mit einem höhnischen Grinsen belohnt – und einem direkten Gegenangriff: Ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als so kurz vor Weihnachten Unfrieden zu stiften? Der Mann hinter der Kassa solidarisiert sich sogleich: Es sei jetzt wichtig, den Frieden zu wahren in all diesem Trubel. So kurz vor den Festtagen!
Ich zahle, als ich an der Reihe bin, und verlasse das Geschäft verärgert und verwirrt zugleich. Bin ich die Sache unnötig hart angegangen? Hätte ich lieber einfach nichts sagen sollen, so wie alle anderen auch? Habe ich einfach nur einen schlechten Tag?
Ganz genauso wirkt die DARVO-Technik: Sie verunsichert. Und das schwächt.
Eine Zeit lang gebe ich meiner inneren Verwirrung Raum. Dann fällt mir das DARVO-Konzept ein und ich ordne gedanklich ein, was gerade passiert ist: Jemand, der sich eine Dreistigkeit herausnimmt, schiebt den schwarzen Peter ganz einfach derjenigen zu, die es anspricht. So einfach, so wirkungsvoll.
Mein Ärger verraucht langsam und ich erledige in Ruhe den Rest meiner Besorgungen.
Die DARVO-Technik in Gewaltbeziehungen
Wer schon in meine anderen Artikel über Macht, Kontrolle und Manipulation in Beziehungen hineingelesen hat, weiß: Toxisch-missbräuchliche Beziehungen – im Englischen gibt es die treffenden Begriffe abuse und abusive, die sich im Deutschen nur unzureichend mit missbräuchlich übersetzen lassen – brauchen keine körperliche Gewalt. Emotionale, sexuelle, finanzielle und digitale Gewalt reichen völlig aus. Sie sind überaus machtvoll.
Die Palette der Möglichkeiten ist mit emotionaler (psychischer), sexueller, finanzieller und digitaler Gewalt schon mehr als ausreichend. All diese Methoden sind überaus machtvoll.
Manipulativ geschickte Täterpersonen kontrollieren ihre Partner*innen, ohne jemals Hand an sie zu legen oder laut zu werden.
In schweren Fällen sichern sie ihre Machtposition so subtil, dass ihr Gegenüber die Kontrolle gar nicht bemerkt – sondern glaubt, selbst die Schuld am eigenen Unwohlsein zu tragen.
Es braucht keine sichtbaren Verletzungen, um Menschen in missbräuchlichen Dynamiken gefangen zu halten. Manipulation, systematische Verunsicherung und das gezielte Rütteln am Selbstwert reichen völlig aus, um die meist hochempathischen Partnerpersonen unter Kontrolle zu bringen.
Im Folgenden zeige ich zwei typische Beispiele für DARVO in Intimbeziehungen, die von Macht und Kontrolle geprägt sind.

DARVO als Abwehrinstrument bei begründeter Eifersucht
Du spürst, dass in Deiner Beziehung beim Thema Treue etwas nicht stimmt? Du hast sogar konkrete Anhaltspunkte dafür – Chatnachrichten, verdächtige Kreditkartenabrechnungen, Hinweise aus dem Bekanntenkreis oder widersprüchliche Aussagen Deines Gegenübers?
Die Chancen stehen gut, dass Deine Partnerperson mit DARVO reagieren wird, wenn Du sie damit konfrontierst. Eine typische Antwort lautet dann: „Deine Vermutungen sind lächerlich. Da ist absolut nichts dran. Aber mit DEINER krankhaften Eifersucht zerstörst DU gerade unsere ganze Beziehung!“
Fazit: Der Spieß wird umgedreht – und plötzlich stehst Du verwirrt da, beladen mit Schuldgefühlen und völlig auf Dich allein gestellt.
Anstatt dass das eigentliche Thema geklärt wurde, bist Du erst einmal damit beschäftigt, Dich selbst zu hinterfragen: Hat mein Gegenüber recht? Habe ich mich unfair verhalten? Bilde ich mir das alles vielleicht nur ein?
Solltest Du diese Form der Verunsicherung erleben, habe ich eine Anregung für Dich: Achte in nächster Zeit darauf, ob Deine Gegenüber diese Taktik des Spieß-Umdrehens auch bei anderen Themen anwendet. Sobald Du das Muster erkennst, verliert die Manipulation einen Teil ihrer Macht.
Lass Dir Deine Wahrnehmung nicht ausreden. Hole Dir Hilfe und sprich mit einer ausgewählten Person Deines Vertrauens darüber.
