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Zeitgemäße Führung braucht starke Persönlichkeiten

Autoritäre Führung ist einfacher als partizipative – nicht umsonst ist sie weiterhin stark verbreitet. Doch nur starke Persönlichkeiten haben gute Chancen, vom Kommandieren, Kontrollieren und Korrigieren wegzukommen und in einen zeitgemäßen Führungsstil hineinzuwachsen, der für die Leitung von gebildeten, mitdenkenden und mündigen Menschen notwendig ist.

Traditionelle Führungsstile weiterhin stark verbreitet

Als Karrierecoach darf man nicht klagen, wenn man Einblicke in schwierige Berufssituationen erhält, schließlich habe ich mir meinen Beruf ja ausgesucht. Dennoch sind manche Schilderungen von Klienten derart heftig, dass es seine Zeit braucht, bis das Gehörte verarbeitet ist.

Da ist etwa die Rede von einer Chefin, die ganz offen erklärt, eine „Kultur der Angst“ in ihrer Abteilung etablieren zu wollen, da sie mit dieser Methode gute Erfahrungen gemacht hat. Man hört von Geschäftsführern, die nicht miteinander sprechen – es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Konsequenzen für die gesamte Organisation auszumalen. Sehr oft spürbar aus Erzählungen wird die große Angst von Vorgesetzten, von Mitarbeitern überflügelt zu werden. Wer aber eine solche Angst hat, wird auch mit konstruktiver Kritik nicht gut umgehen können. Es gibt Brülltiraden, Rundumschläge und in verschiedenster Weise Übergriffiges. (Hier sei unbedingt vermerkt: Ich höre auch von tollen Chefinnen und wunderbaren Vorgesetzten. Es gibt sie!)

Unter diesem Blickwinkel ergeben sich konkrete Führungsstile aus dem heraus, was eine Führungskraft „mitbringt“, also ihrem Bewusstseinsgrad, ihrer Reflexionsfähigkeit und ihrem inneren Spielraum ganz generell. Diese Faktoren lassen sich entwickeln – nicht unbegrenzt, aber doch. Während Seminare theoretisches Rüstzeug zum Thema Führung liefern können, bietet Coaching einen hochindividualisierten Zugang zur Persönlichkeitsentwicklung und damit automatisch auch zur Entwicklung als Manager/in.

Dabei müssen äußere Faktoren wie etwa die Unternehmenskultur und das gesamte Umfeld unbedingt berücksichtigt werden: Ein einzelnes Rad, das sich ohne Vernetzung und Support in die Gegenrichtung zu allen anderen dreht, wird nicht lange Teil des Uhrwerks bleiben.

Junge haben überzogene Forderungen an Führungskräfte

Auf der anderen Seite, von unten, kommen junge, top ausgebildete Leute nach, die hohe Anforderungen an Führungskräfte stellen. Partizipation, Offenheit, Freiheit – das sind die Forderungen der Generation Y und auch zahlreicher älterer Semester, die in vielen Unternehmen in Österreich nur unzureichend befriedigt werden – gottseidank gibt es tolle Ausnahmen.

Vielen Berufseinsteigern ist allerdings nicht klar, welchem enormen Druck Führungskräfte ausgesetzt sind und wie gering ihr Handlungsspielraum mitunter ist (va. beim Mittleren Management). Überspitzt formuliert ist es die Sehnsucht nach einer Gott-ähnlichen Figur, die ihren Mitarbeitern jeden Wunsch von den Augen liest, sich ultimativ einfühlen kann und bei jeder Ungereimtheit im Team sofort in die Bresche springt. Diese Erwartungen sind unrealistisch und teilweise auch kindlich.

Die Fähigkeit, sich in die Lage des anderen, also des Chefs, der Vorgesetzten, zu versetzen, ist bei einfachen Mitarbeitern oft genauso wenig ausgeprägt wie bei Führungskräften.

Clash of Cultures

Der unvermeidliche clash of cultures – hier die veraltete, verkrustete Führung, dort die Jungen mit ihren immensen Erwartungen – muss zu Problemen führen und tut es auch regelmäßig. Er wird sich durch Zeitablauf lösen, da die Generationenablöse abzusehen ist.

Bis dahin bestärke ich Führungskräfte auf ihrem Weg hin zu einem mutigeren Stil, der Mitarbeitern mehr Freiheit lässt – soweit es die Umstände zulassen. Und Nachwuchskräfte unterstütze ich dabei, sich selbst auszuprobieren, ihre Offenheit beizubehalten und gleichzeitig die Erwartungen an andere auf ein realistisches Maß zurückzuschrauben – so gut es eben geht.

Dabei gibt es kein Patentrezept, keinen allgemein gültigen Tipp. Lösungen sind immer höchst individuell.