29.07.25

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 7 min

Geschlechterklischees: Ticken Frauen und Männer wirklich so anders?

Wir müssen nicht alle verstehen – nur den Menschen, den wir lieben. Wie Geschlechterklischees ("Frauen von der Venus, Männer vom Mars") Nähe verhindern und warum Akzeptanz oft wichtiger ist als Erklärungen.

29.07.25

Verfasst von: Sonja Rieder

Lesezeit: ca. 7 min

Beziehung_verstehen_Sonja_Rieder
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Das Wichtigste in Kürze

  • Ablenkung durch Geschlechterklischees: Der Versuch, „die Frauen“ oder „die Männer“ generell zu verstehen, führt auf einen Holzweg und lenkt von den eigentlichen Beziehungsfragen ab.

  • Der Blick nach innen: Wiederkehrende Muster oder Distanzbedürfnisse entstehen meist aus eigenen inneren Blockaden und ungelösten Bindungsängsten.

  • Einlassen statt Schema F: Jede Partnerschaft braucht das individuelle Einlassen auf genau einen einzigartigen Menschen jenseits starrer Kategorien.

Wir müssen nicht Frauen und Männer als Gruppen verstehen, sondern nur unsere Partnerperson!

Martin K.*, 38 Jahre alt, hat in meinem Praxisraum Platz genommen. Er ist sichtlich angespannt.

Unser Ersttermin scheint ihn zu stressen. Völlig verständlich! Plötzlich soll man einer wildfremden Person persönlichste Dinge erzählen. Das finden viele Menschen zu Recht etwas eigenartig.

Ich mache es ihm so leicht wie möglich. Was immer ihn belastet, er ist damit bei mir willkommen, mache ich ihm klar. Und wir haben keine Eile.

Er druckst herum – aber Schweigen wäre ihm noch unangenehmer.

Ich verstehe die Frauen einfach nicht, kommt es schließlich aus ihm heraus. Dabei würde ich sie so gerne verstehen!

Wie? Was ist da so kompliziert? Zunächst kenne ich mich gar nicht aus.

Es braucht eine Menge Fragen von meiner Seite, bis ich das eigentliche Problem von Martin K. herausgefiltert habe: Martin K. lernt jemanden kennen, verliebt sich und genießt das Leben mit dieser neuen Person – und die Hoffnung. Bald darauf kommt es zum abrupten Ende.

Mein Klient hatte noch nie eine Beziehung, die länger als sechs Monate dauerte.

Wie ist das möglich?

Martin K. erklärt es damit, dass „die Frauen“ zu viel von ihm wollen. Kein Verständnis haben für sein Bedürfnis nach Freiraum.

„Warum sind Frauen so? Kann man sie jemals verstehen?“ Mein Klient starrt kurz ins Leere.

Das ist die Fragenschleife, die ihn schon länger gefangen hält. Diese aber führt ihn auf einen Holzweg – ohne Chance auf echte Erkenntnis.

Mein Klient schaut immer nach außen, zu „den Frauen“. Und nicht zu sich selbst nach innen – dorthin, wo er die eigentlichen Antworten finden könnte.

Martin K hat Angst, sich in Beziehungen zu öffnen. Sobald die Frau in einer beginnenden Partnerschaft auf mehr Verbindlichkeit drängt, bekommt er es mit der Angst zu tun.

Es ist eine Angst, die er nicht als solche spürt. Alles, was Martin K in diesen Momenten fühlt, ist ein vages Unwohlsein, ein Spannungszustand, der ihn auf Abstand zur jeweils aktuellen Partnerin hält.

Eine Enge in der Brust, eine Unruhe im ganzen Körper.

Ich finde noch mehr heraus: Martin K. wurde als Nesthäkchen nach zwei deutlich älteren Schwestern geboren. Die Mutter war hocherfreut über den männlichen Nachwuchs, mehr noch als der Vater. Denn der war ohnehin kaum da war.

Es wird schnell klar, dass die Beziehung zu seiner Mutter weiterhin viel zu eng ist und eine Ablösung noch gar nicht stattgefunden hat.

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Wie soll er da offen sein für eine Partnerin?

Es liegt viel therapeutische Arbeit vor uns. Und es ist unsicher, ob sich mein Gegenüber wirklich darauf einlassen wird. Denn gerade dieses Einlassen auf jemanden ist genau das, was ihm schwerfällt.

Einen Punkt erkläre ich ihm aber gleich in der ersten Stunde:

Es ist überhaupt nicht wichtig, sich mit „den Frauen“ generell zu beschäftigen. Für eine Beziehung braucht er nur eine einzige Frau verstehen – seine Auserwählte!

Echtes Verstehen passiert jenseits von Kategorien

„Die Frauen“ sind ein gedankliches Feld, das meinen Klienten nur aufhält.

Eine falsche Spur, ein Pseudo-Fahrwasser, das ihn von der Auseinandersetzung mit den eigentlichen Fragen ablenkt.

Es geht nicht um „die Frauen da draußen“. Es geht um ihn, Martin. Und um jene Blockade in seinem Inneren, die ihn um eine längere Partnerschaft bringt.