Tina und das ungewollte Geschenk: Eine Geschichte aus meiner therapeutischen Praxis
Die zweijährige Beziehung zwischen meiner Klientin Tina*, 22, und ihrem Freund Adam* wackelt schon länger: Tina spürt seit Monaten, dass etwas grundlegend nicht stimmt, kann aber noch nicht ganz greifen, was los ist. In letzter Zeit schläft sie nicht mehr gut und gerät nach jedem Zusammensein mit ihrem Freund in eine neue Schleife von quälenden Grübeleien, Wut und Selbstzweifeln.
Wenn die beiden in größeren Gruppen ausgehen kümmert Adam sich kaum um seine Freundin – besteht aber immer darauf, dass sie mitkommt. Möchte Tina etwas alleine mit ihren eigenen Freundinnen unternehmen, hält er sie davon ab: Zufällig hat er genau dann schon Take-away bestellt und betont enttäuscht, wie sehr er sich auf den Abend zu zweit gefreut habe. Auch Urlaube, die Tina allein mit ihrem Freundeskreis verbringen will, verhindert er, indem er sich einfach dazubucht. Selbst bei Treffen mit ihrer Familie, die Tina gerne auch einmal ohne ihren Freund genießen möchte, mogelt er sich gerne hinein. Tina schafft es in dieser Phase noch nicht, ihm eine klare Grenze zu setzen.
Nun zu einem Beispiel für die DARVO-Technik, die Adam mit seinen 25 Jahren bereits perfekt beherrscht:
Eines Tages schlendern Tina und Adam durch eine Einkaufsstraße. Dabei bleibt Tinas Blick an einer Tasche in einem Schaufenster hängen. Adam fragt, ob sie ihr denn gefalle – er würde sie ihr gerne schenken. Tina überlegt kurz, geht im Geist ihre Garderobe durch und verneint freundlich: Nein, sie braucht keine weitere Tasche. Und sie teilt Adam das auch ganz klar mit.
Doch Adam hat bereits Anlauf genommen. Er drängt sie in das Geschäft, vorgeblich nur „zum Schauen“. Wenige Minuten später kauft er die Tasche – während Tina in Schockstarre daneben steht und nicht begreift, was da gerade passiert.
Da es Tina schwerfällt, gespielt begeistert zu reagieren (sie hatte das Geschenk schließlich explizit abgelehnt), nutzt Adam die Situation sofort aus. Er wirft ihr Unreife und Undankbarkeit vor: Er habe ihr eine Freude machen wollen und das sei nun der Dank dafür.
Das ist DARVO in Reinform. Hier sind die einzelnen Schritte im Detail:
Tina bringt ihre Verwirrung und schwere Schuldgefühle mit in die Therapiestunde. Gemeinsam rollen wir die Situation auf. Schritt für Schritt lernt Tina, Adams Manipulationen zu durchschauen. Nach einigen Wochen findet sie die Kraft, sich zu trennen.
Toxisch-missbräuchliche Beziehungen: Hol Dir Unterstützung!
Beziehungen, die von Macht und Kontrolle geprägt sind, leben davon, dass Betroffene ihrer eigenen Wahrnehmung misstrauen. Genau darauf zielt die ganze Manipulation ja ab: Wer an sich selbst zweifelt, lässt sich leicht steuern.
Der Austausch mit anderen ist deshalb zentral. Genau das wissen manipulative Personen meist intuitiv und versuchen deshalb gezielt, ihr Gegenüber zu isolieren: Familie, Freundeskreis und Arbeitskolleg*innen sollen schrittweise in den Hintergrund rücken, bis die sogenannte „Liebesbeziehung“ (Liebe und Machtbestrebungen widersprechen sich!) der einzige Orientierungspunkt bleibt.
Wenn Du ähnliche Dynamiken erlebst oder unsicher bist, ob Du Dich in einer missbräuchlichen Beziehung befindest: Hole Dir Hilfe. Es ist extrem schwer, sich aus solchen Verstrickungen alleine zu befreien. Suche wieder Kontakt zu vertrauten Menschen oder wende Dich an eine Beratungsstelle.
Q & A zum Thema DARVO
Lies hier die Antworten auf wichtige Fragen zum Thema:
* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. In Österreich gilt laut § 15 des Psychotherapiegesetzes (PthG) die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle zu einer „Hybrid-Persona“. Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und in der Praxis so erlebt.
Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.
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