29.07.25
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 6 min
Ticken Frauen und Männer wirklich so anders?
Wir müssen nicht alle verstehen – nur den Menschen, den wir lieben. In diesem Beitrag geht es darum, wie alte Muster Nähe verhindern können und warum Akzeptanz oft wichtiger ist als Erklärungen.
29.07.25
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 6 min


Inhaltsverzeichnis
Wir müssen nicht Frauen und Männer generell verstehen, sondern nur einen einzigen Menschen: unsere Partnerperson!
Martin K.*, 38 Jahre alt, hat in meinem Praxisraum Platz genommen. Er ist sichtlich angespannt.
Unser Ersttermin scheint ihn zu stressen. Völlig verständlich! Plötzlich soll man einer wildfremden Person persönlichste Dinge erzählen. Das finden viele Menschen zu Recht etwas eigenartig.
Ich mache es ihm so leicht wie möglich. Was immer ihn belastet, er ist damit bei mir willkommen, mache ich ihm klar. Und wir haben keine Eile.
Er druckst herum – aber Schweigen wäre ihm noch unangenehmer.
Wie? Was ist da so kompliziert? Zunächst kenne ich mich gar nicht aus.
Es braucht eine Menge Fragen von meiner Seite, bis ich das eigentliche Problem von Martin K. herausgefiltert habe.
Mein Klient hatte noch nie eine Beziehung, die länger als sechs Monate dauerte.
Wie ist das möglich?
Martin K. erklärt es damit, dass „die Frauen“ zu viel von ihm wollen. Kein Verständnis haben für sein Bedürfnis nach Freiraum.
Warum sind Frauen so? Kann man sie jemals verstehen?
Das ist die Fragenschleife, die ihn schon länger gefangen hält. Dabei führt sie auf einen Holzweg.
Mein Klient schaut nach außen, zu „den Frauen“. Und nicht zu sich selbst nach innen, dorthin, wo er die eigentlichen Antworten finden könnte.

Martin K hat Angst, sich in Beziehungen zu öffnen. Sobald die Frau in einer beginnenden Partnerschaft auf mehr Verbindlichkeit drängt, bekommt er es mit der Angst zu tun.
Es ist eine Angst, die er nicht als solche spürt. Alles, was Martin K in diesen Momenten fühlt, ist ein vages Unwohlsein, das ihn auf Abstand zur Frau hält.
Eine Enge in der Brust, eine Unruhe im ganzen Körper.
Und ich finde noch mehr heraus: Martin K. wurde als Nesthäkchen nach zwei deutlich älteren Schwestern geboren. Die Mutter war hocherfreut über den männlichen Nachwuchs, mehr noch als der Vater. Denn der war ohnehin kaum da war.
Es wird schnell klar, dass die Beziehung zu seiner Mutter weiterhin viel zu eng ist und eine Ablösung noch gar nicht stattgefunden hat.

Wie soll er da offen sein für eine Partnerin?
Es liegt viel therapeutische Arbeit vor uns. Und es ist unsicher, ob sich mein Gegenüber wirklich darauf einlassen wird. Denn gerade dieses Einlassen auf jemanden ist genau das, was ihm schwerfällt.
Einen Punkt erkläre ich ihm aber gleich in der ersten Stunde:
Es ist überhaupt nicht wichtig, sich mit „den Frauen“ generell zu beschäftigen. Für eine Beziehung braucht er nur eine einzige Frau verstehen – seine Auserwählte.
Echtes Verstehen passiert jenseits von Kategorien!
„Die Frauen“ sind ein gedankliches Feld, das meinen Klienten nur aufhält.
Eine falsche Spur, ein Pseudo-Fahrwasser, das ihn von der Auseinandersetzung mit den eigentlichen Fragen ablenkt.
Es geht nicht um „die Frauen da draußen“. Es geht um ihn, Martin. Und um jene Blockade in seinem Inneren, die ihn um eine längere Partnerschaft bringt.
Es geht um das, was er in beginnenden Beziehungen mit Frauen vermeidet wie der Teufel das Weihwasser: um echten Kontakt, echte Nähe.
Wenn er seine Angst überwinden könnte, wäre die Ebene des intellektuellen Verstehens gar nicht mehr so wichtig.
Frauen sind nicht von der Venus, und Männer sind nicht vom Mars.
Wäre diese Planeten-Theorie auch nur ansatzweise relevant, würden gleichgeschlechtliche Paare nicht mit ganz ähnlichen Problemen kämpfen wie heterosexuelle.
Denn auch bei einer Verbindung zwischen zwei Frauen oder Männern will oft die eine Hälfte mehr reden als die andere. Sieht einer die Dinge anders als der andere. Kann eine besser einparken und die andere hat mehr Schuhe.
Persönlichkeit schlägt Schema F.
Außerdem gibt es Menschen, die sich eigene Räume innerhalb tradierter Geschlechter erobert haben. Es gibt heute gottseidank unendlich viele Wege, Geschlechterrollen zu leben. Auch in der Beziehung.
Was sagen die Venus-und-Mars-Apologeten eigentlich dazu?
Wer sich für alle interessiert und alle verstehen will, versteht in Wahrheit keinen einzigen. Und Geschlechter-Klischees bringen niemanden weiter.
In einer Beziehung geht es darum, sich auf einen Menschen so gut wie möglich einzulassen. Ihn so gut wie möglich zu verstehen – auch wenn das oft nicht zu hundert Prozent klappt.
Das, was wir nicht verstehen können, gilt es hinzunehmen. Erst einmal zu akzeptieren.
Können wir uns denn selbst voll und ganz verstehen? Immer?
Ich bin Psychotherapeutin und auf meinem Ausbildungsweg Hunderte von Therapiestunden genossen. Und kann trotzdem nicht behaupten, mich selbst immer voll und ganz zu verstehen.
Akzeptanz ist in vielen Momenten wichtiger als Verstehen.
Vielleicht tun sich zu einem anderen Zeitpunkt Möglichkeiten auf, noch mehr von der Partnerperson zu ergründen. Tiefer zu tauchen. Fragen zu stellen, im richtigen Moment. Unseren Lieblingsmenschen damit noch einmal von einer anderen Seite zu sehen. Und damit wieder ein bisschen besser zu verstehen.

Einen anderen Menschen wirklich kennenzulernen ist ein nie endendes Projekt.
Wer es konsequent verfolgt, bleibt neugierig dran am anderen. Und wird mit interessanter Spannung in der Beziehung belohnt.
Genau genommen ist es doch wie mit uns selbst – wenn wir uns wirklich annehmen wollen, dürfen wir immer wieder neugierig sein:
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