08.12.25
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 9 min
Emotionale Einsamkeit: Warum viele Menschen fremdgehen, obwohl ihnen Treue wichtig ist
Viele Menschen gehen fremd, obwohl ihnen Treue ein wichtiger Wert ist. Grund dafür ist häufig Einsamkeit in der Paarbeziehung - ein schmerzliches Gefühl der Unverbundenheit.
08.12.25
Verfasst von: Sonja Rieder
Lesezeit: ca. 9 min


Inhaltsverzeichnis
- Unverbundenheit in der Paarbeziehung: Die tausend Stiche der Einsamkeit
- Treue ist den meisten Menschen ein hoher Wert
- Gemeinsam einsam: Wenn die Verbundenheit in der Beziehung verloren geht
- Sehnsucht nach intimer Verbundenheit schlägt Treue
- Miriam und die Flucht vor der Einsamkeit: Eine Geschichte aus meiner Praxis
- Treue baucht ein klares „Wofür“
- Psychotherapie und Coaching zu den Themen Affäre und Treue in Wien und online
- Weitere Blog-Beiträge
Unverbundenheit in der Paarbeziehung: Die tausend Stiche der Einsamkeit
Affären haben tausend verschiedene Gründe, jeder Fall ist anders. Und doch haben sie oft einen gemeinsamen Nenner: viele gehen fremd, weil sie sich in ihrer Beziehung einsam fühlen – und obwohl ihnen Treue wichtig ist.
Untreue kommt auch bei glücklichen Paaren vor: zum Beispiel, weil sich eine feine Gelegenheit ergibt. Oder Alkohol im Spiel ist.
Dennoch ist der klassische Affären-Auslöser nach wie vor eine angeschlagene Paarbeziehung. Irgendwann tut alles so weh, jeder Blick, jeder Wortwechsel, dass es gefühlt nicht mehr zum Aushalten ist.
Oder es gibt gar keine Blicke mehr. Man sieht sich nicht mehr direkt in die Augen. Und echte Gespräche (außer über Alltägliches) kommen erst gar nicht in Gang.
Auch wenn hier Sex stattfindet, ist dieser meist zutiefst unverbunden. Nicht wenige Paare kriegen es hin, miteinander zu schlafen und sich dennoch innerlich kein bisschen näher zu kommen!
Treue ist den meisten Menschen ein hoher Wert
Wir haben keine Treue-Krise. Die allermeisten Menschen wünschen sich in ihrer Beziehung ein liebevolles Miteinander, das auf Vertrauen basiert – möglichst ein ganzes Leben lang.
Grundlage für dieses Vertrauen ist in aller Regel ein Treueversprechen. Damit haben die Wenigsten im Vorhinein Probleme – wie sonst kann man sich die hohe Zahl an Eheschließungen erklären? In Mitteleuropa, wo der Zeitgeist ein Zusammenleben ohne Trauschein schon lange toleriert?
Und auch Beziehungen ohne Vertrag gründen meisten auf einem Treue-Pakt, auch wenn dieser oft nicht direkt ausgesprochen wird.
Es mangelt nicht am Willen zur Treue. Mangelnde Werte sind nicht das Problem.
Nur haben die meisten im Blütenmeer verliebter Gefühle keine Vorstellung davon, wie schlimm sich Einsamkeit in einer Paarbeziehung anfühlt.
Und wie sehr sie das irgendwann in Versuchung führen wird, sich die Verbundenheit woanders zu suchen.

Gemeinsam einsam: Wenn die Verbundenheit in der Beziehung verloren geht
Sich alleine einsam zu fühlen ist schon schlimm genug – und erwiesenermaßen ungesund. Zahlreiche Metaanalysen zeigen, dass chronische Einsamkeit ein wesentlicher Risikofaktor für psychische Störungen wie Depression und körperliche Beschwerden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist (Quellen s. unten 2, 3, 4).
Aber Einsamkeit zu zweit bedeutet doppelten Schmerz: es ist, als würde einen die Partnerperson ständig an ein Vakuum erinnern, das langsam immer mehr Land verschlingt. Sie spiegelt die Leere – und verstärkt sie dadurch.
Die Forschung spricht von „emotionaler“ oder „intimer“ Einsamkeit (4), dh. einem schmerzlichen Verlangen, das aus einem Mangel an Intimität in Beziehungen erwächst.
Ich muss an das Nichts denken aus Michael Endes großartigen Buch Die unendliche Geschichte. An die kindliche Kaiserin und den Versuch, ihr Land Phantásien vor dem alles verschlingenden Nichts zu retten.
Einsamkeit kann sich wie ein dunkles Loch anfühlen, das wir ständig umkreisen. Ein Sog von Schmerz, ein bitteres Zurückgeworfensein auf uns selbst.
Wir sind aber pack animals, Herdentiere. Zutiefst soziale Wesen.
Das Nichts steht für die Unverbundenheit. Das Schlimmste, was uns zustoßen kann – vom Tod einmal abgesehen.

