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Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche, sagte Dietrich Bonhoeffer.

Der Theologe und Widerständler gegen das Nazi-Regime bezahlte für sein mutiges Engagement mit dem Leben. Man muss nicht religiös sein, um seinem geistig-ideellen Nachlass etwas abzugewinnen.

Unlängst bin ich, wieder einmal querbeet lesend, über Bonhoeffers Zitat über ein erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche gestolpert. Und halte es für einen wichtigen Aspekt zum Thema Wunsch und Wunscherfüllung, der kaum beleuchtet wird. In unserer Kultur gibt es in den letzten Jahren einen starken Drang hin zu „Erfülle dir deine Wünsche“, „nimm dir deinen Teil vom Leben“ usw.

Nun ist es schon mit den Wünschen nicht so einfach. Die deutsche Buddhistin und Autorin Sylvia Wetzel etwa machte mit eine Gruppe von SeminarteilnehmerInnen eine geführte Übung , die man „Einüben ins Wünschen“ nennen kann (ich habe sie durch eine Tonbandaufnahme Wetzels zum Thema „Geld und Identität“ kennengelernt und bin darüber sehr dankbar – übrigens: zu beziehen über Auditorium Netzwerk).

Wir glauben, zu wissen, was wir uns wünschen. Bei genauerem Hinsehen ist das nicht so einfach.

Angeblich haben wir immer nur Wünsche und wollen ihre schnelle Befriedigung.

Doch: Können Sie Ihre wichtigsten 3 Wünsche nennen, spontan danach gefragt? Versuchen Sie es doch einmal. Ich jedenfalls komme ins Straucheln, und das scheint ganz normal zu sein.

Meditierende können viele Tage mit der Suche nach Wünschen verbringen, und letztere würden sich täglich ändern. Irgendwann kämen wir wohl alle auf die großen, eigentlichen Wünsche zurück, jene nach einem guten, heilsamen Miteinander, nach Frieden, nach Harmonie im Leben.

Wenn nun aber schon das Wünschen an sich so schwierig ist, wie schwierig ist dann erst die Wunscherfüllung?

Da ich mich in diesem Blog hauptsächlich mit berufsrelevanten Fragestellungen beschäftige, hier ein konkretes Beispiel:

Anne hat nach ihrem Wirtschafts-Studium ehrgeizig eine Karrierestufe nach der anderen in einem großen Konzern erklommen. Das hat ihr viel Anerkennung eingebracht, vor allem von Kollegen und der Familie. Sie selbst steht nun, in einer hohen Leitungsfunktion angekommen, an einem Punkt, wo sie erstmals entdeckt, dass zwar alle ihre bisherigen Wünsche ans Berufsleben in Erfüllung gegangen sind, sie sich aber trotzdem nicht wirklich „glücklich“ fühlt. Warum?

Nun, ein Teil der Anerkennung wird ihr in Form von Neid serviert, einige Freundschaften haben sich auseinanderentwickelt, zu sehr differierten die Lebensrealitäten mit der Zeit. Wohl hat sie gelernt, das Konzern-interne Machtspiel zu spielen, sonst hätte sie es auch nicht so weit geschafft. Aber: schön sei das oft nicht, meint sie.

Wunscherfüllung kann toll sein. Sie hat aber meist auch ihren Preis.

Den Preis kalkulieren wir beim Wünschen allerdings nicht ein. Wir wünschen uns dieses und jenes, blicken in eine vermeintlich glanzvolle Ferne und beneiden andere, die wir schon am Ziel wähnen.

Berufliche Wünsche sind oft (auch) idealisierte Phantasievorstellungen. Trotzdem spricht nichts dagegen, sie zu verfolgen. Idealerweise phantasiert man den möglichen Preis von Anfang an ein wenig mit.

Was für ein riskantes Unterfangen, dem Beruf abzuverlangen, er solle „glücklich machen“. (Natürlich kann das eine Weile klappen. Viel wahrscheinlicher ist dauerhaftes Glück jedoch in einem ausgewogenen Leben beheimatet!) Die eigene Tätigkeit mögen, sie gerne ausführen, auch Aspekte akzeptieren können, die weniger Freude machen, das ist eine realistische, unaufgeregte Zielsetzung, die vor abgehobenen Vorstellungen und beruflichen Phantasiegebilden schützt, aus denen es irgendwann sowieso ein – wenn nicht böses, so zumindest realistisches – Erwachen gibt.

Es gibt nichts umsonst, alles hat seinen Preis, die Vorstandsfunktion, der exponierte Direktionsposten, die ersehnte Selbständigkeit.

So ist es eben. Und das kann auch wieder ausgleichend wirken, zum Beispiel wenn wir auf das schauen, was wir nicht erreicht haben.

Wir sind auch das, was wir nicht leben, meint der große britische Psychoanalytiker Adam Phillips in seinem überaus lesenswerten Buch „Missing Out. In Praise of the Unlived Life“.

Das Leben von der unverwirklichten Seite her sehen, kann sehr entspannend wirken.