Es geht um das, was er in beginnenden Beziehungen mit Frauen vermeidet wie der Teufel das Weihwasser: um echten Kontakt, echte Nähe.

Wenn er seine Angst überwinden könnte, wäre die Ebene des intellektuellen Verstehens gar nicht mehr so wichtig.

Frauen sind nicht von der Venus, und Männer sind nicht vom Mars.

Wäre diese Planeten-Theorie auch nur ansatzweise relevant, würden gleichgeschlechtliche Paare nicht mit ganz ähnlichen Problemen kämpfen wie heterosexuelle.

Denn auch in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft möchte oft eine Person mehr reden als die andere, sieht der eine die Dinge anders als die andere, kann die eine besser einparken oder besitzt die andere mehr Schuhpaare.

Persönlichkeit schlägt Geschlechterklischee.

Übrigens: Wenn Du Dich für Geschlechterstereotype im Bereich der Intelligenz interessierst, ist dieser Blogartikel vielleicht spannend für Dich.

Wir wissen schon seit langem: Die Unterschiede innerhalb der Gruppe der Frauen und der der Männer sind wesentlich größer als jene zwischen den Geschlechtern.

Außerdem gibt es Menschen, die sich eigene Räume innerhalb tradierter Geschlechter erobert haben. Es gibt heute gottseidank unendlich viele Wege, Geschlechterrollen zu leben. Auch in der Beziehung.

Was sagen die Venus-und-Mars-Apologeten eigentlich dazu?

Wer sich für alle interessiert und alle verstehen will, versteht in Wahrheit keinen einzigen. Und Geschlechter-Klischees bringen niemanden weiter.

In einer Beziehung geht es darum, sich auf einen Menschen so gut wie möglich einzulassen. Ihn so gut wie möglich zu verstehen – auch wenn das oft nicht zu hundert Prozent klappt.

Das, was wir nicht verstehen können, gilt es hinzunehmen. Erst einmal zu akzeptieren.

Können wir uns denn selbst voll und ganz verstehen? Immer?

Ich bin Psychotherapeutin und habe auf meinem Ausbildungsweg mehrere Hundert Stunden Eigentherapie genossen – und kann trotzdem nicht behaupten, mich selbst immer voll und ganz zu verstehen.

Akzeptanz ist in vielen Momenten wichtiger als Verstehen.

Vielleicht tun sich zu einem anderen Zeitpunkt Möglichkeiten auf, noch mehr von der Partnerperson zu ergründen. Tiefer zu tauchen. Fragen zu stellen, im richtigen Moment. Unseren Lieblingsmenschen damit noch einmal von einer anderen Seite zu sehen. Und damit wieder ein bisschen besser zu verstehen.

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Einen anderen Menschen wirklich kennenzulernen ist ein nie endendes Projekt.

Wer es konsequent verfolgt, bleibt neugierig dran am anderen. Und wird mit interessanter Spannung in der Beziehung belohnt.

Genau genommen ist es doch wie mit uns selbst – wenn wir uns wirklich annehmen wollen, dürfen wir immer wieder neugierig sein:

  • auf das, was wir noch nicht an uns verstehen können

  • auf das, was wir nicht und nicht akzeptieren wollen

  • auf unsere eigenen Widersprüchlichkeiten – wie spannend!

  • auf unerwartete Wendungen und Seiten in uns

Seien wir offen und neugierig für uns selbst und unseren Liebsten.
Wenn möglich ein ganzes Liebesleben lang.

* Ich achte stets darauf, die Privatsphäre meiner Klient*innen zu schützen – dazu bin ich als Psychotherapeutin auch gesetzlich verpflichtet. In Österreich gilt laut § 15 des Psychotherapiegesetzes (PthG) die absolute und strengste Verschwiegenheitspflicht aller Gesundheitsberufe. In allen Geschichten aus meiner Praxis werden deshalb Namen und Details stark verändert. Oft kombiniere ich auch Elemente unterschiedlicher Fälle zu einer „Hybrid-Persona“. Rückschlüsse auf individuelle Personen sind ausgeschlossen. Die Essenz der geteilten Erfahrungen ist jedoch echt und in der Praxis so erlebt.

Hinweis: Dieser Text dient der Inspiration und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. In akuten Krisen suchen Sie bitte umgehend spezialisierte Hilfe auf.

Über mich: Psychotherapeutin Mag. Sonja Rieder, MSc

Ich bin Sonja Rieder, erfahrene Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Coach – seit 2008 mit eigener Praxis im Zentrum von Wien.

Seit vielen Jahren begleite ich Frauen und Männer empathisch, lösungsorientiert und wertfrei bei Themen rund um Liebe & Beziehung, Beruf und Begabung.

Im Coaching liegt mein Fokus auf Wissenschaftlerinnen, Freiberuflern und Selbständigen sowie Menschen in verantwortungsvollen leitenden Berufen.

Meine Klientinnen und Klienten profitieren von meiner analytischen und intuitiven Stärke, einer breiten methodischen Vielfalt und einem traumasensiblen Zugang.

Gerne begleite ich Sie in meiner Wiener Praxis oder online bei Ihren Fragestellungen. Mehr Infos zu mir gibt es hier.

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