Sehnsucht nach intimer Verbundenheit schlägt Treue
Weil wir Verbundenheit brauchen wie Essen, Wärme und Schlaf, halten wir dauerhafte Einsamkeit ganz schlecht aus.
Das Streben nach emotionaler Nähe ist gesund und zutiefst menschlich.
Wenn sich eine langgewachsene Paarbeziehung wie tot anfühlt und jeder Wiederbelebungsversuch scheitert, kann diese Sehnsucht dort nicht gestillt werden.
Dann richtet sie sich irgendwann nach außen. Die Sehnsucht will leben. Sie verlangt nach ihrem Recht.
Das ist der Moment, in dem es ganz oft zur Affäre kommt.
Miriam und die Flucht vor der Einsamkeit: Eine Geschichte aus meiner Praxis
Meine Klientin Miriam* schüttelt ungläubig den Kopf: „Dass meine Affäre mit Sebastian* nun schon seit zwei Jahren läuft, kann ich selbst gar nicht glauben. Ich verstehe einfach nicht, wie ich da hineingeraten konnte. Früher hätte ich jeden, wirklich jeden Menschen mit so einem Verhalten auf das Ärgste verurteilt. Und jetzt bin ich selbst nicht besser. Das ist schlimm.“
In der Therapie untersuchen wir genau, wie es Miriam in der Zeit vor ihrer Affäre gegangen ist. Die Geburt der beiden Kinder, die anstrengenden ersten vier Jahre danach. Und die Beziehung zu ihrem Mann Tom*, die sich immer mehr „verdünnt“ hat.
Was sich zeigt, sind tiefe Einsamkeitsgefühle einer jungen Mutter – mitten im Trubel der Großstadt. Miriam hatte Freundinnen, Kinder und einen Mann. Und dennoch fühlte sie sich isoliert und auf schmerzliche Art unverbunden.
Die einzige Chance von Miriam und ihrem Mann Tom sind radikal ehrliche Gespräche – und die passieren nun. Dabei zeigt sich übrigens, dass Tom ganz ähnlich empfand wie Miriam. Auch er fühlte sich wie abgekapselt.
Durch die große Ehrlichkeit in den Gesprächen empfinden beide langsam wieder mehr Nähe zueinander. Die Gefühle der Getrenntheit nehmen ab.
Das erst schafft den notwendige Boden, der es Miriam erlaubt, sich aus ihrer Parallelbeziehung zu lösen. Diese war wie ein Schrei nach Verbundenheit – mit einem viel zu hohem Preis.

Treue baucht ein klares „Wofür“
Was ist eigentlich passiert, fragen sich viele Untreue. Wie konnte es soweit kommen?
Die meisten Affären drehen sich in der Tiefe nicht um Sex – auch wenn dieser eine wichtige Rolle spielen kann. Es geht vielmehr um das erneute Erleben von Verbundenheit.
Dadurch spürt man auch sich selbst endlich wieder. Und das fühlt sich total lebendig an – lustvoll, freudig, leicht. Das große Aufwachen wie nach einem langen Winterschlaf.
Diese Gefühle können viele Betroffene oft gar nicht richtig beschreiben – zu überwältigt sind sie davon.
Dagegen kommt ein bloßes Treue-Versprechen aus dem Jahre Schnee nicht an. Treu sein, ja gerne – aber wofür? Diese Frage braucht eine befriedigende Antwort.
Treue muss sich immer wieder mit Leben anfüllen, mit Lebendigkeit, mit Sinn.
Treue als bloße Hülle, als abstrakten Wert, können die meisten auf Dauer nicht hochhalten.

Psychotherapie und Coaching zu den Themen Affäre und Treue in Wien und online
Untreue ist in Deiner Beziehung ein belastendes Thema? Du weißt nicht, wie Du Dich von Deiner Affäre trennen sollen? Verstehst Dich selbst nicht mehr? Du schwankst zwischen Langzeit-Beziehung und der Affären-Person – wie sollst Du Dich nur entscheiden?
Du hast die Affäre Deiner Partnerperson entdeckt und weißt nicht, wie es weitergehen soll? Oder Ihr sucht gemeinsam als Paar einen Weg nach der Untreue?
Ich begleite Dich als Einzelperson oder Euch als Paar professionell, empathisch, urteilsfrei und unter der strengen Verschwiegenheitspflicht des österreichischen Psychotherapiegesetzes.
* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. Es gilt die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe in Österreich (§15 PthG – Psychotherapiegesetz). In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle in einer Hybrid-Persona.
Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und tatsächlich erlebt.
Quellen:
Bildquellen (von oben nach unten): Priscilla du Preez, Sandy Millar, Getty Images und Etienne Boulanger for unsplash, Martin Jordan Fotografie.
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